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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 527

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 527 (sequence 27)
Language
German
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m Man hat mir freilich eingewendet, daß unsere Feldgrauen — ob Christen oder Juden — weder vergleichende Völkerkunde noch tiefgründige historische Studien zu treiben pflegen, daß sie den polnischen Juden eben nehmen, wie er ist, und vor ihm einen großen Abscheu gewinnen müssen, daß unfehlbar dasselbe eintreten würde, wenn erhebliche Massen nach Deutschland auswanderten und sich dort festsetzten. Es sei zugegeben, daß es nur bei gebildeten Menschen, und auch da höchstens in Einzelfällen, gelingen wird, durch Vernunstsgründe ein möglicherweise schon lange bestehendes Vorurteil zu zerstören. Aber die Zukunft dieser Juden interessiert uns mehr noch als ihre Gegenwart, uud die höchste historische Instanz sind keineswegs die Instinkte des einfachen Mannes, sondern die innere Kraft einer Gemeinschaft! Wenn solche vorhanden ist, wird unsere gesamte Arbeitsrichtung bestimmt sein, ganz unabhängig von dem oberflächlichen Schein. Und darum müssen wir in der Geschichte der polnischen Juden forschen, die Ursachen der gegenwärtigen Lage untersuchen, um selber die Gewißheit zu haben, daß es sich um einen brauchb are n Zweig der Menschheit handelt, um anderen dieselbe Ueberzeugung zu vermitteln. Die Tatsache darf demnach als feststehend gelten, daß das polnische Judentum trotz seiner häßlichen Hülle ein wertvolles Kulturelement darstellt. Trotzdem bleibt aber für uns deutsche Juden die brennende Frage, nicht nur, was mit ihm geschehen, sondern wie sich unser Vaterland mit ihm auseinandersetzen soll. Verschiedene von den Wegen, die vorgeschlagen worden sind, versuchen, Deutschland überhaupt aus dem Spiele zu lassen. Man hat den Zionismus, die Auswanderung nach Palästina, als Allheilmittel empfohlen, und zwar haben am eifrigsten Christen diesen Gedanken vertreten. Neben dem Wunsche, wegen der peinlichen Jndensrage nicht zu allzuvielem Nachdenken gezwungen zu werden, mag sie auch die Hoffnung leiten, die deutsche Judenheit innerlich zum Zionismus zu bekehren, und sich ihrer entweder gänzlich durch Auswanderung entledigt zu sehen oder sie doch zum mindesten in einem bewußt empfundenen Gegensatz zur deutschen Kultur zu wissen. Wir lehnen nun jede Lösung der deutschen Judensrage außerhalb des Vaterlandes ab, und dem Sinne nach gilt das auch für Polen. Wir haben keine Veranlassung, an dieser Stelle die ganze praktische Schwierigkeit des zionistischen Lösungsoersuchs aufzurollen, nur aus einige Kleinigkeiten sei verwiesen. Wie wird sich die durch den Krieg so erstarkte Türkei zu einer Einwanderung von Menschen stellen, die an strategisch sehr wichtiger Stelle jeden Augenblick mit Autonomiegelüsten hervortreten können? Wer soll in einer Zeit, da Europa unter den ungeheuerlichsten Kriegskoften seufzen wird, die Hunderte von Millionen ausvrmgen, die zu einer Uebersiedlung im großen Rahmen nötrg sind? Und damit stehen wir erst am Beginne der Schwierigkeiten, die den zionistischen Lösungsversuch praktisch unmöglich machen. Auch auf anderem, weit gefährlicherem Wege hat man versucht, Deutschland gänzlich auszuschalten, indem man für einen absoluten Grenzjchluß gegen polnische Juden Stimmung zu machen versuchte. Es wäre nun keineswegs unmöglich, einer dahinzielenden Gesetzesoorlage eine äußere Form zu geben, die sie nicht als ein Ausnahmegesetz erscheinen läßt. Dem Geiste nach würde sie aber trotzdem ein solches sein und bleiben, weil andere Einwanderer gar nicht in Betracht kommen. Denn zu Gunsten der polnischen, galizischen und ruthenischen Arbeiter für Bergbau und Landwirtschaft müßten jedenfalls Erleichterungen gewährt werden. Die Forderung nach einer Absperrung der Grenze hat anfangs auch in jüdischen Kreisen zuweilen Anklang gefunden, und es waren keineswegs die schlechtesten, die von jedem Zuwachs an Ostjuden eine Gefährdung der gesamten Stellung der deutschen Juden befürchteten, der man anders nicht begegnen könne. Gerade wer wirklich dieser Anschauung ist, daß jeder sich selber der nächste sei, müßte nun begründeten Anlaß haben, gegen Ausnahmegesetze sich zur Wehr zu setzen. Denn jedes Vorgehen dieser Art, das sich gegen Juden wendet, weil sie Juden sind, würde an den Grenzen der Rechte der einheimischen Juden keineswegs Halt machen. Wenn heute der ausländische Jude entrechtet wird, kann es morgen der naturalisierte und übermorgen der alteingesessene sein. Den festen Rechtsboden, den wir so mühsam erkämpft haben, dürfen wir auch nicht in seinem kleinsten Teile antasten lassen. Nur der erste Schritt würde ja Ueberwindung kosten, und für den Antisemitismus, der ja auf derartiges lauert, wäre eine Bresche in den festgefügten Wall unserer Ansprüche gelegt. Uns Juden würde ein solches Gesetz in den Augen der Welt herabsetzen, würde uns vor allem mit einem Schlage die innerliche Sicherheit nehmendie wir zu erringen beginnen. Der Ruf nach Ausnahmegesetzen ist übrigens aus christlicher Seite bisher nur von ausgesprochenen Judenfeinden erhöben worden. Die großen politischen Parteien, die Sozialdemokratie, das Zentrum und der Liberalismus, werden sich bestimmt hüten, den schlüpfrigen Weg zu betreten, der ihnen selber zum Verhängnis werden kann. Und das' dürsten wir Juden uns eine Mahnung sein lassen! Forderungen, die wir Arm in Arm

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