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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 532

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 532 (sequence 32)
Language
German
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532 erschien an unsrer Tafelrunde. Löwenstein, der Wirt vom „Goldenen Roß", hatte ein Faß Bier vom „Weißen Bock" herüberschaffen lassen, und der Abend verlies unter Gesängen und Ansprachen vollständig kommentmäßig. Eine zweite Kneipe hatte ebenfalls einen recht stimmungsvollen Verlauf, als ich aber nach und nach die studentische Disziplin einführen wollte,-regte sich bei manchen der Widerstand. Besonders war es der jüngere Weil, der jeden auf ihn ausgeübten Zwang mit Entrüstung ablehnte. Heimlich aber wurde wohl alle Aufsässigkeit aus Gott weiß welchen Gründen von Homburger genährt, und so scheiterte vorerst wieder mein Plan. Aber ergebnislos war der Sommer doch nicht gewesen. Am Schluß des Semesters sagte mir Marxheimer, seine Bedenken gegen die Begründung einer jüdischen Korporation halte er nicht mehr aufrecht,' sollte es mir im nächsten Semester gelingen, eine Verbindung zu stiften, so würde er mitmachen. Als der für uns so bedeutungsvolle Oktober 1890 herankam, erschien auch unser Mainzer wieder auf dem Plan. Der Zufall führte ihn im „Goldenen Roß" mit meinem neu eingetroffenen Akademiker: Moses aus Filehne, einem ehemaligen Berliner Ghivellinen, zusammen. Als dieser Mainzer gegenüber ein gewisses Interesse für die Gründung einer Verbindung zeigte, verwies ihn Mainzer unter Mitteilung meiner Vorarbeiten im Sommersemester an mich. Es fand dann zwischen uns dreien eine Aussprache statt, in der nach Beseitigung gewisser persönlicher Mißverständnisse, die sich im Sommer zwischen Mainzer und mir eingestellt hatten, die energische Inangriffnahme der Verbindungsgründung beschlossen wuroe. Es fanden sich dann auch wieder einige Leute, die sich an einer Korporationsgründung gerne beteiligen wollten und die sogar bereit waren, eine mehr oder minder jüdische Tendenz mit in den Kauf zu nehmen. So wurde Daniel Halle gewonnen, der heute noch, zu unseren alten Herren zählt. Auch Marxheimer kam und sagte uns seinen Beitritt und den seines noch abwesenden Freundes Allen, der anfänglich allerdings nur C. K. wurde, zu. Auch Mainzer, der inzwischen am eigenen Leibe erfahren hatte, wie es mit Takt und Rücksichtnahme oft genug bei unseren andersgläubigen Kommilitonen aussieht—chrfftliche Korporationsstudenten wollten ihn kellen und hatten mit ihm vereinbart, daß sie ihn am Abend zu ihrer Kneipe abholen würden - als sie aber inzwischen erfahren hatten, daß er Jude sei, ließen sie ihn einfach sitzen, — erwartete noch die Anürnft zweier Freunde, die er der zu gründenden Verbindung zuführen wollte: der eine war Homburger, den er wirklich für die Gründung breitschlug, obwohl gerade Homburger im Sommer wohl die Seele alles Widerstandes gewesen warmer schied denn auch bald wieder aus der Badenia aus: Den andern aber wollte er von der Bahn abholen und gleich nach dem „Goldenen Roß" bringen, wo im Erdgeschoß auf der rechten Seite am 26. Oktober 1890 unsere konstituierende Sitzung stattfand. Er kam auch wirklich mit seinem Freunde hin, und das war kein andrer als der jetzige psychatrische Spezialist Magnus Hirschfeld. Das erste Verbindungssemester verlies unter steter Erörterung der Tendenz. Selbst in unsrem kleinen Konvent hatten die Anhänger des rem jüdischen Prinzips nicht die Majorität. Trotzdem keiner Menschenklasse in so schnöder Weise Gewalt angetan wurde wie den Juden, und wir eine Organisation zum Selbstschutz darum dringender brauchten als sie je von einem Bestandteil der Bevölkerung gebraucht worden ist, so mußten wir uns doch in den ersten Semestern unsres Bestehens die größte Mühe geben, um unsren jungen Leuten klar zu machen, daß auch wir auf das allernatürlichste Menschenrecht Anspruch hätten, auf das Koalitionsrecht, das niemand sich nehmen läßt oder gar freiwillig preisgibt — niemand, außer den Juden. Solche Verwirrung hatte ein falsch verstandener Liberalismus, der Jahrzehnte hindurch seine unheilvolle Arbeit tat, in den Köpfen der Unsrigen angerichtet. Auch die Geistlichkeit erklärte sich gegen uns. Der Seelsorger der Gemeinde Heidelberg, der in diversen patriotischen Vereinen als Konventionsjude fungierte, sprach sich mißbilligend über die unnötige konfessionelle Trennung * aus, und der freidenkende Priester Dr. Brüll in Frankfurt belegte uns in seinen Monatsheften mit dem Interdikt. Nun wir, die wir so viel Schweres ertragen mußten, haben auch diesen Schmerz ganz überwunden. Gleich nach unsrer Konstituierung hatte ich der Biadrina von unsrer Begründung Kenntnis gegeben. In einem warm empfundenen Schreiben ratulierte mir Samosch im Namen seiner Verindung und bat mich um recht ausführliche Nachrichten über unsre Stellung und unsre Erfolge. Auch der damalige Erstchargierte Sylvius Pick schrieb mir voller Enthusiasmus, die Biadrina wäre bereits ganz verzweifelt gewesen wegen des mangelnden Anklangs, den sie gefunden, und hätte einen Konventsbeschluß gefaßt, die Verbindung zu suspendieren. Da wäre mein Brief gekommen und alsbald sei der Beschluß wieder aufgehoben worden. Jetzt wollen sie die Flinte, die sie bereits ins Korn geworfen hatten, wieder aufnehmen und tüchtig gebrauchen — sie hätten neuen Mut gefaßt. So können wir Badenen sehr stolz daraus sein, die Wiedergeburt der Biadrina seinerzeit bewirkt zu haben. (Fortsetzung folgt.) * * *

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