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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 537

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 537 (sequence 37)
Language
German
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53? Alles, was in Frankreich, Italien, England und Amerika in der Wissenschaft des Judentums geleistet worden ist, ist deutschen Ursprungs- und alle religiösen Bewegungen weisen auf Mendelssohn als Urheber zurück. Deutsche Juden haben in England, Amerika, besonders aber in Frankreich, m allen Zweigen der Kultur Hervorragendes geleistet. So erweist sich das deutsche Judentum und indirekt das Deutschtum als zentrale Lebenskraft des Judentums aller Länder. Und von hier aus kommt Cohen zu hochbedeutsamen Forderungen an die ausländischen Juden. Sie alle haben Deutschland gegenüber die Pflicht der Pietät. Selbst die Juden der feindlichen Länder, die Juden Frankreichs, Englands und Rußlands, dürfen sich dieser Pflicht nicht entschlagen, und es wird Sache ihres Taktes sein, diese Pflicht in Einklang zu bringen mit der Vaterlandsliebe. Das gilt besonders für diejenigen, welche in Deutschland geboren und dann ausgewandert sind, — aber auch für die Eingeborenen; denn Deutschland ist für die Juden aller Länder „das Mutterland der Seele." In erhöhtem Maße gilt das für die Juden Amerikas. Die Millionen russischer Juden, die in Amerika eingewandert sind, haben in Deutschland ihr geistigseelisches Mutterland zu ehren. Ihre Sprache, der Jargon, ist eine deutsche Mundart und vermittelst der Sprache ist eine Veredlung ihrer religiösen Gedanken und Ausdrucksweise erfolgt. So'sind sie Deutschland verpflichtet, und schamlos ist das Ansinnen von französischen und englischen Schriftstellern, sie möchten sich gegen Deutschland erklären. Cohen fordert, daß diese Pflicht der Pietät vor allem auch von den Staaten geachtet werde. Es soll die Herkunft als ein heiliges Erbteil gelten. Hat doch England, das alte Asylland, sogar die Naturalisierung seiner eigenen Bürger aufgehoben. Solche Uebergriffe des Staates müssen aushören. Die naturrechtliche Pietät soll hier das moderne Staatsbürgerrecht einschränken und durch diese Einschränkung festigen. Das gilt für alle deutschen Abkömmlinge in fremden Ländern, insbesondere aber für die Juden, die durch ihre deutsche Muttersprache und in der Wissenschaft des Judentums den Zusammenhang mit Deutschland bewahren. Indem die deutschen Juden des Auslandes diesen Zusammenhang Herstellen, sind sie dazu berufen, die Herolde für eine Verständigung der Nationen zu werden und innerhalb der gesamten Menschheit für die Menschheit eine hohe Mission zu erfüllen. So sind wir in diesen Zeiten auch als Juden stolz darauf, Deutsche zu sein: denn wir fühlen die religiöse Bedeutung des Deutschtums, seine starke Einwirkung, seinen Rechtsanspruch auf die Juden aller Völker. Wir als deutsche Juden sind im Besitze einer zentralen Kulturkraft, welche die Völker zu verbinden berufen ist. Das Judentum ist das Beispiel für die Vormacht des deutschen Geistes in allen Grundlagen des Geistes- und Seelenlebens. Und es knüpfen sich an den Sieg der deutschen Waffen eine Fülle hoher Erwartungen. Wir erhoffen für unsere Glaubensbrüder in Rußland die Freiheit. Wir erhoffen ferner für unsere Religionsgemeinde in unserem Vaterlands neben den anderen Kirchengemeinden die Gleichberechtigung, die uns Anteil nehmen läßt an den höchsten und heiligsten Aufgaben unseres Staates, wir erwarten die rückhaltlose Anerkennung der sittlich-religiösen Gleichberechtigung unserer Religion: es soll die religiöse Gemeinschaft erkannt werden, die uns mit den christlichen Bekenntnissen verbindet, und in welcher unsere religiöse Sonderart immer noch unersetzlich ist für die ethische Fortentwicklung des Monotheismus. Auf Grund dieser Erkenntnis sollen die Universitäten der Wissenschaft des Judentums geöffnet werden. Die Einheit zwischen Deutschtum und Judentum muß als kulturgeschichtliche Wahrheit in der deutschen Politik, im deutschen Volksleben, im deutschen Volksgefühl aufleuchten. Ausdrücklich erhebt Cohen hier eine Forderung: „Für die große nationale Erziehungsanstalt der Universitäten dürste es unbedingte Verpflichtung gegenüber dem Anstand und der Wahrung des nationalen Ehrgefühls sein: daß der Ausschluß der jüdischen deutschen Studenten von studentischen Korporationen und Verbindungen als „gegen die guten Sitten" verstoßend, schlechterdings verschwinde. Er widerspricht zudem der Achtung, die dem jüdischen Professor geschuldet wird. Wer mich nicht seiner sozialen akademischen Gemeinschaft würdig hält, sollte auch meine Vorlesung meiden und meine Belehrung verschmähen. Die Forderung richtet sich daher ebenso eindringend an die akademischen Behörden, wie an die Studenten mit ihrer akademischen Freiheit." Der weltbürgerliche Geist der deutschen Humanität soll herrschen. Zeugen dieser deutschen Humanität find wir deutsche Juden. Denn nur ihr haben wir unsere Emanzipation, unsere Rechte zu danken. Die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland wuselt tiefer als überall sonst. Mögen die Juden anderer Länder mehr politische Rechte gewonnen haben, wir deutsche Juden erstreben die Gleichberechtigung auf Grund des tief-innerlichen Zusammenhangs von Deutschtum und Judentum. Daher ist unser Befreiungsweg schwerfälliger und sprunghafter, aber er ist geschichtlich und miturell tiefer begründet. Wir wollen als Deutsche Juden sein und als Juden Deutsche.

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