KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 542 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer es liest und — nicht nur liest, sondern mitlebt, der maq selber sich dieses Auf und Ab und Gewölben, Angst und Gier zittert hintsr Gittern, über modrige Treppen' und in dumpfdunklen Winkeln. In ihren Tiefen aber hüW diese Seele das Geheimnis des Menschen: und in den Gestalten der Ghettobewohner, in einer ganz neuen Ausformung uralter jüdischer Sage, drängt dieses Geheimnis zu Tag. Die Legende vom künstlichen Menschen, vom Golem, den zauberstarker Wille dem Werke Gottes mit dem heiliger Namen Gottes aus Erde nachbildet, steigt auf und das Sein dieses Lebewesens ohne Lebensgeschichte wird zum Erlebnis eines Menschen. Ein Mensch wird selber dieses geschichtslose Wesett, müht sich um die vergessene Vergangenheit und seine Seele wird umtobt vom Kampfe zwischen dem Bösen und dem Guten. Uns wird dieses Erleben — ohne Doktrin, wir fühlen es — zum großen Symbol jüdischen Daseins: eines Daseins, welches seiner Geschichte vergaß und nur hie und da blitzartig sich der eigenen Vergangenheit erinnert, in welchem die Sehnsucht nach der Binduyg mit ihr ausschreit als ein Schrei nach Erlösung oder ein Ruf der Angst, „dieses Volk könnte aussterben und eine Mission nicht erfüllen, dje es vergessen hat, die aber dunkel in ihm soAlebt". Zugleich aber ist dieses ein Dasein, in welchem unausgesetzt die Gewalten der Tiefe und die Mächte der Höhe miteinander ringen und die Seele hinstellen vor quälende Wahl und Entscheidung. In die Gestalten des Buches sst die Doppelung eingesenkt: „zwei Stämme sind gesegnet, zehn sind verflucht" — und sie streben nach der Einung. Der Geist erhöht sich über dem Abgrund) der Same des Lebens wird ausgestreut in die mütterliche Erde, daß die Erlösung emporwachse — aber auch der Haß senkt sein Blut dem Gehaßten nach in den Staub der Gruft. Auf zwei Wegen, so lehrt die Kabbala, steigen die Seelen herab zur Welt, auf daß, wenn alle eingegangen sind, der Messias komme: Gilgul, die Wanderung, ist der eine) Jbbur, die Schwängerung eines Lebenden mit einer zweiten Seele, der andere. Dem Träumenden wird solche Erneuerung zuteil; zug^ch versinkt ihm das Rückwärts seiner Geschichte und es beginnt der Erlösungskampf dieser Seele, der Kampf um das Wunder der Einung. Aus Sinnenglut und Heiligkeit, aus Gebet und Gelächter ruft di^se Legende nach dem Wunder. Wohl hat sie dsm Traum die wilde, wirrende Form entlehnt) da sie in das Erwachen übergeht, ist doch nicht alles „nur" Traum gewesen. Das Wunder ist da, wirklich und wahrhaftig. Und vor dem Alltag verschließt es sich in' seinen Tempel und seine ewigen Gärten. Ich will hier nicht auf die Fülle dieses Buches erschöpfend eingehen: ich vermöchte es kaum. deuten, wag dieses Wesen voll Zwiespalt und großer Sehnsucht in sich suchen uno finden; und keine Analyse soll ihn darin stören. Ich sagte, daß Meyrinks Dichtung nach dem Wunder ruft, und ich will hinzufügen: sie ist ein Werk von jener Irrealität, welche wirklicher und mächtiger ist als aller „Realismus" unserer oder — hoffentlich — vergangener Tage. Was an Realistik dazwischen klirrt — Meyrinks österreichische Lieblinge führen da manchen ergötzlichen Schattentanz auf, und die Geschichte vom Raubmörder Rabinsky ist köstlich — das hat in seiner echt grotesken Zerdehnung der Maßstäbe nichts von satter sclbstgenügsamer Abschilderung wohlzusriedener Daseinshastigkeil. Aber gerade in seiner Art hat es sein Teil am Wunder) nur ist es Philisterschicksal und Philisterfluch, daß alles eben „Gesetz" sein, daß alles doch „mit natürlichen Dingen zugehen" muß — und so geistert der Philister im Buche und der, welcher es als Leser (Gott behüte) in die Finger bekommt, am Wesentlichen vorbei: er selber mit all seinem Realitätsdünkel das Allerunwirklichste! Im Scherz geredet: wenn einem der Gedanke käme, Mirjams leuchtendes Wort vom Wunder — „als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen zu verlieren!" — als „Haussegen" in der guten Stube eines echten rechten Philisterheims aufzuhängen — die Bilder sämtlicher Tanten sielen von der Wand! Mag, wer da „Spannung" sucht, sich an der immerhin noch „möglichen" Phantastik von Kellermanns „Tunnel" berauschen: auch dieses Buch hat ein hetzendes Tempo — aber wie anders eartet ist seine Phantasie und seine Bewegteit! — oder meinetwegen an der „echt modernen", sehr naturwissenschaftlichen Phantasie von Wells — vielleicht markieren diese Beispiele unfern Abstand. In Meyrinks „Golem" werden keine wundervollen Flugzeuge gebaut, mit denen auch der fliegen könnte, dem niemals Flügel wuchsen. Was hier aus den ewigen Strömen des Geistes zu Form gerann, ist anderer Art. Wir wiffen: wer Gottes Träume träumt, der ist unter Menschen ein Narr. . . . Durch seine Gassen wird kein Golem rennen — auch im Traume nicht: der Philister mag sich beruhigen. Verleger und verantwortlicher Redakteur: Or. iur. Kurt Alexander, Crefeld, Königstr. 116. Druck: Aachener Verlags- und Druckerei-Ges. Kassenverwaltung: Rechtsanwalt l)r. Sewald Jaffe, Düsseldorf, Blücherstratze 69, Postscheckkonto: , Postscheckamt Cöln 23 487.