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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 535

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 535 (sequence 35)
Language
German
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535 den Psalmen. Cohen sieht in Luthers Psalmenübersetzung die Quelle, „aus der das deutsche Gemüt die Reinheit seiner Liederkrast geschöpft, gestählt und von allen Zweideutigkeiten der Erotik befreit hat. Aus diesem Quell der Gottesliebe ist eine Keuschheit, eine Lauterkeit und Unschuld in unser Liebeslied gekommen, die sich, in solcher Verbindung mit der Naturgewalt der Leidenschaft, in der Lyrik keines Volkes findet. Nun bedenke man aber, welche tiefe Verwandtschaft hierdurch zwischen Deutschtum und Judentum begründet wird. Die Psalmen sind demnach der Born dieser Wahrhaftigkeit der deutschen Liebe. Die Psalmen konnten zu dieser Quelle werden, weil sie die Liebe zu Gott, nicht zu einem Menschen, besingen, weil sie diese Liebe zu Gott mit einer Sehnsucht singen, wie kein Lyriker in der ganzen Welt diese Gewalt der Sehnsucht jemals überboten hat, weil sie aber auch diese Sehnsucht wahrlich nicht hemmen, aber zügeln durch die Ehrfurcht, die das geistige Wesen oes einzigen Gottes einflößt." Sehnsucht und Ehrfurcht, die Grundtöne der Psalmen, sind die Kennzeichen der deutschen Liebe, die „das tiefste Geheimnis" in der Lyrik Goethes ist?) Neben dieser Naturlyrik und von ihr beeinflußt hat sich die Gedankenpoesie entwickelt, die Lyrik der ethischen Gedanken. Bei Schiller tritt die Ideenwelt Kants in poetischer Verklärung auf. Der Dichterfürst wird der Herold des Königs der Gedanken. Und auch in seiner Poesie drückt sich ein Wesensmerkmal der deutschen Dichtkunst aus. Neben Goethe ist Schiller der Prophet des deutschen Geistes, und erst in der Verbindung beider erhält der deutsche Idealismus seine volle und gerechte Ausprägung. Die Völker haben unsere deutsche Art, die sich so rein gerade in unserer Lyrik ausspricht, nicht verstanden, vielleicht nicht verstehen können, weil ihre Lyrik der Vollendung entraten mußte. Wie aber konnten sie die Eigenart der deutschen Musik verkennen? „Die Musik ist die idealste der Künste. Ihr Gebäude ist reiner Hauch, rythmisierte Atemluft" Hier ist alles reine Gedankenwelt, ein wunderbarer Bau geistiger Formen, ätherisch sein, ausstrahlend in reines Gefühl. Diese Verbindung von geistiger Erhabenheit und der Ursprünglichkeit der Empfindung, diese völlige Verschmelzung von Geist und Seele ist das Eigentümliche der deutschen Musik, ist der deutsche Idealismus, der in der Musik seinen Ausdruck findet. Nun ist aber die deutsche Musik religiösen Ursprungs. Die Reformation hatte den Choral zur Entwicklung gebracht und aus dem Choral *) Vgl. hierzu auch H. Cohens neuestes Buch: Der Begriff der Religion im System der Philosophie. Gießen 1915, S. 100-103. ist die Fugenkunst erwachsen. Und dauernd hat die Religion ihre tiefe Einwirkung aus die Musik ausgeübt. Nicht nur Bach und Händel sind dafür Zeugen, Beethovens Lied an die Freude, Mozarts Üequiem und seine Zauberflöte zeigen starke religiöse Färbung. Eine gewisse Parallele hierzu bietet die jüdische Musik, auch sie ist aus dem Boden der Religion erwachsen. Sie ist die Tempelmusik und findet als solche sorgfältigste Pflege und erreicht eine Höhe, die von keinem Volke des Altertums übertroffen ist. Am deutlichsten prägt sich die Eigenart der jüdischen Musik aus in den großen Rezitativen unseres Gottesdienstes, in der feierlichen Art der Verkündigung. Die Erinnerung an den Bund der Väter und der herrliche Ausblick aus der Menschheit große Zukunst, das sind die beiden Grundthemen unserer Musik. Sie geben ihr jene Erhabenheit und Macht und doch auch die Wärme, Innigkeit und Tiefe der Empfindung, die ihre besondere Eigenart ausmacht. In neuerer Zeit ist die jüdische Musik aus Grundlage der deutschen weiterentwickelt worden, und Juden haben sich ausgezeichnet als Schöpfer deutscher Musikwerke und als meisterhafte Interpreten der Tonkunst. Im Anschluß an diese Charakteristik von Deutschtum und Judentum gibt Cohen einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der deutschen Juden im Mittelalter. Die ersten Ansiedlungen von Juden in Deutschland fallen schon in die Römerzeit. An den Ufern des Rheins schlugen sie ihre Wohnsitze auf. Die Berührung mit ihrer Umgebung ist hier innerlicher als in anderen Ländern. Unter den Karolingern bereits tragen sie zur Verbreitung der deutschen Sprache bei. Selbst die schweren Verfolgungen, welche die Kreuzzüge über die Juden Deutschlands bringen, können sie von der deutschen Kultur nicht gänzlich losreißendie deutsche Mystik zeitigt eine ähnliche Erscheinung in der jüdischen Literatur, der deutsche Minnesang findet bei den Juden Pflege und zrvar in der spezifisch deutschen Eigenart, so bei Süßkind von Trimberg u. a., und es ist nachgewiesen, daß bei der Bearbeitung mittelalterlicher poetischer Stoffe, wie der Artussage, des Schmied Wieland, von Tristan und Isolde und Eulenspiegel, die Juden hervorragend beteiligt waren. Die Bearbeitung des Parzival hat ein Jude gefördert durch die Uebersetzung des Parzival aus dem Französischen. Und was das Bedeutsamste ist: diese deutsche Literatur der deutschen Juden ist in reinem Deutsch gehalten. Als die Juden nach dem schwarzen Tode nach den slavischen Ländern wanderten, nahmen sie ihre deutsche Sprache mit und pflegten sie finit derselben Treue, mit der die spanischen Juden die Sprache ihres Landes beibehalten haben. Alle Schranken, die

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