KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 530 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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530 Der befreite und gehobene polnische Jude wird sich ebenso schnell und gut entwickeln wie hundert Jahre vorher sein Glaubensbruder jenseits der Grenze. Er wird, wie dieser, ein Segen werden für das Judentum und für die deutsche Kultur. Es seien noch die wichtigsten bisherigen Veröffentlichungen nebst einer kurzen Charakteristik ausgeführt. 1. DieOstjudenfrage,Zionismus undGrenzschlutz. Bon Georg Fritz,Kaiser!. Geh.Regierungsrat. — Tritt scharf für absoluten Grenzschluß und zionistische Lösung ein. Es sei im einzelnen auf die Besprechung des Buches in der vorigen Nummer der K. C.-Blätter durch Kbdr. vr. Alexander verwiesen 2. Die Judensrage nach dem Kriege von Paphnutius. Im Grenzboten Nr. 39/1915. — Ohne rechte Beschränkung auf das Thema wird für Greuzschluß und zionistische Lösung (im weitesten Sinne) Stimmung geinacht. In durchaus rassenantisemitischem Sinne gehalten, aber wenig originell. (Der „Kulturantisemitismus", der Judenhaß der „Gebildeten", ist eine ältere Erfindung.) Die Aufwärmung der aus der Kunstwartdebatte hinlänglich bekannten Klagen über das Anwachsen des jüdischen Einflusies kann über die Mängel an Sachkenntnis nicht Hinweghelsen. 3. Ostjüdische Einwanderung von vr. Wolf, gang Heinze. Preußische Jahrbücher, Band 162. — Beschäftigt sich vorzugsweise mit der Wander»teigu»tg des ostjüdischen Proletariats und befürchtet ein gewaltiges Anschwellen der Eimvanderung. 4. Pplen von vr. Adolf Grabowski) in der Zeitschrift „Das neue Deutschland". (10.10.15.) — Ein sehr kluger und beachtenswerter Beitrag auch zu den jüdischen Problemen Polens. Will die Ostjuden in ihrem Mutterlande bodenständig machen, weist auf die größte Schwierigkeit, das Verhältnis zum politischen Antisemitismus, hin. Waritt vor einer Ueberschätzung des „Deutschtums" der Judenmafien und rät den Deutschen, sich mehr an die polnische Herrenklage als an die unterdrückten und schwach gervordenen Juden zu halten. Gegen die letzten Punkte ließe sich von unseren: Standpunkte manches sagen, der Aufsatz ist aber trotzdem zu empfehlen. 5. Zum polnisch-jüdischen Problem. Von Bernhard Lauer-Warschau. Preußische Jahrbücher. Band 162. — Empfiehlt die Seßhaftmachung des polnischen Judentums im Lande und eine restlose Assimilation in Sprache mrd Sitte an das Polentum. Seine Aufsafiung ist sehr anfechtbar, sie übersieht vollständig, daß höchstens fünf Prozent der Juden Polens ihrer Kultur und Sprache nach als polnisch zu betrachten sind. Lauers Anschauungen widersprechen aufs schärffte denen der Beteiligten selber. 6. Zum polnisch-jüdischen Problem. Eine Erwiderung von Nachum Gold mann. Preußische Jahrbücher, Band 162. — Setzt sich mit Lauers Artikel auseinander und verlangt die Lösung des Problems durch die „Anerkennung und Sicherstellung der polnischen Juden als Nation." 7. Den Ostjuden ihr Recht! von vr. Nathan Birnbaum. — Entschieden einer der beachtenswertesten Beiträge, auch wenn wir ihm nicht immer zustimmen. Tritt gegen jede Assimilation der Judenmaffen nach der polnischen oder deutschen Seite energisch auf, betont das j nationale Eigenrecht des Ostjudentums, die ein Volk I darstellen, „den anderen Völkern kongruent und komi mensurabel". Birnbaum ist naturgemäß eine große 1 Sachkenntnis der Probleme eigen, mit denen er sich sein ganzes Leben beschäftigt hat. 8. Die Ostjudenfrage von Andrzej Boleski in der Zeitschrift Polen (Wien, 15.10.15). Behandelt die Frage vom national-polnischen Standpunkt, eine Auseinandersetzung mit den Ansichten Birnbaums. 9. Judenfrage und DeutschtumZM Kriege. Von vr. Heinz Klaus. Sammlung „Natur und Gesellschaft". Soziol. Verlag Eleon. Dietze. — Nimmt zu der gesamtenJudenfrage in durchaus rafienantisemitischem Sinne Stellung, wenn auch mit einer gewifien Einsicht für jüdisches Verdienst. Verlangt für das Ostjudentum absoluten Grenzschluß, daneben aber Emanzipation auf der polnischen Scholle. Als Kuriosum sei erwähnt, daß. Klaus die preußische Regierung für derartig verjudet hält, daß sie selbst bei strengstem Grenzschluß die Ueberflutung Deutschlands mit Ostjuden nicht hindern werde!! 10. Die Ausführungen dieses Artikels habe ich genauer dargestellt in zioei Aufsätzen, die in der Zeitschrift „Im deutschen Reich" erschienen sind. („Polnische Juden" ».„Deutschland und die Ostjudenfrage".) Bon Zeitungsartikeln seien einige Ausführungen von Professor Martin Philippson in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" hervorgehoben. der sich seltsamerweise als ein erbitterter Feind der jidischen Muttersprache zu erkennen gibt. Vom zionistischen Standpunkt aus hat besonders über die Schulfrage Leo Rosenberg in der „Jüdischen Rundschau" geschrieben. Aus der politischen Prefie seien zwei Artikel hervorgehoben: „Jüdisches Ghetto" im „Vorwärts" vom 6. 9. 15, und „Eine Kulturfrage im Osten", vom Gouverneur v. Puttkamer im „Tag" vom 23.12.15. Ersterer wendet sich vom sozialdemokratischen Standpunkte gegen Grenzschluß und Ansnahmegesetzgebung, letzterer steht im wesentlichen aus dem hier vertretenen Standpunkt, nimmt aber in der Sprachenfrage eine vermittelnde Stellung ein, indem er jidisch in den Volksschulen belasten will, während für die Mittelschulen Hochdeutsch einzuführen sei. Me Ke vadenia zustande kam. Bon vr. Max Oppenheimer (Badeniae E.M., Spreviae.) Bevor ich die Ereignisse erzähle, aus denen sich die Entstehungsgeschichte und die Chronik der ersten Semester unsrer l. Badenia zusammensetzt, sei es mir gestattet, zuvor über die Gründe zu sprechen, die eine Verbindung mit unsren Tendenzen nötig machten, und die uns gleichzeitig so ivenig Verständnis und so vielen Widerstand bei unsren Glaubensgenossen stnden ließen. Wie traurig sah es in den achtziger und neunziger Jahren aus allen deutschen Universitäten sür die jüdischen Studenten aus. Ihre christlichen Konabiturienten wurden von allen Korporationen mit offenen Armen empfangen, sie hingegen — trotz der freundschaftlichen Beziehungen, die sie häufig zu einzelnen Korporationsmitgliedern unterhielten, teils brüske zurückgewiesen) teils liebenswürdig hinauskomplimentiert. Ist es ein Wunder, wenn sich ihrer allmählich ein Gefühl tiefsten Unbehagens bemächtigte? Die Kränkungen, die sie