KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 541 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum nun, liebe Kartellbrüder, werden solche finsteren Abseitigkeiten aus dem großen Krieg hier erwähnt? Nicht aus einem Hang zum Pessimismus oder der Freude am Häßlichen heraus, nicht auch aus einer besonderen Genugtuung, Leidensgesährten gesunden zu haben. Der Anlaß zu dieser Abhandlung ist ein durchaus gerechtfertigter für uns Juden. Die Tatsache, daß man das gesamte deutsche Volk im Ausland „antisemitisch" behandelt, soll uns vor uns selbst einmal wieder beweisen, wie unwahr, unsinnig und unbegründet ganz allgemeine, von Millionen wiederholte Borwürfe sein können. In der universellen Verbreitung eines Vorurteils braucht nicht Wahrheit zu liegen, und so können auch wir jetzt viel leichter über antisemitische Vorurteile stolz und abweisend das Haupt erheben. Rein praktisch ist uns aber im Kampf gegen den Antisemitismus auch ein Argument von Wert zur Verteidigung in die Hand gedrückt. Wir können unter Hinweis auf das Schicksal des deutschen Volkes auch verlangen, nicht nach gehässigen Schlagwörtern behandelt zu werden, unter denen Tausende zu Unrecht leiden. »Das deutsche Volk hat ja jetzt auch ein Judenschicksal erlitten: „In seiner Gesamtheit nach den angeblichen Fehlern einzelner beurteilt und behandelt zu werden." Das deutsche Volk wird dann auch hellhöriger werden bei den ganz gleichen, ebenso, grausam verallgemeinernden, übertreibenden und oberflächlichen, ehrabschneiderischen Tiraden der Antisemiten. Es wird hoffentlich die Juden nicht mehr so leicht verurteilen, sondern ihnen auch die Geduld schenken müssen sie anzuhören und nur nach Einzelfällen die einzelnen beurteilen, nicht aber die Gesamtheit beleidigen. Die Gemeinsamkeit des Haffes muß ihnen beweisen, daß die bestgehaßten Menschen nicht die schlechtesten sind, und daß auch für die Juden der Satz gelten kann: „Viel Feind, viel Ehr'." Gustav Meyrinks „Golem".*> Glossen zu einem Roman. Bon Eduard Strauß. Wir gehören nicht zu denen, welche es in dieser Zeit vor ihrem Gewissen rechtfertigen zu müssen glauben, daß ein Werk rein geistigen Charakters besprochen, gewürdigt, ja sogar mit großer Liebe ausgenommen wird. Uns - den Jungen — hat der Krieg in unserer sehr realen Welt Auge und Ohr für die Aeußerungen des Geistes nicht geblendet und betäubt: im Gegenteil *) Gustav Meyrink „Der Golem". Verlag: Kurt Wolfs, Leipzig. vielleicht. Daß dieser Geist aber nichts gemein habe mit geistreich-spielerischer Art, daß uns nach glitzerndem Spiel von Paradoxen nicht gerade der Kopf steht, ist sicher. Die Freude am ausschließlich Paradoxen oder Grotesken — vielleicht sucht es mancher aus der Kenntnis von früher Gelesenem — ist es nicht, die uns ein neues Werk von Meyrink in die Hand gibt: den „Golem", das erste größere Werk seiner seltsamen Kunst. Es ist mehrmals ein Roman — das kann man von nicht allzu vielen Werken sagen, welche sich so nennen. Wir haben auf die Stimme Oukama Knoops gehört, welche — als tönte sie von jenseits des Grabes — in dessen letztem Werk durch allen Lärm der Zeit hindurch vernehmbar, leise Worte der Verheißung sprachwir wollen mit gleicher Aufmerksamkeit der völlig anders gearteten Sage Meyrinks lauschen, die uns in den wilden Sprüngen eines gewaltigen Traumes auf bald fremden und bald aus frühester Kindheit vertrauten Wegen durch die Himmel und Höllen einer qualvoll suchenden Seele fiihrt. Meyrinks „Golem" gehört nicht zu den Büchern, welche sich aus dem Schlagwortkatalog des Normallesers bezeichnen lassen. Ein solcher Leser könnte von ihm nicht einmal gerade heraus klar erkennen, ob es „eigentlich ernst gemeint" sei. Oder ob all das Faktische, vom Dichter aus dunklen Quellen Zusammengesuchte, wirklich mehr sei als das krause Gespinst eines Traums. Das mag vielleicht manchen Leser beunruhigen — wie auch der jagende Pulsschlag des Buches, oder die Tonstöße der monosyllaben Stichworte oder jene unterstrichenen Sätze, welche bald kichernd, bald ängstlich zitternd, in die Alltogsrealität zurückweisen. Uns gilt gleich, ob Meyrink wirklich in die Tiefe der Kabbala hinabgesttegen ist, jener Gedankenwelt, deren Wegzeichen — ein Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende — Sohar und Sepher Jezirah heißen, ob „ein Meister, kundig des Flüsterns" ihn belehrt habe oder nur die Kompilatton von Papus. Mag das ausfinden, wer Lust hat. Das Werk selbst wird man auf diesem Wege kaum finden Dies aber ist für uns entscheidend: der Geist aller Suchenden, der Geist der Seligkeit und der Verdammnis, schlägt in Hellen Flammen aus jeder Zeile. In unvergeßbare Bilder ist die Stadt des Geschehens — des Ereignisses, oder wie man es nennen will — gebannt: Prag. Meyrinks Prag ist keine reale Stadt, es ist eine Stadtseele. In uralten Gassen und Straßen rinnt ihr Blut, auf umbauten Plätzen, im Mauergeklüft des Ghetto, in alten Torbögen und im Strömen des Flusses lebt und atmet sie. Sie betet mit ihrem Dom gen Himmel, sie schreit auf im Einsturz der alten Brücke. Haß zischt aus dunklen Fenstern von Haus zu Haus, Wut kläfft aus offenen Toren