KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 9 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 553 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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553 Lieber Mainzer! Heute traf ich den erstell K. C.er im Felde, meinen Schwager vom 5. Ulanenregiment. Leider werden wir wohl wieder getrennt werden. Herzliche kartellbrüderliche Grütze Dein Bischofswerder (Rheno-Silesiae). Werter Herr Kartellbruder! Das ist jetzt der zweite K. C.er, den ich hier drautzen treffe. Biele kartellbrüderliche Grütze! Ihr Walter Kronheim (Lic). Lieber Bundesbruder! Ich liege hier vor Nieuports Mauern, Will in dem Graben schier versauern. Ereignisloser Tage Leere, Das ist des Grabenkriegs Misere. Doch ändert's sich mit einem Male, Da der Kanal von Plaschendaale, Der Fluten Strom auf uns ergötz, Dieweil der Feind den Damm zerschotz. Das Waffer rauscht, das Waffer schwoll, Der Unterstand, der Graben voll, Drum hoch die Flinte, hoch den Sabel, Und reingewatet bis zum Nabel. Der Franzmann freut sich ungeheuer, Er gibt uns wüstes Flankenfeuer, Der Himmel aber seinen Segen — Er gietzt in Strömen — Regen — Regen. Das ist hier eine alte Geschichte, Doch bleibt sie ewig neu. Man holt sich Rheumatismus und auch Schnupfen dabei. Mit schönsten Grützen Ihr Cahn. . . ., 5. 11. 15. Mein lieber Mainzer! Heute erielt ich Deine liebe Sendung und ich antworte, noch evör ich mich eingehender mit dem Inhalt der mir so trauten Blätter befassen konnte. Bei flüchtigem Durchgehen habe ich ersehen, datz ich auf dem Steckbrief vermerkt bin, daher einige Worte zur Aufklärung. Laut Notiz in meinem Merkbuch schrieb ich Dir am 2V. April einen sehr langen Brief, in dem ich Dir meine Erlebniffe schilderte und zugleich um Zusendung der K. C.-Blätter bat, die mir Anfang April das letzte Mal vom Küraffierregiment aus Breslau nachgesandt worden waren. Inzwischen sind wieder einige Monate ver. gangen, in denen ich viel erlebte, zuviel, um es Dir in kurzem darzulegen. Da Du mein Schreiben also nicht bekommen hastwill ich ganz kurz wiederholen. Im Dezember vorigen Jahres kam ich vom aktiven Regiment mit einer sehr bösen Kniegelenkentzündung nach Hause und ging am 7. Februar zum Feld-Kavallerieregrment hinaus, eine Truppe, die aus sämtlichen .. .schen Reiterregimentern gebildet war. Wir waren einer Infanteriedivision zugeteilt und machten viel in Zentralpvlen durch, die letzten vier Monate im Schützengraben. Anfang Juli kamen wir an den Rarem, Und mitten auf dem Vormarsch erwischte mich eine Furunkulose, die mich für sechs Wochen nach Deutschland ins Lazarett brachte. Nach meiner Genesung bekam ich sechs Wochen Urlaub und nach deren Ablauf kehrte ich zu meinem Regiment zurück, das mich namentlich eingefordert hatte. Seit zwei Wochen bin ich wieder bei meinen alten Kameraden, fühle mich sehr wohl und liege momentan ca. 15 km hinter der etwas sehr unruhigen Front in festem Quartier, jeden Augenblick darauf gefaht, alarmiert zu werden. Soweit das „Militärische", nun einige persönliche Mitteilungen, die sicher nicht ohne Interesse für Dich und einige Bundesbrüder sind. Zunächst bin ich nicht mefjr .cand. iur., sondern feit drei Jahren Kaufmann. Ich habe dies der Verbindung im Laufe der Zeit emigemäle mitgeteilt, da aber keine Aenderung der Adreffe eintrat, habe ich mich daran gewöhnt, in den K. C.-Blättern als ewiger Student weitergeführt zu werden. Trotz meiner Abschwenkung ist mein Interesse für den Verband nicht geschwunden, im Gegenteil, ich bin der begeisterte K. C er des ersten Semesters geblieben, was ich auch in Breslau stets bewiesen habe. Der Tod so manchen braven Mitstreiters für unsere Idee hat mich sehr ergriffen, allerdings ist mir keine Kunde so nahe gegangen, wie die vom Ableben unseres lieben Lorenz Lehmann. Ich wollte^ es nicht glauben und nöch heute werde ich weich, wenn ich daran denke, datz dieser Brave nicht mehr unter uns ist. Und nun noch eins. Ich habe mich während meines letzten Aufenthaltes in der Heimat offiziell verlobt. Ich hoffe, mich auf meiner Hochzeitsreise mit meiner jungen Frau bei Dir und meinen l. Heidelbergern vor^ustellen. Wenn der Krieg nicht dazwischen gekommen wäre, wäre es bereits geschehen. Mein lieber Mainzer, ich danke Dir nochmals recht herzlich für die K. C.-Blätter und sende Dir und allen Bekannten allerherzlichste Grütze. In alter Treue Dein Caruso (Fritz Kochmann). . . ., 3. Nov. 1915. Lieber Alex! Am heutigen Nachmittage habe ich mein Pferd gesattelt, um unfern in meiner Nähe in Ruhe liegenden Kb. Fritz Mayer zu besuchen. Wir benutzen die Zusammenkunft, um in Feindesland Deiner zu gedenken und Dir herzliche Grütze zu senden. Kurt Löwenthal. Mein lieber Conleib! Wie Du aus obigen mit Recht so beliebten Zeilen eines Trainreiters ersiehst, hat derselbe mich heute heimgesucht, und das nennt man „Ruhe". Herzlichst Dein Fritz Mayer. Lieber Alter Herr! Damit Du nicht glaubst, die Indier hätten mich bei ihrem letzten Besuch mit Haut und Haaren verspeist, seien Dir wieder mal beste Grütze zugedacht. Eben haben wir wieder etwas Ruhe. Möglich aber, datz es nur eine Bandagenpause ist, aber die Abfuhr sitzt drüben bereits sicher. Unsere Paukanten sind absolut ruhig und siegesgewitz und schlagen sich vorzüglich. Dein Fritz Mayer. Lieber Alter Herr! Ich glaube wohl, Du hast ein wenig Anlatz, auf mich böse zu sein, da ich trotz Deines öfters geäutzerten Wunsches nach ausführlichen Berichten seit geraumer Zeit nur durch gelegentliche Äartengrütze zu erkennen gebe, datz ich noch am Leben bin. Und ihr in der Heimat werdet es auch nicht leicht begreifen, datz tatsächlich die Erlebniffe dieses Stellungskrieges allmählich so den Charakter des Alltäglichen angenommen haben, datz man in ihnen wirklich nichts Beobachtenswertes mehr sieht. Nil admirari! Unsere ganze Psyche ist nach und nach so auf dieses Leben eingewöhnt, datz wir es uns nur schwer vorstellen können, datz alles einmal anders war. Und wenn wir mit scheuem Lächeln miteinander vom Frieden sprechen, dann müffen wir uns erst mühselig klar zu machen suchen, was das eigentlich für uns bedeuten würde, und ganz vorstellen können wir uns das noch nicht. Man arbeitet wieder in der Tretmühle der Gewohnheit: Stellung, Ablösung, Stellung — Ablösung: Man hat den ganzen Kalender danach eingerichtet. Und in der Stellung selbst wieder zu bestimmter Stunde feindliches Artilleriefeuer, dann und wann Tote und Verwundete, Tag und Nacht grabend, wafferschöpfend, bauend, und zu allem dann noch das trostlose Regenwetter des nordfranzösischen Winters. Man empfindet es als eine wahre Erleichterung, wenn dazwischen wieder einmal Tage dröhnen, wie die letzten des vergangenen Septembers, m denen wir den mit riesigen Anstrengungen ausgeführten englisch-französischen Ansturm so blutig