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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 529

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 529 (sequence 29)
Language
German
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529 nicht eingegangen werden. Wirtschaftlich kommt es darauf an, ein erträgliches Verhältnis zu den Polen zu schaffen, deren Antisemitismus besonders in den letzten Jahren alle Grenzen überstieg. Moralisch wird alles erreicht sein, wenn das russische Bestechungssystem verschwindet und das Bewußtsein lebendig wird, daß unbedingte Gerechtigkeit der oberste Grundsatz eines Staates sein muß. Ein gutes Vorbild für die große Erlösungstat bietet ja die preußische Emanzipation, die rechtlich und kulturell die Juden Preußens zu der Höhe erhob, die ihnen eine so segensreiche Teilnahme an der deutschen Kulturarbeit ermöglichte. Nur einem Gebiete, das freilich zu den wichtigsten gehört, dem der Schule und der Unterrichtssprache, seien wenige Worte gewidmet. Es gab in früheren Jahrzehnten russische Machthaber, die ein ehrliches Interesse an der Hebung der polnischen Juden hatten. Sie sind an der Sprachenfrage allesamt gescheitert, da sie dem jidisch redenden Juden die russische Sprache aufzwingen wollten. Dasselbe Schicksal werden die vom Westen ausgehenden Versuche erleiden, wenn sie die lebendige Volkssprache durch Deutsch ober Polnisch ersetzen wollen. Jidisch muß die Sprache des Juden bleiben) das sagen einem Gefühl und Verstand. Es geht zunächst überhaupt nicht an, einer Menschengruppe plötzlich die Muttersprache rauben zu wollen. Das Jidische wegen feiner Häßlichkeit zu verdammen, ist auch kein Standpunkt, der sich verteidigen läßt. Zunächst stimmt das Urteil nicht, wie jeder Kenner des großen und schönen jidischen Schrifttums bestätigen wird, und dann trägt ja überhaupt eine jede Sprache den Maßstab sür Schönheit und Häßlichkeit nur in sich selber. Freilich darf man die jidische Sprache nicht mit dem geistlosen Gemauschel unserer Witzblätter oder rwt dem Jargon, der Mischsprache, verwechseln, vermittels derer sich in Deutschland reisende Ostjuden verständlich zu machen versuchen. Logische Erwägungen führen aber zu demselben Ergebnis. Die polnischen Juden haben eine Kultur, welche deutschen Ursprungs ist und im Westen wurzelt, und so werden sie sicherlich, wie teilweise schon heute, einen wichtigen Stützpunkt deutschen Wesens und deutscher Interessen im Osten bedeuten. Als völlig deutsch sind sie aber ebensowenig anzusprechen, wie etwa die Holländer, die in gleicher Lage sind. Wollte man versuchen, die Ostjuden restlos der deutschen Sprache zuzusühren (abgesehen natürlich von solchen Gebietsteilen, die dem Deutschen Reiche ein verleibt werden sollten), so würde man den Schwerpunkt ihrerJnteressen künstlich nachDeutschland verlegen. Man würde ihnen ihr eigenes Wesen nehmen, ihnen Halt und Sicherheit gänzlich rauben, um sie dafür mit einer dünnen, nutzlosen, deutschen Tünche zu überziehen. Man würde mit einem Worte die Auswanderung großziehen, die man doch in ihrem eigenen Interesse vermieden sehen will! Daß überdies im Falle der Einführung der Amtssprache des deutschen Reiches das Verhältnis zur polnischen Bevölkerung ein recht gespanntes werden müßte, sei nebenher erwähnt. Von welcher Seite man also auch das Problem anpacken möge, zu einem anderen Ergebnis . kann man kaum kommen als zu dem natürlichsten, daß die Muttersprache der Ostjuden nicht angerührt werden darf. Die polnischen Juden sind derselben Abstammung wie ihre deutschen Glaubensgenoffen. Sie sind deutschen Ursprungseinst von ihren Wohnsitzen am Rhein und im Schwabenlande vertrieben, sind sie in Polen freundlich ausgenommen worden, bis der auch dort einsetzende Druck Teile von ihnen, die Vorfahren der deutschen Juden, wieder zur Rückwanderung zwang. Es ist also weit mehr als der gemeinsame Glaube, was unser Interesse und unseren Arbeitseifer erweckt, was uns eine glückliche Zukunst dieser bisherigen Stiefkinder des Schicksals erhoffen läßt. Bei unseren andersgläubigen Volksgenossen fallen diese begreiflichen Stimmungen fort, sie werden sich nur von einer Politik des Verstandes leiten lassen. Aber zu anderen Ergebnissen wird auch sie nicht führen. Es kann dem deutschen Reiche nicht gleichgültig sein, ob zwei Millionen Menschen verwandter Kultur, die Vertreter deutscher Kulturintereffen sein können, in Not und Elend oder in Glück und Freiheit leben. Deutschland weiß heute schon, von wie großem Werte das Ostjudentum wirtschastspolitisch sür seinen Außenhandel, feinen Jndustriemarkt ist, und diese Kraft würde naturgemäß zehn- und hundertfältig wachsen, sobald die Erlösung Tatsache wäre. Die völlige Emanzipation der Ostjuden liegt also nicht nur in ihrem wie der deutschen Juden Interesse, sondern in dem unseres gesamten deutschen Vaterlandes und seiner Macht! Als die verbündeten Heere die Grenze Polens überschritten, haben die Feldherren in einer Kundmachung den Juden Freiheit und Recht feierlich versprochen. Deutschlands Politik hat sich nun gerade in dieser Zeit des Weltkrieges im Gegensatz zu der vieler anderer Staaten durch ihre Wahrheit und Ehrlichkeit ausgezeichnet. So ist es denn sicher, da unser Vaterland bei der Gestaltung der künftigen Geschicke Polens ein gewichtiges Wort mitzureden haben wird, daß den Juden ein hellerer Stern leuchten muß. Was an Mühe und Kräften aller Art an ihre Emanzipation gewendet werden soll, wird einst tausendfache Früchte tragen.

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