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KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 548

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 548 (sequence 6)
Language
German
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548 zählt, daß er Schneiderlehrling und der einzige Sohn einer sehr bedürftigen Witwe sei, und daß er es jetzt nicht mehr daheim ausgehalten hätte, sondern auch seine schwachen Kräfte des Vaterlandes — keiner hat es mehr geliebt wie er — Schutze weihen wolle. Wir haben dennoch gutmütig gelächelt und auch im Lause unserer Ausbildungszeit ihm manchmal mit kameradschaftlichem Spott bedacht, wenn er den Anstrengungen des Dienstes erlag und sich häufig krank melden mußte. Aber dann kam die Stunde, in der jeder Spott erdrückt wurde durch die ehrlichste Achtung, welche unser Schneiderlein uns abrang. Die Kompagnie sollte ins Feld abrücken, aber wir waren unserer zu viele. Einige mußten Zurückbleiben. Es war uns natürlich, daß der erste, den dieses für uns damals härteste Los tras, der kleine Schneider sein mußte, von dem es offenkundig war, daß seine Kräfte den Krieg nicht durchhalten würden. Aber er selbst war anderer Meinung. Flehentlich und mit Tränen in den Augen bat er den Kompagnieführer, ihn doch mitzunehmen. Er habe sich doch nichts zuschulden kommen lassen, daß man ihn nun so zurücksetze. Endlich gab unser Kompagnieführer selbst gerührt unter der Bedingung nach, daß ein anderer dafür zurücktrete. Und nun ging unser Schneiderlein von Mann zu Mann und bat und bettelte, o x. Zeldpostpriefe aus Serbien. Bon Rechtsanwalt vr. Ignaz Rosenthal, Wiesbaden (Bad.), z.Zt. Kriegsfreiwilliger in einem Infanterie -Reg. T . . . , den 30. September 1915 Lieber Bruder! Als wir uns trennten, Du, um gegen Westen zu ziehen, ich, um nach Osten zu fahren, noch ungewiß, ob es gegen Rußland oder gegen Serbien ginge, versprachen wir, uns unsere Erlebnisse mitzuteilen, damit wir später selbst einmal ein genaues Bild von dem Größten, das wir miterleben dursten, hätten. Aus einer Feldpostkarte hast Du mittlerweile ersehen, daß wir ttef in . . . . stehen und auf das Zeichen zum Aufbruch gegen .... warten. Die Fahrt hierher wird jedem Teilnehmer unvergeßlich bleiben. Schon in Mainz war ich über die Abschiedsstimmung hinweg und staunte über die Menge Truppen, die dort zu uns einstiegen. Brausender Empfang mit Musik, ein nicht endenwollendes Rufen beim Abschied und als Antwort aus unseren Wagen donnernd „Deutschland, Deutschland über alles« von tausend Soldatenkehlen gesungen. Dasselbe Bild in D . . . , wo auch Abteilungen hessischer Regimenter zu uns stiegen und in Aschaffenburg. Ueberall jubelnde Zurufe der Bevölkerung, nicht endenn-ollendes Winken mit Tüchern und Fahnen. Wir waren natürlich sehr gespannt, wohin die Fahrt gehen würde. Aus der Route war aber zunächst nichts zu enwehmen. Wir fuhren durch einen Teil Bayerns und dann nach Sachsen und kamen am Nachmittag nach CH ... Der Empfang dort übertraf alles Vorhergehende. Dre Straßen, über die wir hinwegfuhren, die Fenster, die Dächer, die Bäume, alles schwarz von rufenden und winkenden Menschen. Ein tausendfaches Rufen erfüllte es möchte doch einer für ihn Zurückbleiben. Schließlich fand er auch einen, der erst noch heiraten wollte, und ich glaube, nie war ein Dank ehrlicher als der des glückstrahlenden Schneiderleins an seinen Stellvertreter. Seitdem aber war er der Liebling der Kompagnie und er wurde es immer mehr, wenn wir sahen, wie er auf den anstrengenden Eilmärschen, die wir zurücklegen mußten, die Zähne aufeinanderbiß und sich mit einer ungeheuren Willenskraft weiterschleppte, wenn seine Füße ihm den Dienst versagen wollten. Er wollte sich dessen würdig zeigen, daß man ihn mitgenommen hatte. Dann kam die Nacht, in der wir, noch auf dem Wege zur Kampffront, in einen feindlichen Hinterhalt gerieten. Den ersten, den's traf, war unser Schneiderlein. Ich lag neben ihm und suchte iym zu helfen. Er hatte einen Bauchschuß und lag schon in den letzten Zügen. Seine Lippen waren fest zusammengepreßt, um nicht die rasenden Schmerzen zu verraten, die seinen Körper durchschüttelten. Nur ab und zu ein leises Stöhnen „Oh Mutter"! Und endlich ein letztes Aufbäumen des Lebens, ein letzter gellender Schrei: „Mutter, hilf mir", dann war's zu Ende. Cand. rer. pol. Fritz Mayer (Bavariae), z. Zt. Kriegssreiw.,Bizefeldw. im 17. bayr. Res.-Jnf.-Reg. die Luft. Ich mußte unwillkürlich an ein früheres Erlebnis denken, bei dem ich einen ähnlichen Zuruf, aufgeregter Menschenmassen gehört hatte. Das mag vor etwa 13 Jahren gewesen sein, bei der Regatta in Frankfurt a. M. zwischen Frankfurter Germania und der Pariser Mannschaft, Tempora mutsntur. Wir wurden reichlich bewirtet und fuhren dann in der Richtung auf D . . . weiter. Hier galt es jetzt aufpassen. Fuhren wir hier weiter nach Osten, so war es klar, daß wir nach Rußland kamen, bogen wir südwärts ab, so mußte wohl Serbien das Ziel sein. Es war schon Nacht, als ich die Kameraden mit der Mitteilung weckte, daß wir die Elbe nach Süden entlang fuhren. Gegen Morgen fuhren wir an P... vorbei und nun durch ganz Böhmen und Mähren. In B... wurden wir über alle Maßen freundlich ausgenommen, großer Empfang mit Musik ain Bahnhof, Bewirtung mit dem vorzüglichen österreichischen Tee und Obst Bei der Abfahrt wurden wir dann von freundlichen Damen des Roten Kreuzes, unter denen eine leibhaftige österreichische Erzherzogin war, mit Blumen und Fahnen geschmückt. Je mehr wir nach Süden kamen, um so freudiger wurden wir begrüßt. In Ungarn, dem wir uns jetzt näherten, jubelte uns die Bevölkerung stürmisch zu. Vom kleinsten Knirps bis zum ältesten Manne riefen alle ein stürmisches »auf. Wiederrsähn.« Ein breiter Wasserlauf tauchte auf, alles stürzte an die Fenster: Die Donau! Bei hellstem Sonnenschein fuhren wir jetzt mehrere Stunden lang durch eine wunderbare Gegend. Wie der Rhein windet sich die Donau hier zwischen hohen Felsen hindurch, von denen Ruinen verwundert auf die neue Völkerrvanderung schauten. B . . . kam näher. Wir sahen die Stadt mit ihren vielen Kirchen liegen, umfuhren sie aber dann und wandten uns scharf nach Süden. Ueber T . . . , wo wir nachmittags ankamen, ging dann die Fahrt durch endlose Maisselder immer weiter südwärts. Schon

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