KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 538 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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538 Als Juden Deutsche! Darum ist die Belohnung des Mischen Uebertritts mit staatlichen Vorrechten ein schweres Unrecht gegen uns, und wir haben die Pflicht, jeden Uebertritt für gewissenlos zu halten. Das Apostatentum darf nicht gefördert, die Taufe nicht durch Amt und Würde belohnt werden. Das müssen wir zum Schutze des Judentums fordern; aber auch um der Religion willen überhaupt. Man soll froh sein, daß es Leute gibt im Lande, die an ihrer religiösen Ueberzeugung festhalten. Das Judentum ist ein auch im deutschen Staatenbund unentbehrlicher religiöser Faktor. Es birgt Kräfte in sich, die für das moderne religiöse Leben von höchstem Werte sind. Hat doch erst kürzlich ein bedeutender christlicher Gelehrter es ausgesprochen, wenn das evangelische Christentum" den Zusammenhang mit dem Alten Testament verliere, so werde es der Mystik verfallen. Das Judentum ist das unerschütterliche Bollwerk für die sittliche Kultur. Schädigt der Staat das Judentum, so schädigt er eineseiner edelsten Kräfte und damit sich selber. Wer es mit Deutschland gut meint, muß auf Erhaltung des Judentums bedacht sein. Der Uebertritt möge im neuen Deutschland als Symptom mangelhafter geistiger und sittlicher Klarheit verschwinden! Die Treue zum Judentum aber nicht mehr als Isolierung und zweideutige Zurückziehung verdächtigt werden. Wir wollen als Juden Deutsche sein! Was aber haben wir für das deutsche Volk als Ganzes von dem Kriege zu erwarten? Aus der nationalen Wiedergeburt, die dieser Krieg bringen muß, erhoffen wir die soziale Verjüngung des Lesamten Volkesdie Pflanzstätten der Bildung und Gesittung sollen dem gesamten Volke ohne soziale Einschränkung freigestellt werden. Die Wehrpflicht hat uns gleich gemacht als Kämpfer fürs Vaterland, das Wahlrecht als Träger des deutschen Staatswillens, die allgemeine Schulpflicht hat uns die Tür geöffnet zur Gleichheit der Bildung. Aber diese Tür führt in ein weites und hohes Haus mit vielen Stufengängen. Hier muß der Einlaß zu allen Stockwerken für alle Glieder des Volkes freigemacht werden. Der soziale Klassenbegriff der Volksschule soll schwinden. Die Universität muß die wahrhafte Volksschule sein. Nur so ist die soziale Gerechtigkeit und nationale Einheit zu begründen. Jeder Deutsche soll seinen Goethe und seinen Schiller bis zur Innigkeit der Liebe kennen und in Geist und Herz tragen, und volkswissenschaftliche Einsicht von Kant haben. An den klassischen Denkern und Dichtern unseres Volkes wollen wir uns aufrichten. Diese Klassizität oder auch nur das würdevolle Streben nach ihr ist das Wahrzeichen und die Aufgabe unseres Nationalgeistes. Zugleich aber werden! wir das Echte und wahrhaft Große der fremdländischen Kultur in uns äufnehmen. Nur das I Falsche mit seinem gleißenden Scheine soll uns mit seinen Momentreizen nicht berücken. Alle Völker haben Anteil an dem Jdealgut der Menschheit, und es bleibe deutsche Art, in allen Nationen den Geist der Menschheit zu ehren, zu erforschen und zu lieben. In diesem Sinne ist der deutsche Geist der Geist des Weltbürgertums und der Humanität. Eine Verwirklichung dieses Weltbürgertums erhofft Cohen in einer Vereinigung aller Staaten zu einem Staaten-! bunde. Sein Mittelpunkt soll das Deutschtum I werden. Er soll den Frieden der Welt begründen, den ewigen Frieden vorbereiten. Und in diesem „fernsten Punkte am Horizont der Weltgeschichte" sind Deutschtum und Judentum wieder in vollstem Einklang. Denn der ewige Friede ist die messianische Idee der i israelitischen Propheten. Diese Zukunftshoffnung! ist der Idealismus des Judentums und er ist! der Idealismus der deutschen Philosophie, der | deutschen Ethik. | Eine Fülle von Gedanken finden wir in Cohens Schrift aneinandergereiht: tiefliegende! philosophische Ideen, historische Ueberblicke und! praktische politische Forderungen, die aus die! Zukunft gehen, folgen einander. Nicht auf alle! Einzelheiten der Schrift. werden wir Gewicht legenzu manchem Punkte, zu mancher Erwartung und Forderung kann man seine besondere Stellungnahme sich Vorbehalten. Aber das beeinträchtigt nicht den hohen Grundwert der Schrift. Sie zeigt, daß zwischen Deutschtum und Judentum reiche und sehr starke Beziehungen vorhanden sind, daß eine innere Verwandtschaft, eine Kongenialität zwischen beiden obwaltet. Darum! ist Cohens Schrift die weiteste Verbreitung inner-! halb und außerhalb des Judentums zu wünschen, j denn sie ist geeignet, in nichtjüdischen Kreisen die Vorurteile gegen uns zu zerstören und in unserer eignen Mitte die Liebe zum Vaterlande zu vertiefen. Sie gibt uns das Bewußtsein, daß wir, die wir dem Deutschtum und dem Judentum angehören, nicht das eine auf Kosten des anderen zu bekennen brauchen, sondern daß die tiefen Zusammenhänge zwischen beiden uns deutschen Juden die Einheit der Seele gewährleisten. Damit aber ist uns etwas unendlich Wertvolles! gegeben, das Beste, was wir besitzen können: - die innere Harmonie.! Und so darf auch Cohen die Forderung stellen, I in welcher der Grundgedanke seiner Schrift wiederklingt, die Forderung, die sich wie ein Gelöbnis anhört, das auch wir uns zu eigen machen sollen: Wir wollen als Deutsche Juden i sein und als Juden Deutsche!