KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 540 (sequence 40)
- Language
- German
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540 Die Unselbständigkeit des Denkens beiden Massen und schnöde Unkenntnis feierten hier einmal Orgien der Verblendung und des sinnlosesten Vorurteils. Man glaubte, sprach und fühlte antideutsch, weil die anderen alle ebenso taten, und es mußte deshalb doch seine Richtigkeit haben. Und wie die Juden früher von "Antisemitismus umlodert, fühlte sich nun der Deutsche, und mit ihm der deutsche Jude selbstverständlich, — hier tarnte webex Inland noch Ausland Bekenntnisunterschiede — erschüttert als den Gegenstand eines allgemeinen, unfaßbaren Abscheus. Unfaßbar wegen seiner Universalität und Absurdität. Und ein seelischer Druck lastete über Deutschland, das so viel Wundervolles der Welt geschenkt hatte, und das sich so schnöde bedankt und so unglaublich verkannt sah. Was wir deutsche Juden nie geahnt hatten, wir sahen unsere christlichen Mitbürger mit uns auch als Opfer eines gemeinsamen unterschiedslosenWeltenirrwahns,der "allen die Ehre abschneiden will, wie das sonst nur ein Geist wie der Antisemitismus tun kann. Für uns deutsche Juden ist es nun das sehr Interessante und, wie wir sagen können, Groteske, daß die Wurzeln des weltpolitischen Hasses gegen das Deutschtum genau dieselben sind wie die des modernen Antisemitismus. Im letzten Grund beruht der Haß gegen Deutschtum und Judentum auf dem peinlichsten Hasse, nämlich dem des Konkurrenzneides. Als die Juden das Ghetto verließen und infolge ihres strebsamen, in die Höhe zielenden Eifers mit den Christen auf allen Gebieten der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Tätigkeiten wetteiferten, und als andererseits die Deutschen ihr engeres Heimatland verließen und dank ihrer Strebsamkeit, ihrer Tüchtigkeit aus den Gebieten des Welthandels gefürchtete Mitbewerber um die Plätze an der überseeischen Sonne wurden, da wurden antisemitische und antideutsche Instinkte der Abneigung, der Eifersucht und des Geschäftsneides wach. Wer dem Anderen unbequem wird, als Parvenü sich Platz machen will und wer dazu nicht immer die idealsten Umgangsformen mitbringt, der wird immer gehaßt und verleumdet sein. Das ist ein Gesetz der Welt und gilt im Kleinen wie im Großen. Wären die Juden in den tiefsten gesellschaftlichenSchichten geblieben, wären dieDeutschen als kleine Leute und als Dichter und Denker bescheiden zu Hause geblieben, es gäbe keinen modernen Antisemitismus und kein Geschrei über deutsche Minderwertigkeit. Juden und Deutsche aber wurden bei übelwollenden Mitmenschen zu tüchtig und zu reich und deshalb in jeder Hinsicht unbequem und verdächtig. Hinc illäe lacrimae! Aus dieser ganz unidealen, materialistischen Grundursache heraus - erwuchs der zwiefache Haß, der in seinen Beweggründen und in allen seinen Ausläufern Daseinsäußerungen und Begleiterscheinungen so unendlich verwandt erscheint. Mißgunst erweckt Mißtrauen und paart sie sich mit Mißverstand, Unbildung und Verfolgungswahn, so werden die gräßlichen Zerrbilder des Hasses geboren, die noch nicht einmal auf vorsätzlicher Verstellung und bewußter Verleumdung zu beruhen brauchen. Weil man den Gegner minderwertig wünscht, glaubt man ihn auch so. WieähnlichAntisemitismusundDeutschenhaß in ihren Einzelheiten sind, das erkennt man, wenn man die einzelnen Vorwürfe des Auslands gegen das Deutschtum sich wieder einmal vorhält. Was ist der englische Haß gegen die angeblichen Schundwaren' „macke in üerman/' in seiner Art anders, als die antisemitische Verdächtigung gegen jüdische Warenhäuser oder die „Judenflinten"? Ist es nicht erschütternd, wenn der deutschen grundehrlichen Politik Betrug, Hinterlist und Verlogenheit angedichtet wird, wenn der deutsche Soldat als feige, habsüchtig, unehrlich geschildert wird, wenn behauptet wird, die deutschen Offiziere seien lüstern, Mädchenschänder, brutal und kriecherisch, sie haben keine Ehrfurcht gegenüber der Würde, den Gefühlen und Rechten anderer, die Deutschen seien Antichristen und unreinlichen Körpers, übelriechend, schmutzig und dickbäuchig, ihre Physiognomie sei einzigartig gemein, abstoßend und verrate ihre rassenmätzige Minderwertigkeit, die Frauen seien laut, putzsüchtig, protzenhaft und trügen unschöne Hüte, die Schuljugend werde schon zum Bezügen und Stehlen erzogen und was alle die Albernheiten sind, die angeblich in Deutschland den Teutonen eigentümlich sind. Klingt eine solche Anklageschrift nicht wörtlich wie eine Sammelkarte antisemitischer Schimpfworte? Sind da nicht einmal alle Deutschen zu solchen Menschen gestempelt, wie sie sonst nur wir Juden in antisemitischen Augen sind? Ja, man kann sogar finden, daß, wie den Juden die schrecklichste aller Anklagen, nämlich die Blutlüge des rituellen Kindesmords, angedichtet wurde und manchmal noch wird, so hat auch der geblendete Haß der geschlagenen Feinde der deutschen Armee ein Blütmärchen von Barbarei und sinnloser Menschenschlächterei angeheftet. Klingt es nicht an wie alte Kunde aus dem „Rabbi von Bacharach" oder dem Beilißprozeß, wenn der belgische „Dichter" Verhaeren von den teutonischen Soldaten erzählt: „Und wenn sie am Rande des Weges einen Teutonen Den eine geschickte Kugel getroffen hatte, sfanden, Entdeckten sie oft in der Tiefe der Taschen Neben goldenen Halsbändern und gestohlenem Seidenzeug Zwei kleine, gräßlich abgeschnittene Kinderhände