KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 528 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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L28 mit Antisemiten, sogar nur mit ihnen, vertreten müßten, werden keinesfalls unsere Begeisterung erregen, und wenn uns die Wahl zwischen einem Ausnahmegesetz gegen polnische Juden und einer unbeschränkten Einwanderung gelassen würde, so müßten wir das letztere wählen, wenn aus keinem anderen Grunde so aus dem selbstsüchtigen, daß das kleinere Uebel vorzuziehen sei. In welches Verhältnis also Polen auch später zu Preußen tritt, ob — was freilich unwahrscheinlich fein wird — größere Telle unserem' Vaterland einverleibt werden, ob es staatsrechtlich einem anderen Schicksal anheimfällt, in dem einen Punkte ist uns der Weg vorgeschrieben. Es hieße unsere eigenen Interessen aufs Spiel fetzen, wollten wir in ersterem Falle durch Aufhebung der Freizügigkeit, in letzterem durch Grenzschluß Ausnahmegesetze gutheißen. Damit ergibt sich aber sofort die weitere unendlich wichtige Frage, welche Folgen sich für Deutschland und die Juden aus einer solchen Einwanderung ergeben könnten. Was zunächst die Politik und die Wirtschaft des deutschen Reiches anbetrifft, so sind die hier geäußerten Bedenken maßlos übertrieben. Von einem wirklichen Schaden kann überhaupt die Rede nicht sein. Das Wirtschaftsleben würde nüchterne und fleißige Elemente gewinnen, höchstens würde in der ersten Zeit auf dem Gebiete der Industrie eine an sich gewiß bedauerliche Lohndrückerei zu verzeichnen sein. Die Behauptungen, daß polnische Juden das Wirtschaftsleben beherrschen könnten, kennzeichnen sich in der Zeit der Großbanken, der Konzerne und der Aktiengesellschaften als leere, antisemitische Phrasen. Objektiv würde das deutsche Wirtschaftsleben durch einen Zuzug aus dem Osten ebensowenig Schaden erleiden, wie es durch die heute schon bestehenden Kolonien in Sachsen und Rheinland-Westfalen der Fall ist. Gewiß würden sich besonders in der ersten Zeit lokale Beschwerden und Schwierigkeiten aller Art ergeben. Und da diese, auf welcher Grundlage sie auch beruhen, sich allesamt in Antisemitsmus umsetzen würden, ist es nicht zweifelhaft, für wen sich eine zum mindesten unbehagliche Situation ergäbe. Es ist nicht zu bestreiten, daß sich im Falle einer erheblichen Einwanderung polnischer Juden, wenigstens in den ersten Jahrzehnten, für die deutschen Juden die Verhältnisse nicht allzu rosig gestalten würden. Eine Masse von Leuten, die in Bildung, Sprache und Sitten sich von ihrer Umgebung sehr stark unterscheiden, würde der Abneigung gegen den Juden überhaupt gewaltige Nahrung geben. Fraglos würde ein Antisemitismus einsetzen, zu besten Bekämpfung sehr große Kräfte eingesetzt werden müßten. Und schon das ist ein Grund, der uns wünschen läßt, daß es zu einer Einwanderung polnischer Juden in größerem Umfange nicht komme. Weit schwerer noch wiegt aber das Bedenken, wie unnatürlich und ungerecht es wäre, auf dem Wege der Verpflanzung die Schicksalsfrage eines Volkes lösen zu wollen. Warum sollen die polnischen Juden nicht das Recht haben, auf dem Boden, der ihnen seit fast sechshundert Jahren eine Heimat geworden ist, glücklich zu werden? Und alles drängt so auf den Nächstliegenden Ausweg, den natürlichen und selbstverständlichen, der leider von christlicher Seite fast ganz übersehen worden ist. Man muß danach trachten, den Ostjuden das Leben auf ihrem Heimatboden so angenehm zu gestalten, daß sie überhaupt nicht in die Versuchung kommen, ihn zu verlassen. Nur so sind alle Interessen zu vereinen, die unserigen, die der Ostjuden und die des Rechts! Dieses Ziel zu erreichen ist nun nicht so schwer, wie man im ersten Augenblick vermeinen mag. Denn unsere Glaubensgenoffen wären ja herzlich froh, wenn sie in dem Lande bleiben könnten, das sie trotz der Leiden, die sie in ihm erfahren haben, lieben. Man gebe ihnen nur die politische Gleichberechtigung, man befreie sie von dem furchtbaren Druck, der auf ihnen lastet, man hebe die Bildungsbeschränkungen auf, eröffne ihnen den freien Wettbewerb auf allen Gebieten des Erwerbs, und die Frage ist gelöst! Daß der Jude zum Wandern neigt, ist eine Fabel! Er verließ jederzeit seine Heimat nur, wenn unerträglicher Druck ihn dazu zwang. Man gebe dem Ostjuden Lie völlige Emanzipation, und er wird bodenständig sein. Ein befreites Judentum würde nicht nur in Polen die Scharen Zusammenhalten, sondern in die Welt hinaus magnetisch wirken und Auswanderer früherer Zeiten nach dem Heimatboden zurücklocken. Man wird vielleicht einwenden, daß eine so große Ausgabe noch nicht einmal in Jahrzehnten gelöst werden könne, und daß sich inzwischen die Einwanderscharen doch nach Deutschland ergießen würden. Beides trifft aber nicht zu. Sobald die Juden zu ihren Befreiern und der Ehrlichkeit ihrer Absichten Vertrauen gefaßt haben, werden sie auch in schweren Uebergangszeiten ausharren. Und was die Erlösung selbst anbetrifft, so mag sie gewiß ein schwieriges Werk darstellen, unmöglich ist sie aber keinesfalls; die innere Kraft des polnischen Judentums, die wir so gerühmt haben, ihre Intelligenz und ihre Arbeitskraft, die sie in der Freiheit — besonders in Amerika — so schnell zur Höhe führen, werden in der eigentlichen Heimat sicherlich nicht langsamer und weniger stark wirken. Auf die einzelnen Fragen der Emanzipation > und der Befreiung kann in diesem engen Rahmen B