KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 533 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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533 Hermann Cohens Schrift: „ventschtnm und Judentum".* *» Bon Rabbiner vr. Hans Kronheim, Düsseldorf. Soweit unsere geschichtliche Kenntnis reicht, ist wohl noch kein Krieg mit mehr Erbitterung geführt worden als der gegenwärtige. Das zeigte sich nicht nur an der Art der Kriegführung, an den Maßnahmen, die ergriffen wurden zur Niederzwingung des Gegners, sondern vor allem an der Leidenschaftlichkeit, mit der die Menschen in der Heimat am Kampfe teilnahmen. Zeiten, in denen die Volksseele so bis ins Innerste erregt ist, sie fordern von einem jeden insbesondere eines: sein Bekenntnis. Er fühlt das Bedürfnis es zu sagen: wer er ist und wo er steht. So mahnte der Krieg zur Selbstbesinnung. Man begann nach Klarheit zu suchen über sich' selber. Man wollte sein eignes Wesen begreifen, seine Sonderart erkennen. Und wie stets in Zeiten der Gefahr erwachte die Liebe zu sich selber, der Wille zur Selbstbehauptung. War das für jede Nation natürlich, so insbesondere für uns Deutsche, denn einmal waren wir zunächst die am meisten Bedrohten und Gefährdeten. Schon ein Blick auf die Landkarte lehrt es: wir waren die Eingekreisten, die Umstellten, die zu Vernichtenden. Und dann vor allem: wir waren in der nationalen Ehre am heftigsten angegriffen, am schlimmsten verunglimpft. Desto lauter mußte die Frage nach unserer wahren Art erwachen. Und wie einst vor hundert Jahren Johann Gottlieb Fichte in schwerer Zeit seine „Reden an die deutsche Nation" gehalten und darin deutsche Art gekennzeichnet hat, so fehlte es auch in der Gegenwart nicht an bedeutenden Männern, die ein Bild deutschen Wesens zu entwerfen suchten. So hat der Leipziger Philosoph Wilhelm Wundt in seinem Buche: „Die Nationen und ihre Philosophie"') die deutsche Geistesart im Unterschied von der italienischen, französischen und englischen charakterisiert, und Hermann Cohen hat eine Schrift verfaßt: „Ueber das Eigentümliche des deutschen Geistes"*). Wir Juden haben als deutsche Staatsbürger an dieser Selbstbesinnung vollen Anteil genommen. Vielleicht ist es uns nie deutlicher geworden, daß wir fest verwachsen sind mit dem deutschen Volke als gerade in dieser Zeit der Gefahr. Und die Frage, wo wir hingehören, konnte für uns nicht anders beantwortet werden als für unsere nicht¬ *) „Deutschtum und Judentum" von Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen, Gießen. Verlag Alfred Töpelmann, 1915. *) Alfred Körner Verlag in Leipzig, 3. Aufl. 1915. a) Philosophische Vorträge der Kantgesellschast, Nr. 8. jüdischen Mitbürger. Wir fühlten gerade in der Stunde der Not, daß wir eng verbunden waren mit dem Deutschtum, ein unlösbares Stück davon, gewillt mit ihm zu teilen, was immer das Schicksal dem Vaterlande bringen möge. So bildet die Frage, wo unser Platz ist, für uns als Juden gar kein besonderes Problem, denn wo wir zu stehen haben, das fühlen wir, da wir uns eins wissen mit unserem Vaterland. Aber für den Forscher muß es einen besonderen Reiz haben zu erkunden, wie diese Verbindung von Deutschtum und Judentum, die sich in uns deutschen Juden verkörpert, vor sich gegangen ist, welche tieferen Ursachen sie hat, welches die Grundlagen sind, auf denen fie beruht. Es ist eine zeitgemäße Aufgabe, die starken Fäden aufzuzeigen, die uns mit der deutschen Kultur verbinden. Es ist auch dies eine Art Selbstbesinnung. Denn was wir bislang nur empfunden als elementares Gefühl — daß wir Deutsche sind — dessen werden wir uns bewußt in klarer Erkenntnis als einer historischen Notwendigkeit. Dieses Bewußtsein will uns Hermann Cohen geben in seiner Schrift: Deutschtum und Judentum. Cohen beginnt mit einer allgemeinen Charakteristik von Deutschtum und Judentum. In drei Momenten spricht sich der Charakter eines Volkes am deutlichsten aus: in seiner Philosophie, seiner Religion und seiner Kunst. Die deutsche Philosophie ist Idealismus. — Im Gegensätze zu dem Sensualismus, der in den Sinneswahrnehmungen die einzige Quelle aller menschlichen Erkenntnis sieht, und im Gegensätze zu dem Materialismus, der das Wesen der Dinge in der Materie sucht und alle Erscheinungen der Geisteswelt aus ihr zu erklären bemüht ist, steht der Idealismus. Er hat in Deutschland in der Philosophie Kants seine Vollendung erreicht, deren Grundgedanke ist: Wir erkennen nicht die Dinge, wie sie an sich find, sondern überall in der Wissenschaft gehen wir von Voraussetzungen aus, die wir selbst erdacht haben. Und die Aufgabe der Wissenschaft ist es nun, die Probe zu machen. Die Hypothesen, die wir aufftellen und zugrunde legen, müssen sich rechtfertigen und erweisen lassen. Rechenschaft ablegen, das ist die Forderung des Idealismus. Daher entsteht gerade in Deutschland, im Lande des Idealismus, die Reformation, die über alles Rechenschaft fordert, nichts als unabänderlich hinnimmt und somit in Gegensatz tritt zu den festen Normen der Kirche. „Nicht die Kirche mit ihren Heilswerken, nicht der Priester, sondern allein die eigne Arbeit des Gewissens muß das religiöse Denken, beides, belasten und befreien." Das ist im Smne Luthers der Glaube. Der Protestantismus ist somit ein