KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 9 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 549 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2268830-2268895-2268898--1609-3523226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
549 merkten wir, dah wir der Front näher kamen. Oft hielten wir auf freier Strecke und Netzen Züge, die vom Norden kamen, an uns vorbei, und endlose leere Transport- und Güterzüge fuhren wieder nordwärts. Zuweilen hielten mir so lange auf freiem Felde, datz wir uns rechts und links des Geleises auf den Wiesen lagerten. Da sah man lusüge Bilder. Auf den Trittbrettern hatte ein Raseur seinen Laden aufgemacht, jedes Wässerchen wimmelte von Soldaten, die sich wuschen oder badeten, Kaffee' wurde gekocht, kurz, es war ein Bild, das schon kriegsmätzig anmutete. Mit immer längeren Aufenthalten kamen wir allmählich unserer Ausladestelle näher. Am Sonntag, den 26. September, wurden wir in V . . . ausgeladen. Dort wimmelte es von Truppen aller Gattungen. Wenn wir jetzt sangen: „Serbien, ach Serbien, wie wird es Dir ergehen", so hatte das einen besonderen realen Grund. Von B... aus machten wir den ersten Marsch scharf südwärts. Hier in T . . . war die erste Rast. Als wir abends aus diesem Dorf weitermaschierten, weil das Regiment, zu dem unser Truppenteil stotzen sollte, noch mehr südwärts lag, stand an einer Straßenecke ein dicker Artillerie-Unteroffizier. Im nächsten Augenblick lagen wir uns in den Armen. Es war Siegfried Rosenthal, der seit Anfang des Feldzugs im Felde gestanden und nun ebenfalls nach Südosten gekommen war. Wir kützten uns zum ersten Mal während unserer dreißigjährigen Freundschaft und waren vor Ueberraschung und Freude ganz aus dem Häuschen. Da ein Teil unseres Reginrents in T . . . lag, so suchte ich ebenfalls dorthin zu kommen, um einige Tage mit S. R. zusammenbleiben zu können und scheute nicht, nach einem fünfstündigen Marsch noch am späten Abend die 8 km nach T . . . zurückzulaufen. Wir haben hier sehr vergnügte Stunden zusammen verbracht. Wir liegen hier zu zwölf in einem Quartier und sind nicht schlecht aufgehoben. Ich habe nie geglaubt, datz man auf hartem Boden auch ohne Stroh so gut schlafen könnte. Jetzt sitze ich hier gemütlich auf S. R.s Zimmer, der als Verpflegungsunteroffizier sich nicht gerade schlecht einquartiert hat. Zu. mir dringen die jubelnden Rufe spielender Kinder und das Geschnatter der in Unmengen vorhandenen ungarischen Gänse, die ich bisher leider nur in lebendem Zustand zu Gesicht bekam, und wenn nicht von Zeit zu Zeit das dumpfe Dröhnen unserer Kanonen, die weiter südwärts schon an der Arbeit sind, zu mir dränge, könnte ich glauben, in der Sommerfrische zu sein. Das Dorf hier ist fast ausschlietzlich von rumänischer Bevölkerung bewohnt. Die Leute sind freundlich und sauber, aber anscheinend nicht sehr mit Glücksgütern gesegnet, sodatz wir ausschlietzlich durch unsere Feldküche verpflegt werden müffen. Das Land scheint nicht sehr fruchtbar, wenn auch unabsehbare Maisfelder davon Zeugnis ablegen, datz der Boden etwas hergibt. Die Bebauung scheint mir aber nach allen Beobachtungen zu wünschen übrig zu lassen. Die Wege sind sandig und schlecht. Unsere Erwartungen bezüglich unseres künftigen Kriegsschauplatzes sind danach nicht sehr hoch gestellt. Wir bleiben hier wohl nur noch kurze Zeit und bald wird es wohl weiter südwärts gehen, dorthin, wohin uns der Donner unserer Geschütze den Weg weist. Wenn ich das nächste Mal an Dich schreibe, werden wir hoffentlich schon in Feindesland stehen. Sei herzlich gegrüßt^ von Deinem Auf einer Donau-Insel, den 5. Oktober 1915. Lieber Bruder! Ich liege hier in einem kleinen Wäldchen auf der Donau-Insel, die sich gegenüber etwa 23 km weit hinzieht. Ueber uns hin streichen mit lautem Summen die Granaten unserer schweren Artillerie. Genau lauschen wir daraus, wie weit sie einschlagen und ob auch ja kein Blindgänger dabei ist. Nur spärlich antworten die Serben. Zuweilen ertönt ein dumpfes Singen dazwischen und dann wissen wir, ein „ganz grosser Vogel« kommt geflogen und konstatieren mit Befriedigung, wenn es krachend drüben eingeschlagen hat. Wir sind hier nur noch durch einen ganz schmalen Arm der Donau von dem serbischen Ufer getrennt. Die Insel ist ebenso wie der Arm nach dem nördlichen Ufer zu noch österreichisch, während der schmälere südliche Arm, der nur etwa 300 m breit ist, schon unter serbischer Gebietshoheit fällt. Es war ein eigentümliches Gefühl, als heute morgen der Tanz begann. Wir wussten, dah Punkt 8 Uhr unsere Arttllerie emsetzen würde. Hier auf der Insel sind zahlreicheGeschützeaufgestellt,und DukannstDirvorstellen, was es bedeutet, wenn die ihre Stimmen erheben. Als um 8 Uhr der erste Schuh fiel, wartete unserer eine kleine Ueberraschung. Wir lagerten gerade gemütlich um unser Feuer und wollten Kaffee kochen, als plötzlich etwas prasselnd in die Bäume schlug. Es war die erste Granate. In weitem hohen Bogen singen nun die Granaten über uns ihr Lied. Wenn man sich vorsichttg an die Weiden, die unten am Flutze stehen, schleicht, kann man drüben die Serben beobachten. Ihre Feldwache geht ruhig am Ufer auf und ab, sie hat uns bemerkt, wie wir sie beobachtet haben. Drüben weiden noch Kühe, und bis aus die unangenehmen Geräusche in der Luft ist das Bild ein ganz friedliches. Inzwischen habe ich ein ganz niedliches Abenteuer hinter mir. Auf dem Marsch nach dem Donauufer war ich von meiner Kompagnie abgekommen. Es ging ein feiner Regen nieder, mein Glas hatte sich beschlagen, ich vertrat mir, da ich nicht richtig sah, den Fuh und muhte eine Viertelstunde Rast machen. Als ich wieder aufbrach, war weit und breit weder von der Kompagnie noch von dem Bataillon etwas zu sehen. Ich marschierte die ganze Nacht allein weiter und mutzte schliesslich, da ich keinen Anschlutz mehr fand, allein bei der Feldwache eines andern Regiments übernachten. Am andern Morgen in aller Frühe wanderte ich ans Donauufer hinunter; allein in dem Dorf, das dort liegt, wurde mir mitgeteilt, die Kompagnie sei bereits auf die Insel übergesetzt. Es blieb mir nichts übrig, als auf einem Ponton, das Munition hinüberfuhr, nachznfahren. Als ich nach zweistündiger Fahrt aber drüben anlangte, stellte sich heraus, dass mir eine unrichttge Auskunft gegeben war. Weit und breit war nichts zu sehen. Dagegen traf ich die ... Kompagnie, also immerhin einen Teil unseres Bataillons, und meldete mich dort bei dem Kompagnieführer, der mir befahl, mich seiner Kompagnie anzuschlietzen. Ich begab mich also schleunigst zur Feldküche. Dann lietz es mir aber doch keine Ruhe und ich hielt mich für verpflichtet, nochmals nach meiner Kompagnie Umschau zu halten. Ich kloppte also den übrigen Teil der Insel ab, aber erfolglos. Du weiht, daß ich immer eine große Vorliebe fürs Wasser hatte und als Junge fast meine ganze freie Zeit im Nachen zugebracht habe. Nun trieb es mich, nach der anderen Sette hinüberzufahren und dort nochmals nach der... Kompagnie Umschau zu Hallen. Ich fand ein Boot und fuhr in den Strom hinaus. Das Abenteuer hätte gefährlich ablaufen können. Die Donau war hier 1200 bis 1500 Meter breit und die Strömung sehr stark. Die Schwierigkeit bestand darin, die richtige Landungsstelle an dem jenseittgen Ufer zu finden. Ich hatte mir zwar die Richtung ungefähr gemerkt, als ich jedoch dem jenseitigen Ufer näher kam, stellte sich heraus, datz ich bereits zu weit talabwärts abgetrieben war. Ein Versuch, gegen die Strömung am jenseitigen Ufer entlang wieder hinauf zu fahren, mißlang. Die Dämmerung brach herein und nach dreistündigem Rudern mutzte ich es aufgeben, weiter gegen die Strömung anzugehen. Es bliE mir nichts übrig als den Versuch zu machen, wieder nach der Insel zu gelangen. Die Situatton war jetzt recht ungemütlich.