KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 524 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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524 auch wir Zurückgebliebenen, und wir vor allem, uns der Größe der Aufgabe, die zu erfüllen ist, bewußt zu bleiben. Man verliert leicht das Augenmaß auch für das Gewaltigste, wenn man an feinen Anblick gewöhnt wird. Wenn wir das Geschehene überschauen, dann können wir sagen, daß es zwar unter der Führung einiger, aber doch nur durch die Mitarbeit aller so überragend roß ^geworden ist. Und wir werden es empfinden, aß Gleichgültigkeit, die sich bei der Länge des Krieges einstellen könnte, eine schwere Gefahr für das Vaterland bedeuten würde. „Lehrt uns denn auch der verflossene Zeitabschnitt, daß wir uns heute als Juden betätigen dürfen?" so höre ich fragen. Ohne Zaudern gebe ich die Antwort: „Ja!" Alle Kultur muß erhalten werden, wenn nicht der Krieg zur staaten- und völkervernichtenden Revolution führen soll. Das herrlichste Erzeugnis aller Kultur aber ist die Religion, ist die sittliche Weltanschauung, die in ihr zur Verwirklichung kommt. Nicht verborgen kann es uns geblieben sein, daß die Erneuerung unseres Volkes, von der wir eben sprachen, sich besonders sinnfällig aus religiösem Gebiete vollzogen hat. So ist auch das Judentum heute von vielen seiner Bekenner, die es längst vergessen zu haben schienen, wieder gesucht worden. Sollten wir in den letzten Jahren manchmal an der Notwendigkeit der Erhaltung des Judentums, der doch die Menschheit die Erziehung zur Sittlichkett verdankt, gezweifelt haben, nach dem, was wir jetzt erleben, werden wir es nicht mehr tun. Trachten wir danach, daß diese Erscheinung von Dauer ist, erhalten wir diesen Segen des Krieges: es ist die Menschheitskultur, der wir damit dienen. — Um so mehr sind wir aber berechttgt und verpflichtet, auch heute für die jüdische Sache tättg zu sein, weil wir wissen, daß der Kampf um das Recht und um die Anerkennung des Judentums noch nicht zu Ende gekommen ist. Denken wir auch weiterhin daran, daß das letzte Jahr gerade uns Juden schwierige und hochbedeutsame Fragen gebracht hat, die ihrer Lösung harren. Aber auch hier müssen wir sagen: auch unsere Arbeit für die jüdische Sache muß heute in Einklang stehen mit den Forderungen, die die Zeit an uns stellt. Soweit wir heute als Juden für unser Judentum eintreten müssen, wollen wir jederzeit mannhaft dazu bereit sein, aber vermeiden wir unnöüge Schärfe, wenn wir nicht selbst herausaefordert werden. Lassen wir auch heute die Selbstzerüeischung, denn in dem Bestreben, dem Vaterland zu dienen, sind wir doch alle einig. Einig wollen wir aber auch sein in dem Willen, unser« Glauben groß und stark zu erhalten. Keinem von uns darf das Judentum mehr ein toter, nichtssagender Begriff sein. Wir alle müssen erfüllt sein von der Kraft seiner weltumfaffenden Lehre, wir müssen uns .bewußt, freudig und stolz zu ihm bekennen. Das ist die Erneuerung des Judentums. Ich lausche den Glockenklängen, die nun das alte Jahr zu Grabe läuten. Noch einmal höre ich die Schmerzensrufe derer, die für uns bluteten, noch einmal höre ich die Klagen derer, die das Leid gebeugt. Aber ich höre auch Siegesklänge, und ich höre den ruhigen Pulsschlag eines großen Volkes, das in gläubigem Vertrauen zusammensteyt in rastlosem Ringen und Schaffen. Und ich lausche dem geheimnisvollen Klang, der die Zukunft kündet. Sehnsüchtiger denn je bangt ihr die Menschheit entgegen. Aus Millionen Lippen bebt die eine Frage: „Wird das neue Jahr den Wellenbrand löschen? Wird es den Frieden bringen?" Wir sorgen uns nicht um uns, die wir daheim geblieben sind. Aber wir bangen um unsere Brüder da draußen, von denen als Opfer in jedem Augenblick das Leben gefordert werden kann. Doch sie — wir haben es hundertfach ersehen — beseelt der Wille zum Sieg, und er läßt sie nicht ermatten, bis die Stunde der Heimkehr gekommen ist. Stehen auch wir ihnen nicht nach: bauen wir in uns das Gute fort, das uns in dieser Zeit der großen Not gegeben wurde. Haben auch wir alle — Juden wie Nichtjuden — den Willen zum Sieg, der der Wille zur Erneuerung unseres Volkstums in all seinen Teilen ist. vr. Kurt Alexander. Die Gstjuüensrage. Von vr. Felix Goldmann (Thuringiae). Wäre die Ostjudenfrage rein wirtschaftlicher Natur, handelte es sich dabei nur um politische Erwägungen, so würde ihre Behandlung an dieser Stelle ebensowenig vonnöten sein, wie wenn es um Dinge ginge, die das deutsche Judentum, sein Leben und seine Sorgen nicht berührten. Das ist aber keineswegs der Fall. Das Problem spielt gerade auf dem ureigensten Arbeitsgebiet des K.C. eine gewaltige Rolle, denn die gesamte soziale, gesellschaftliche und rechtliche Stellung der Judenheit unseres Vaterlandes kommt in Betracht. Wirtschaftliche und politische Einflüffe stehen bei der Ostjudenfrage erst in zweiter Reihe. Im wesentlichen ist sie eine Frage des Rechts! Die Tatsachen, um die es fich handelt, dürften so bekannt sein, daß ein kurzer Hinweis genügt. Bisher lebten unter der Herrschaft des russischen Staates etwa sechs Millionen Juden, von denen auf Kongreßpolen annähernd zwei Millionen entfallen. Der Krieg hat nun die russische Macht aus dem alten Polen verjagt,