Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 536

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 536 (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268895-2268897--1595-3523211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

536 man während des Mittelalters für die Juden errichtete, alle Gesetze, die man schuf, um sie loszureißen von der natürlichen Gemeinschaft Deutschlands, vermochten sie nicht zu isolieren. Man mochte sie in die engen Ghettos sperren, der Geist spottet aller künstlichen Grenzen, über die Mauern hinweg nahmen die Juden bereitwilliq die Anregungen auf, welche die damalige Kultur ihnen gab. Und als die große Zeit der Reformatton kam, als der Apostel von Wittenberg sein bahnbrechendes Werk vollbrachte, da konnten die Juden nur Sympathie haben für die neuen Ideen, die da in der Kirche auftraten, und in ihnen eine Annäherung an den Prophetismus des Judentums erblicken. Freilich hat sich die Hoffnung Luthers, die Juden zu bekehren, nicht erfüllt. Das, was er lehrte, war ja ihr eigenster Besitz, ihnen zugehörig seit alter Zeit. Die Lehre vom allgemeinen Priestertum, die er verkündete, war Grundidee des Judentums. Mose hatte sie bereits ausgesprochen: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges -Volk." (2. Mos., 19, 6.l So ist die Reformation denn auch ohne unmittelbaren Einfluß aufs Judentum geblieben. Von ungleich größerer Bedeutung aber wurde die neuhumanistische Bewegung. Herder und Kant, die beiden Herolde der Humanität, führen die neue große Zeit, das neue Deutschland herauf, erd er schreibt seine klassischen „Briefe zur eförderung der Humanität" und Kant verkündet seinen kategorischen Imperativ und in ihm das Gebot der Menschheit. Betrachte „deine eigene Person wie die eines jeden anderen!" Niemals darf dir ein Mensch bloß Mittel zum Zweck sein, ein jeder ist Selbstzweck. In jedem sollst du die Menschenwürde, die Menschheit achten. Diese ethische Lehre Kants nennt Cohen den Grundgedanken deutschen Geistes. Die philosophisch-ethische Begründung der Humanität ist das Charakteristische des Deutschtums, unterscheidet die Humanität von der üumanite. Hier besitzt das deutsche Volk einen Vorzug, der es nach Cohen zu einer Weltmission ausrüstet, dazu befähigt, Erzieher und Zuchtmeister der Völker zu sein. Und diese innere Ueberlegenheit des deutschen Volkes ist es, die bei den anderen Nattonen Verständnislosigkeit, Befremden und Mißtrauen erregtsie hat zusammen mit unserem wirtschaftlichen Aufschwung den Haß der Völker hervoraerufen. Gerade hier zeigt sich aber die tteffte Verwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum. Denn der Begriff der Menschheit ist eine Schöpfung des Judentums: ihn haben die Propheten Israels zuerst verkündet. Und der Geist der Bibel ist die tteffte Ursache des deutschen Humanismus geworden. Schon Herder hat darauf hingewi'esen, daß der Gott Israels der einzige Gott, also der Gott aller Menschen ist. In unseren Gebeten für das Neujahrs- und Versöhnungsfest sprechen wir die Hoffnung aus: „daß einst alle Menschen sich vereinigen zu einem Bunde", eine Zuversicht, in die unser täglicher Gottesdienst ausklingt. Und nie hat das Judentum diesen großen'Gedanken verloren; freilich die schweren Verfolgungen des Mittelalters ließen die Lehre von der Menschheit zuweilen in den tintergrund treten. Angesichts des furchtbaren lends, das im Mittelalter über die Juden kam, wußten die Bedrückten mit dem herrlichen Gedanken, daß alle Menschen Brüder seien, nichts anzusanqen. Er schien bedeuttmgslos. So hat auch Mendelssohn seinen Wert verkannt und übersehen, daß er die Blüte der Ethik des Judentums darstellt. Erst der deutsche Humanismus, vor allem Herder, hat ihn in voller Größe wieder entdeckt und das Judentum selbst auf sein köstliches Besitztum aufmerksam gemacht. Und das moderne Judentum sieht in ihm den zentralen Punkt seiner Lehre. Das moderne Judentum! Wie hat das Judentum des Ghettos, der Abgeschlossenheit und Beengtheit, den Uebergang gefunden zur Kultur der Neuzeit? Moses Mendelssohn hat hier bahnbrechend gewirkt, und sein Name bezeichnet daher einen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Juden. Seine große Tat bestand darin, daß er den deutschen Juden die deutsche Sprache in voller Reinheit wiedergegeben hat. Er übersetzt die fünf Bücher Moses und die Psalmen ins Hochdeutsche und öffnet so den Zugang zur deutschen Sprachwelt und damit zur deutschen Geisleskultur. So geht von ihm einerseits die Emanzipatton der Juden aus, anderseits die Reform des jüdischen Gottesdienstes. Deutsche Predigt und deutsche Gebete ziehen in den jüdischen Gottesdienst ein und festigen den Zusammenklang von Deutschtum und Judentum, und eine herrliche Frucht der Berührung beider Geistesmächte ist die Begründung der Wissenschaft des Judentums. So hat das Deutschtum belebend und verjüngend auf das Judentum gewirkt. Man darf von einer Renaissance des Judentums reden, die es dem Deutschtum zu danken hat, und zwar von einer Renaissance des Judentums überhaupt, denn die Bewegung, die im deutschen Judentume entstanden war, pflanzte sich fort in die anderen- Länder und führte zu einer Neubelebung des gesamten Judentums. Schon zu Mendelssohns Zeit hat man Deutschland als das Zion angesehen, von dem die Lehre ausgehe. Und mächtig sind die Einflüsse des Deutschtums auf das gesamte Kulturleben zum mindesten aller abendländischen Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.