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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 526

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 526 (sequence 26)
Language
German
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526 es ist geradezu wunderbar, fcofc sich trotzdem der Lebenswille des Volkes bis heute ungebrochen erhalten konnte. DaS russische System wird durch die Worte Bedrückung und Ausbeutung gekennzeichnet. Obwohl eigentlich von gesetzeswegen der Jude in Kongretzpolen völlig gleichberechtigt ist, hat er in Wahrheit nicht das mindeste Recht. Die elementarsten Lebensbedingungen muß er sich durch schweres Geld erkaufen. Ob er einen Auslandspaß braucht, ob er gezwungen ist, sich an einem der vielen verbotenen Orte aufzuhalten, immer muß er zahlen. Das Geld hat aber noch größere Macht. Bei der Bewerbung um eine Lieferung hilft ihm der Rubel ebenso, wie wenn er sich vom grausamen Militärdienst, eine Hölle für den rechtlosen Juden, befreien will. So kommt der polnische Jude auf ganz natürlichem Wege zu der so oft bemängelten Ueberschätzung des Mammons, so verwirren sich seine Moral begriffe. Da die unmenschliche Ausnahmegesetzgebung ihm zudem jede ergiebige Erwerbsmöglichkeit raubt und unter dem russischen Druck die wirtschaftliche Not bis zum Aeußersten gestiegen ist, wird die Gewinnsucht ebenso gesteigert, wie das Gewissen sich gegen unredlichen Erwerb abstumpft. Wer sich nun über den betrügerischen Sinn und den maßlosen Erwerbsgeist dieser Menschen erregt, vergißt ganz, daß sie meist mit großen Familien von gelegentlich verdienten Kopeken leben müssen. Wer will aber für die Redlichkeit anderer Nationen einstehen, sobald das furchtbare, graue Gespenst der Sorge sie jagt! Es ist unmöglich, an dieser Stelle Einzelheiten aus der entsetzlichen wirtschaftlichen Lage zu geben. Von dem Verbote, ländlichen Grundbesitz zu erwerben, bis zu der fortwährenden Vermehrung der Bedürftigen durch Ausweisungen aus dem eigentlichen Rußland bleibt ihnen kein Schlag erspart, und was die Moral begriffe anbetrifft, so sind sie im Vergleich zu der Größe des Drucks noch verhältnismäßig hoch. Kein anderes Volk der Welt hätte jedenfalls derartiges ertragen können, ohne sittlich zu verwildern und unterzugehen. Wer begriffen hat, wie der polnische Jude das geworden ist, als was er uns jetzt erscheint, wird sich wahrscheinlich weniger über seinen Mangel an Moral entrüsten, als sich wundern, daß er nicht weit tiefer gesunken ist. Dasselbe gilt auch uneingeschränkt von zwei anderen Seiten des Kulturlebens, von der Bildung und der Sittlichkeit. An dem niedrigen Stande der Bildung trägt nur die russische Regierung die Schuld, die sich jeder verständigen Volksschulpolitik mit allen Mitteln widersetzt, in die höheren Schulen aber Juden nur nach einer Prozentnorm hineinläßt, die dem wahren Bevölkerungsanteil — zumal in den großen Städten — geradezu Hohn spricht. Sie versucht eben mit allen Mitteln das Volk geistig ebenso herabzudrücken, wie es politisch und wirtschaftlich bereits der Fall ist. Um so mehr ist aber der Ostjude von einer geradezu wunderbaren Sehnsucht nach dem Lichte der Bildung beseelt, und die Opfer, die er bringt, um seine Kinder etwas lernen zu lassen, sind ganz erstaunlich. Daß er hungert, weil er von seinem kargen Verdienst zunächst das Unterrichtsgeld für den Lehrer bezahlt, ist eine ganz alltägliche Erscheinung. Die trüben sittlichen Verhältnisse sind eine direkte, fast selbstverständliche Folge der bitteren Not. Die oft widerliche Prostitution und der Anteil am Mädchenhandel sollen nicht geleugnet werden. Aber die Ursachen dieser tief betrüblichen sozialen Erscheinungen liegen klar zu Tage. Das reine Familienleben und die sexuelle Ni oral des Juden genossen von jeher einen so hohen Ruf, daß sich gerade an sie auch der roheste Haß der Welt nur selten gewagt hat. Wie unendlich viel Unglück muß die polnische Judenheit getroffen haben, um unter ihnen die Bande des innigen Familienlebens und der keuschen Zurückhaltung so zu sprengen! Die Jüdinnen, die sich der Schande preisgeben, sollen gewiß nicht verherrlicht werden: aber man muß bedenken, daß es oft nur geschieht, um Eltern und Geschwistern kärgliches, trockenes Brot zu schaffen und daß ihr Los darum weit eher Mitleid als Verachtung verdient. Wen will es nun wundernehmen, daß Menschen von solchem Schicksal nicht die besten Umgangsformen haben, daß sie durch ihren gekrümmten Rücken, ihre knechtselige Haltung, ihr unbeholfenes und linkisches Wesen ausfallen! Wer will es ihnen verdenken, wenn sie ein verbitterter, kritischer Geist, ja ein hoffnungsloser Zynismus erfüllt, wenn vor allem ihre Kinder jene Frühreife aufweisen, die das Kennzeichen des Fehlens einer unbekümmerten Jugend ist. Wir sind eben daran gewöhnt, den Juden nach dem zu beurteilen, was seine Erscheinung uns sagt, nicht aber in seine Seele zu schauen. Ein solcher Blick würde aber nicht nur vieles erklären, sondern uns auch positive Werte zeigen. Wir würden Menschen von einem unzerstörbaren Idealismus kennen lernen, von einer religiösen Innigkeit und einem Glauben, der manchem unbegreiflich sein wird. Und mit dem Idealismus verbindet sich eine lebensfreudige Zähigkeit und eine Energie, die Großes erhoffen lassen. Des Ostjuden Rücken ist gebeugt und sein Gesicht ist von Leid und Elend durchfurcht, aber das Herz in seiner Brust ist gesund und mutig, und.feine Seele träumt von seiner Zukunft.

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