KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 531 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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531 von außen her erfuhren, wurden noch nicht durch inneren Zusammenschluß gemildert. Im Gegenteil, man suchte sich untereinander möglichst zu meiden, weil man nicht durch Auftreten in Scharen antisemitische Empfindlichkeit mit anschließenden Beleidigungen Hervorrufen wollte, und ferner auch, weil man die Gründe der antisemitischen Verseuchung nicht — wie sich historisch klar Nachweisen läßt — als eine Folge moralischer Schwäche der uns umgebenden christlichen Majorität, sondern als eine Folge unsrer eigenen Fehler betrachtete. Natürlich meinte man stets mit „unsren" Fehlern die Fehler andrer, sich selbst nahm man stillschweigend aus. Ich muß gestehen, daß mich niemals eine antisemitische Kränkung, von welcher Seite sie auch kam, so tief getroffen hat, wie diese würdelose Haltung unsrer Glaubensgenossen, die um so gefährlicher war, je gleißnerischer man es verstand, den väterlichen Freund seines Volkes herauszubeißen, während man tatsächlich nur vor der größeren Macht kapitulierte, die Fehler der mächtigen Unterdrücker übersah und die Fehler der ohnmächtigen Unterdrückten maßlos übertrieb. Sich selbst aber hob man aus seiner natürlichen Gemeinschaft heraus und versetzte sich mehr nach der Richtung unsrer Feinde hindenn man erkannte ja deren berechtigte Vorwürfe an und war dadurch naturgemäß besser als die verstockte jüdische Masse. — Nun darf man aber um Himmelswillen nicht dieses Verblassen des Zugehörigkeitsgefühls als spezifisch jüdisch hinstellen. Vielmehr glaube ich, daß bei jedem andren Volk in unsrer Lage das Zugehörigkeitsgefühl und damit das Volk selbst längst verschwunden wäre. Die Menschen stehen nun einmal unter dem Einfluß ihrer Umgebung, und selbst diejenigen Klaffen der Bevölkerung, denen von der allgemeinen Anschauung bitteres Unrecht getan wird, lassen die öffentliche Meinung auf sich einwirken, halten das ungerechte Urteil über ihre eigene Klasse für gerechtfertigt und schließen sich der allgemeinen Mißachtung derselben an. Die natürliche Folge ist, daß der Einzelne die Gemeinschaft mit seiner mißachteten Klasse nach Möglichkeit zu lösen trachtet. Das Renegatentum greift um sich, komme es nun durch offenen Uebertritt oder zunächst nur durch innerliche Loslösung zunt Ausdruck. Ist aber die innerliche Loslösung erst einmal erfolgt, so ist der offene Uebertritt n.ir eine Frage des Zufalls und eine Frage der Z it. Der Weg, der zur schmählichen Auslösung führt, ist beschritten und wird zurückgelegt — wenn es nicht klar sehenden und mit einem unbeugsamen Willen ausgestatteten Menschen gelingt, dem fortschreitenden Verwesungsprozeß rechtzeitig Einhalt zu gebieten, sich und weitere Kreise von der bisher herrschenden Denkart frei zu machen und anstatt sich von der irregeleiteten öffentlichen Meinung noch länger beeinflussen zu lassen, dieselbe schließlich selbst zu beeinflussen. Von diesen Erwägungen geleitet, hatte ich schon lange vor dem Gründungssemester unsrer l.Badenia Versuche gemacht, die jüdischen Studenten Heidelbergs zu organisieren, aber der Erfolg war stets ausgeblieben. Mit Mühe und Not war es mir einmal gelungen, ganze drei Studenten für meine Idee zu interessieren. Waren wir auch nicht genug, um eine Verbindung zu gründen, so bildeten wir doch immerhin einen Stamm, mit dem etwas anzufangen war. Ich sah mich also nach Anschluß um und besuchte den damaligen stud. phil-, späteren Lustspieldichter Jon- Lehmann, bei dem ich wegen seiner traditionellen Frömmigkeit eine entsprechende Teilnahme für alle Dinge vöraussetzte, welche das Wohl und Wehe des Judentums berühren. Er war nämlich der Sohn des rühmlich bekannten orthodoxen Rabbiners von Mainz, hieß auch damals noch Jonas und hat. erst später seinen biblischen Vornamen etwas gestutzt. Herr Ion- Lehmann empfing mich sehr liebenswürdig, er selbst könne nicht mittun, weil er S. C.er sei — er war tatsächlich ein oder mehrereSemester in einem Korps des Weinheimer S. C. aktiv gewesen — aber ich möchte doch recht bald wiederkommen, dann würde er mit seinen Freunden, die nicht wie er anderweitig gebunden sind, gesprochen haben. Mein zweiter Besuch befriedigte mich aber noch weniger als mein erster. Herr Lehmann konnte mir nur die spöttischen Bemerkungen seiner Freunde als Resultat seiner Werbearbeit Mitteilen. — Von der Seite blieb also die Hilfe aus, und meine drei Füchse sahen den Plan als hoffnungslos gescheitert an. Einige Monate später lernte ich im „Goldenen Roß" einen Vetter unseres l. Mainzer kennen. Er »var Würzburger W. G. V.er, vertrat ursprünglich die dort herrschenden Anschauungen, war aber sehr bald aus meiner Seite zu finden. Seiner eifrigen Anteilnahme an meinen Bestrebungen verdanke ich sehr viel. Mit seiner Unterstützung keilte ich auch im Sommer-Semester 1890 die ersten Füchse für unsre Badenia, nämlich : Mainzer, Marxheimer und Allen. Zwar lauteten ihre Antworten damals nicht unbedingt zustimmend, aber ein halbes Jahr später wurden sie doch die Mitbegründer unsrer l. Verbindung. Zunächst sagten sie wenigstens zu, eine Kneipe, die wir im Saal des „Goldenen Rosses" veranstalten wollten, mitzumachen. Diese Kneipe ist als unsre erste Zusammenkunft in studentischer Form zü betrachten. Außer den beiden Mainzer, Marxheimer, Allen und meiner Wenigkeit waren noch sechs bis acht weitere Keilobjekte erschienen, darunter zwei Brüder Weil aus dem Elsaß, die sich für Franzosen hielten und ein in Petersburg geborner H. Goldberg, der sich für einen Russen hielt. Auch ein Vereinsbruder des älteren Mainzer, der W. G. V.er Hamburger,