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KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 525

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 525 (sequence 25)
Language
German
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SSL und wie auch immer die zukünftigen Verhältnisse sich gestalten werden, an eine Wiederherstellung der früheren politischen Lage ist nicht zu denken. Da drängt sich denn sofort der Gedanke auf, was aus der Masse der polnischen Juden werden solle? Schon der flüchtige Beobachter erkennt, daß sie unter den allerelendesten Lebensbedingungen ihr kärgliches Dasein fristen und daß eine Hilfe kommen muß, wenn sie nicht, mit Ausnahme kleiner Mittel- und Oberschichten, durch die entsetzliche Not zugrunde gehen sollen. Nun sitzen diese polnischen Juden dicht an der Grenze unseres Vaterlandes, des mächtigsten und blühendsten unter den Staaten Europas, und ganz von selber richten sich die Blicke der im Dunkel wandelnden nach dem Licht, ganz von selber wird in ihnen der Wunsch lebendig, ihr Schicksal an das deutsche Reich zu ketten, das ihnen Freiheit und Gerechtigkeit, Luft zum Atmen und Raum zur Bewegung zu geben vermag. Diese drohende Aussicht hat nun, obwohl das endgültige Schicksal Polens keineswegs feststeht, schon heute recht viele Zungen und Federn*) in Bewegung gesetzt. Viele Gedanken sind geäußert, viele Vorschläge sind mit großem Eifer verfochten worden. Die meisten kranken allerdings an einem großen Uebel. Ihre Urheber haben weder von den Polen noch von den Juden die geringste Anschauung, und sie bauen ihre Systeme auf eigener Unkenntnis und den wenigen Brocken auf, die sie politischen Handbüchern und Geschichtswerken verdanken. Freilich gibt es sehr viele Leute, die der Krieg in das Land verschlagen hat und die aus Grund der jetzt erworbenen Sachkenntnis meinen, daß dieser Vorwurf auf sie nicht zutresfe. Es ist aber zu bedenken, daß in der Kriegszeit Menschen und Dinge ihr wahres Gesicht nicht zeigen und daß die Zerrbilder, die sich unseren Feldgrauen gegenwärtig bieten, ebensowenig über das wahre Wesen von Land und Leuten aufzuklären vermögen, wie das noch so eifrige Studium des Konversationslexikons. Es gibt bekanntlich nichts, was eine gute Sache mehr schädigen kann als schlechte Beweise, die mehr behaupten, als man Nachweisen kann. So soll man die polnischen Juden nicht reinzuwaschen suchen, und ihre offen sichtlichen Fehler nicht abstreiten. Es bleibt schon dabei, so bedauerlich es auch ist, daß sie in ihrer ganzen Kultur sich recht erheblich von den deutschen Juden unterscheiden, obwohl sie mit ihnen früher eine Einheit bildeten. Weder sind ihre Moralbegrisfe in vielen Einzelfällen aus der Höhe, die *) Eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Literatur, aus der jeder sich selber unterrichten kann, findet sich am Schluß des Artikels. man von Anhängern der jüdischen Sittenlehre erwarten sollte, noch sind die sittlichen Zustände bei ihnen überall völlig einwandsfrei. Ihr allgemeine Bildung läßt ebenso zu wünschen übrig wie ihre Umgangssormen, und wohin man die Sonde steckt, überall trifft man baldigst auf die Krankheitsherde, die zu ebenso heftigen wie lieblosen und unverständigen Angriffen Anlaß geben. Es ist nun — leider auch vereinzelt von jüdischer Seite — ausgesprochen worden, daß diese polnischen Judenmassen in Grund und Boden verderbt seien und daß es sich gar nicht mehr lohne, sich um sie zu kümmern. Sie ihrem Schicksal, dem völligen Untergang, anheimfallen zu lassen, sei vielleicht die beste Lösung, die uns Juden aus großen Schwierigkeiten erlösen und Europa einen Gefallen erweisen werde. Ihnen sei nicht zu helfen! Was fällt, möge man fallen lassen, wenn man es nicht gar — nach Nietzsches Wort — noch stoßen solle. Wer sich aber an Ort und Stelle eingehend mit den Ostjuden befaßt hat, wer sie aus ihrer Umgebung heraus beurteilen kann, wird von ihrem Wert oder Unwert ein etwas anderes Bild bekommen. Denn es geht nicht an, wie die Herren Theoretiker es tun, daß man polnische Juden aus den Vorstädten von Warschau mit ihren Glaubensgenossen vergleicht, die im Berliner Westen ein behagliches und gesichertes Leben führen. Sind denn die Moralbegriffe der polnischen Proletarier auch nur um einen Deut besser? Stehen dort die sittlichen Zustände auf einem irgendwie höheren Niveau? Die Fragen, und manche andere dazu, stellen, heißt sie verneinen, und daß dies dem flüchtigen Beobachter nicht sofort auffällt, liegt daran, daß der Jude als Händler weit mehr mit dem Fremden in Berührung kommt und ihm mehr von seinem inneren Wesen wie von . seinen äußeren Lebensbedingungen offenbart. Wer aber noch weiter geht und gar die hygienischen Verhältnifle vergleicht oder sich mit dem Bildungsstreben beider Volksschichten und seinen Ergebnissen besaßt, wird bald im Geiste dem Juden ab bitten und zugeben, daß er nach keiner Richtung hinter den allgemeinen polnischen Kulturverhältnissen zurückbleibt, in vielen Punkten sie jedoch erheblich übertrisst. Es muß freilich dabei berücksichtigt werden, daß neun Zehntel der Juden ihrer Lebenshaltung und ihrer ganzen Lage nach mit dem polnischen Proletariat verglichen werden müssen. Worauf gehen nun die an sich fürchterlichen Zustände zurück? Sie find lediglich das Ergebnis der Geschichte. Gut ist es bereits seit den Zeiten des westfälischen Friedens dem Juden in Polen nie gegangen. Seit aber Rußland das Reich völlig beherrscht, find seine Erlebnisse nichts wie eine Kette von unbeschreiblichen Leiden, und

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