KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 534 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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534 Protest gegen die dogmatische Gebundenheit der Kirche, aber er ist kein Protest gegen die Religion, er ist kein Skeptizismus. Darin unterscheidet er sich von dem seichten Rationalismus der französischen Aufklärung Voltaires und der Enzyklopädisten. Denen war die Religion ein Betrug, der bekämpft und vernichtet werden müsse. Der Protestantismus aber hat die Religion als Lehre der Sittlichkeit erkannt und dadurch vertieft und gefesttgt. Und damit hat der Protestantismus und zugleich das Deutschtum eine Annäherung vollzogen an das Judentum. Denn gerade dieser Idealismus ist Grundcharakter des Judentums. Hat auch das biblische Judentum keine systematische Philosophie ausgestellt, so ist doch die Neigung zur Philosophie in der Bibel deutlich ausgeprägt. Die Grundlehre des Judentums ist die Einheit Gottes. „Der Ewige ist einzig", das ist unser Bekenntnis. Gott ist einzig, d. h. es gibt nichts, was wir ihm aleichstellen können. — Wenn wir sonst etwas begreifen wollen, dann suchen wir einen Vergleich, ein Bild, wir definieren, d. h begrenzen. Aber Gott ist das Unbegrenzbare und daher Undefinierbare. Kein Bild, kein Vergleich kommt ihm nahe. Er ist schlechthin einzig. Und doch kann Gott erkannt werden. „Die Erkenntnis Gottes ist die Liebe." Das Gute tun und Recht üben, das heißt: Gott erkennen. Die Ethik ist der Mittelpunkt des Judentums, in der Sittlichkeit liegt das Wesen der Religion. Protestantismus und Judentum weisen hier starke Aehnlichkeit auf. Und so nennt Cohen den größten jüdischen Denker des Mittelalters, Moses Maimonides, „das Wahrzeichen des Protestantismus" im Judentum. Maimonides^), der einen starken Einfluß auch auf die christlichen Denker des Mittelalters ausgeübt, hat zwar nicht die Einrichtungen des Judentums angegriffen, wie Luther die der Kirche, aber er tritt kritisch 'an sie heran. Sie müssen ihm Berechtigung erweisen, müssen vor der Vernunft Rechenschaft ablegen. Ein zweiter Grundbegriff des Judentums neben der Einzigkeit Gottes ist die Reinheit der Seele. Der Mensch besitzt die Reinheit der Seele, und er kann sie niemals völlig verlieren. Hat er seine Seele besteckt, so kann er die Reinheit doch wiedererlangen. Und dazu bedarf er keines Mittlers, keines Erlösers und keines heiligen Geistes. Dem Menschen selbst ist von Gott der heilige Geist gegeben, und er kann von der Schuld frei und wieder rein werden aus eigner Kraft und sich mit Gott versöhnen ohne Hilfe eines Dritten. So ist der Mensch frei und selbstständig. *) Moses Maimonides, geb. 1135 zu Cordova in Spanien, gest. 1204 zu Fostat (Alt Kairo). Wie aber verträgt sich dieser hohe Idealismus mit dem anderen Gedanken des Judentums, daß die Religion Gesetz sein will, daß sie Pflichten auferlegt? Wie kann Freiheit sein, wo Zwang herrscht? Wie kann ich mich frei fühlen, wo ein ewiges „du sollst" gesprochen wird? Der Widerspruch ist nur scheinbar. Die wahre Freiheit ist nicht Ungebundenheit, nicht Willkür, sondern sie ist da, wo wir selber uns freiwillig der Pflicht unterordnenwo wir das Sittengesetz anerkennen und uns darunter beugen, da sind mir wahrhaft frei. Die Pflicht allein, in der Sprache der Bibel: das Gebot Gottes, vermag dem Menschen die Freiheit zu gewähren. Und hier sttmmt das Judentum völlig zusammen mit der Grundidee von Kants Ethik. In seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"') hat Kant den fundamentalen Satz ausgesprochen, daß „ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei" ist. „In diesem innersten Heiligtume des deutschen Geistes", sagt Cohen, „waltet die Innerste Verwandtschaft mit dem Judentume ob." Und mächtig ist der erziehliche Einfluß, den das Judentum mit seiner Auffassung von Pflicht und Recht ausgeübt hat. Trendelenburg sagt in seinem Naturrecht?): „Vielleicht hat keine Gesetzgebung, selbst nicht die römische, solche Verdienste um das Gefühl des Rechts unter den Kulturvölkern als die mosaische." „Die zehn Gebote bilden noch heute, soweit Judentum und Christentum reichen, das identische Bewußtsein von Recht und Unrecht und greifen auch in den Islam ein Das Volk lernt'aus dem kurzen und klaren Dekalogus das Recht und das Sittliche und wiederum das Sittliche und den Glauben an den einen Gott in Eins fassen."^ Die Religion, die uns als Pflichtgebot so streng erscheint, tritt uns in den Psalmen in freundlicher anmutiger Form entgegen. Und gerade die Psalmen weisen auf eine tiefe Verwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum hin. Die ästhetische Eigentümlichkeit des deutschen Geistes spricht sich am deutlichsten in der Lyrik und der von ihr abhängigen Musik ans. Was die deutsche Lyrik, die in Goethe ihre höchste Reife erlangt, unterscheidet von der allgemein mittelalterlichen des Marienliedes und von dem Minnesänge, den die Deutschen mit den Troubadours gemein haben, was sie endlich auch trennt von der Lyrik Dantes, das ist die Reinheit der Empfindung, die Wahrhaftigkeit der Gefühle, das Freisein von aller Rhetorik. Und diese Reinheit hat die deutsche Lyrik gewonnen aus ') Ausgabe von Th. Fritzsch bei Neklam, Leipzig, S. 86. ») 2. Ausl., 1868, S. 108. «) S. 108 f. ii