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KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 547

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 547 (sequence 5)
Language
German
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547 und Schiller und uns zur Seite ging der gute, alte deutsche Schulmeister und nickte uns zu und erkannte, daß dies alles sein Werk war. Das Beste der deutschen Vergangenheit und die deutsche Gegenwart waren vereint, das Vaterland zu schützen und die Astacht des deutschen Geistes zu offenbaren. Hinter uns lag alles Fremde und Leere, das in vergangenen Zeiten uns gefallen hatte, hinter uns, was nicht jung und nicht deutsch war. Wir fühlten, wie wüste Schlacken von uns abgefallen waren und das, was zuvor uns nur Sehnsucht war, in uns zur Wirklichkeit wurde durch unser freiwilliges Bekenntnis zur Kraft des deutschen Militarismus, der so viel verkannt und geschmäht, doch nichts ist als das lebendig gewordene Wort Kants „Du sollst". So haben wir auch gekämpft und gestürmt und das schwere Werk vollbracht, das uns auferlegt war. Und die drüben haben nicht mehr gelacht, als sich die standrischen Täler erfiillten mit dem vaterländischen Sturmgesang derer, die jauchzend in den Tod gingen, weil sie wußten, wofür sie es taten und weil sie es freiwillig taten. Wir waren auf unfern Märschen durch belgische und französische Städte gekommen, in denen kräftige Burschen in den Gassen herumlungerten, und wir haben in den englischen Reihen wenig von dem gefunden, was wir suchten: das englische Volk, die englische Jugend. Darum aber waren wir auch die Stärkeren, und wenn viele, viele bittere Lücken in unsere Reihen gerissen wurden, wir haben doch den festen Wall errichtet, den niemand durchbricht, und unsere Toten sind dafür gestorben, daß das Vaterland ruhig weiter atmen kann. Das war der Dank der deutschen Jugend an ihre Erzieher! * -i- * Am Dorfrande hinter einer Hecke haben wir gesammelt. Wir hatten alle Platz dahinter, alle, die wir noch übrig waren vom Regiment. Einzeln oder in kleinen Gruppen kamen wir zurück aus den granatendurchwühlten Gassen des Dorfes, über dessen durchschossenen Giebeln sich feurige Lohen dahinwälzten, und aus jenen dunkeln, dichten Wäldern, in denen wir zwei Tage und eine Nacht hindurch in erbittertem Kampfe Mann gegen Mann die Blutläuse empfangen hatten. Langsam und schweigend kamen wir daher, wie wenn wir noch nicht fassen könnten, daß wir noch am Leben waren, und schweigend legten sich die Ueberreste der Kompagnien zusammen. Nur hier und dort ein greller Aufschrei oder ein leises Aufschluchzen, wenn suchende Augen den Platz eines lieben Kameraden leer fanden. Auf uns allen lastete das ungeheure Erlebnis, in uns allen war eine wilde Flut regellosen Empfindens, das darnach lastete, sich zu klaren Gedanken zusammenballen zu können. Aber noch konnten wir dies Chaos nicht bezwingen, sondern schauten in einemfort starr geradeaus und sahen das brennende Dorf und die furchtbaren Wälder, deren Bäume wie von Geisterhand geknickt auf zuckende Körper gestürzt roaren. Und in unseren Ohren dröhnte das grollende Heulen der herannahenden Granaten,' ihr dumpfes Bersten und dann das Zischen der aufspritzenden Eisenteile, wir hörten noch immer das feine Pfeifen der Jnfanteriegeschosse und das ruhelose, nervenaufpeitschende Tacken der Maschinengewehre, das wilde Aufjauchzen der heranstürmenden Gurkhas und das Röcheln der Sterbenden. Wir fühlten uns noch untergetaucht in der ungeheuren Woge, die über uns hinweggespült war, und nur scheu suchten unsere Sinne wieder das Leben, dem wir neu gegeben waren. Und immer wieder sahen wir die vielen, die nicht mehr zum Sammeln kamen. Wir hatten Tränen in den Augen und schämten uns ihrer nicht. Und wir sagten einander leise, daß es heute Totensonntag, Allerheiligen sei. Plötzlich aber trat unser Oberst zu uns, er, der uns vorangegangen war in den vergangenen Stunden, und sah mit wehen Augen auf sein Regiment. Doch in feinen Zügen lag es wie ein stilles Leuchten, und er sprach mit uns. Wir verstanden nicht alles, was er zu uns sagte, seine Worte drangen erst nur wie von fernher an unser Ohr. Wie er aber dann schloß: „Ihr seid wackere, tapfere Burschen. Euere Vorgesetzten sind stolz auf Euch", da blickten wir auf einmal auf und schauten uns an und erfaßten klar das Geschehnis, daß nun auch wir für das Vaterland gekämpft und gesiegt hatten. Es wurde ganz ruhig in uns und unsere Augen blickten wieder hell. Wir sahen nicht mehr die vielen Toten, die dahingesunken waren, sondern schauten auf die lebenden Kameraden und freuten uns ihrer und des Lebens, das rings um uns trotz allem in sieghafter Schönheit prangte, und wir breiteten die Arme weit, weit aus. * * * Wir haben heute über die Toten unseres ersten Kampftages gesprochen und haben uns gegenseitig daran erinnert, wie wacker und brav sie alle gewesen waren und wie heldenmütig sie starben. Und immer wieder kamen wir' mit wehmütiger Liebe auf den einen zurück, unfern ersten Toten, unser „Schneiderlein". Wir haben ihn stets nur so genannt, vom ersten Tage an, an dem wir unter der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft unserer Freiwilligenkompagnie auch ihn gefunden hatten, ein 17 jähriges, schwächliches Bürschlein, kränklich und unterernährt, so daß wir uns wunderten, daß er überhaupt angenommen worden war. Er hatte uns dann er-

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