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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 539

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 539 (sequence 39)
Language
German
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539 Eine weltgeschichtliche Parallele zum Antisemitismus. . Von Or. Ernst Hochschild, Colmar i. E. (Ghibelliniae). Mag jemand noch so sehr von seinem guten Rechte überzeugt sein, es bedeutet einen seelischen Druck, der Gegenstand gehässiger Angriffe zu werden. Der Schwache wird dabei sich innerlich krank suhlen, der Starke in Zorn und Vergeltungssucht geraten, der Gewissenhafte an sich zu zweifeln beginnen und der Stolze einen Teil seiner schönen Sicherheit verlieren. Am bittersten ist es natürlich, lvenn eine Minderheit, die innerhalb eines Großen und Ganzen lebt, besonderer Verdächtigung unterliegt. Wir deutschen Juden kennen dieses bittere Gefühl, der Zielpunkt nur auf uns genlünzter, böser Worte zu sein, und seien wir auch noch so überzeugt von der Haltlosigkeit des uns gewidmeten Hasses von Seiten ungerechter Antisemiten, jeder Einzelne empfindet doch den Antisemitismus als persönliche Unbill, als eine Unlust bereitende Schmälerung unserer Daseinsfreude. Mit einer gewissen Eifersucht hat so mancher auf seine christlichen Freunde und Lebenskameraden geschaut, die frei von jeder allgemeinen Verlästerung harmlos ihr Leben führen konnten. Wir haben es nicht so leicht. Das Gespenst des Religions- und Rassenhasses umgibt uns und legt in tausendfachen Fällen die Verpflichtung auf, in schwierigen Situationen Bekennermut zu zeigen und durch besonders gute Lebensführung einen persönlichen Gegenbeweis zu erbringen, der jedem anderen erspart ist. Wie mancher Schwache hat nicht allein aus Angst vor dem Antisemitismus — vielleicht um seiner Kinder wegen — das Judentum verlassen, selbst lvenn er von der Haltlosigkeit der Angriffe überzeugt war und er an sich gern Jude geblieben wäre. Bei der allgemeinen Unzulänglichkeit des menschlichen Massenintellekts entstehen ja leicht Vorurteile — das heißt Urteile vor wissenschaftlicher Erkenntnis — und üben verhängnisvolle Wirkungen aus. Je allgemeiner das Urteil, um so richtiger erscheint es dem unkritischen Geist, und je älter es wird, um so größeren Schein der Wahrheit erwirbt es durch sein Alter, weil ja alte und verbreitete Urteile nicht anders als erprobt und richtig sein können. Dummes Geschwätz wird so zur Vox populi, vox dei. Für den zu Unrecht Angegriffenen eine niederdrückende, ost vernichtende Macht. Man denke nur an den He^enwahn, das Ritualmordmärchen und in neuester Zeit den populären Rassenaberglauben, der jeden Juden als minderwertig bezeichnet. Während wir Juden nun vordem die einsame, saure Aufgabe hatten, gegen solche mit Schlagwörtern arbeitende Verketzerung anzukämpsen, die uns selbst sinnlos, den Feinden aber sinnvoll erschien, können wir seit Kriegsbeginn auf eine noch gewaltigere, viel augenfälligere, viel verheerendere Parallelerscheinung eines elementaren und fast universellen Hasses Hinweisen, der trotz seiner ungeheueren Verbreitung absolut ungerecht und borniert ist. Es ist das die plötzliche Haßwelle gegen das Deutschtum, welche seit Ausbruch des Krieges in allen feindlichen und fast allen neutralen Ländern emporschlug. Die Psychologie dieses weltpolitischen, antideutschen Hasses, wie verwandt erscheint sie uns dem so wohlbekannten Antisemitismus! Es ist Haß und Haß derselben Natur, zwar der Gegenstand ein anderer, der Haß aber selbst von derselben dunkeln Herkunst und derselben Gesinnung. Zunächst die abgrundlose Unwissenschaftlichkeit und für den Betroffenen erschütternde Oberflächlichkeit! Ohne Sinn und Verstand werden die denkbar schlechtesten, verrücktesten Eigenschaften den Deutschen angedichtet, die sie von der übrigen Menschheit, den edlen Franzosen, den hochherzigen Engländern, den gemütvollen Russen und treuherzigen Italienern, den Indern, Japanern usw. scheiden wie Nacht und Tag. Wie in ganz verbohrten antisemitischen Hetzblättern tauchen in der feindlichen Presse die albernsten Dinge auf und werden, trotzdem sie Ausgeburten kranker Phantasien sind, geglaubt und mit allen Höllenfarben weiter ausgemalt. Neben die von keiner Sachkenntnis getrübte Unwissenheit tritt — was wir vom Antisemitismus so gut kennen — die vergiftende Verallgemeinerung. Nicht der und jener Deutsche ist schlecht, nein, alle Deutschen sind minderlvertig, sie gehören allesamt als Feinde der Menschheit, als der Urquell alles Bösen, auf Erden ausgerottet und vernichtet. Wo in der Welt sich eine Schlechtigkeit ereignete: „cherchez le Boche“! Wo es eine Niedrigkeit gibt: der Deutsche hat sie ausgeheckt. Wie ideal wäre die Welt, gäbe es keine Deutschen. Und alle Deutschen, vom Offizier bis zum Arbeiter, Mann und Weib Student, Schüler, Soldat, Minister, reich und arm, sie haben alle dieselben, nur ihnen eigentümlichen, gehässigen Eigenschaften, verächtliche Lebensformen, sie sind eine Pest der Menschheit, ein Gegensatz zu der übrigen Menschheit (soweit sie nicht auch Austroboches, Turcoboches und jetzt Bulgaroboches sind). Wie der Antisemitismus verdichtet sich diese Verallgemeinerung zu einer realen Macht, der sich im Ausland kein einfaches Gemüt entziehen kann. Die allgemeine antideutsche Stimmung gewann suggestive Kraft für jeden, wegen ihrer über den Erdball geworfenen Stimmung.

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