KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Kriegsausgabe November-Dezember 1915 8. Heft Fortsetzung. Erneuerung. Da ich diese Zeilen beginne, trennt uns nur noch eine kurze Spanne Zeit von dem Augenblick, in dem das alte Jahr dahinsinkt in die Vergessenheit und heraufsteigt zur ungewissen Zukunft das neue Jahr. Diese Stunde der Wende des bürgerlichen Jahres ist sür alle Menschen gegeben, um noch einmal rückschauend sich die Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Viel. Leid und Elend, viel Trauer und Schmerz begleitet das scheidende Jahr. Blut, unsagbar viel Blut haftet an seinen Fersen, und sein Gefährte schien der Tod zu sein. Rauchende Trümmerhaufen, unendliche Leichenselder, Stätten, an denen die Sorge sich eingenistet, bezeichnen die Spur, die sie beide gegangen. Und doch ist nicht alles Vernichtung, nicht alles Schrecken, was wir finden aus dem Wege des Wanderers, der um diese Stunde seinen Lauf beendet. Die große Not, die hereinbrach, hat die Menschen nicht niedergedrückt, sondern sie hat sie erhoben. Für das deutsche Volk geht ein Siegesjahr zu Ende. Auf den Schlachtfeldern sind die deutschen Fahnen von Sieg zu Sieg gezogen, und Wunderbares haben unsere Heere geleistet. Aber denken wir in dieser Stunde auch an die Siege, die jeder einzelne in sich, die das gesamte Volk in stillem Schaffen errungen hat. Jauchzend sind Tausende hinausgezogen, dem Tod entgegen, und sie gingen doch freiwillig. Die aber hinausziehen mußten, die gingen ohne Zögern und ohne Zagen, denn das Muß war ihnen keine Last, sondern eine heilige Pflicht. Sie kämpften, sie litten, sie starben für eine Idee, für ihr Vaterland, für Kultur, für Ehre, für Freiheit und für das Recht. Und als sie starben, da galt ihr letzter Hauch der sorgenden Mutter, der liebenden Braut, der bangenden Gattin oder den schutzlosen Kindern; ihr letzter Hauch war Heimatsehnsucht, war Liebe. Hier im Lande denken Millionen Männer und Frauen ohne Unterlaß an die, die da draußen uns schützen, und sie sorgen für sie. Die auch, die aufs schwerste heimgesucht, denen der Ernährer genommen wurde, sie auch brauchen nicht zu verzweifeln, denn die andern wetteifern in dem Bestreben, ihnen zu helfen. Selbst. Gegensätze, die unüberbrückbar schienen, sind ausgeglichen. Da sind religiöse und konfessionelle Schranken gefallen: ein Feldrabbiner spricht den nichtjüdischen Kriegern Trost zu, und am Grabe eines jüdischen Helden gedenkr seiner der nichtjüdische Feldgeistliche. Hier hat man parteipolitische Bedenken überwunden: die Mehrzahl derer, die sich zur äußersten Linken bekennen, unterstützt die Regierung, indem sie ihr die Mittel zur Fortführung des Krieges bewilligt. Ein jeder, auf welchem Platze er auch immer steht, hat in sich das Bewußtsein einer großen Pflicht erkannt. So wird das Volk geeint in dem Willen zur Arbeit für die eine große Sache des Vaterlandes, geeint in dem Willen zum Sieg. Diese Erkenntnis, die uns allen geworden ist, die uns alle aber auch ernster gemacht hat, die sich bei jedem einzelnen anders kunogibt und sich nach seiner Art und seiner Stellung auch anders kundgeben muß, dys ist der Segen, den uns diese Zeit gebracht hat. Vieles hat sich in uns und um uns gewandelt, während wir durch die Schule des Leidens gingen. Doch sprechen wir hier nicht von „Umwertung", denn die Dinge sind geblieben, nur wir haben uns gewandelt. Wir haben etwas wiedergefunden, was verloren schien: wir gewannen unser echtes Menschentum wieder, denn wir lernten wieder zu streben für Ideale. Deshalb ist diese Zeit für uns eine Zeit der Erneuerung. Wir wollen aber keine Träumer sein, sondern vernünftige Menschen mit hellem, klarem Blick. Gar bald' werden wir denn auch finden, daß die Erneuerung nicht vollkommen ist, daß nicht alles, was häßlich und unschön am Menschen war, abgefallen ist. Die Zeit, in der die Wandlung begann, war nur kurz. Das Neue konnte noch nicht überall Fuß fassen, und es konnte noch nicht immer das, was ihm im Wege stand, ausrotten. Daß dem so ist, haben wir deutschen Juden auch in dem verflossenen Jahre nicht selten erfahren müssen. Auch unsere Brüder kämpften und starben. Auch unsere Männer und Frauen setzten ihre Kräfte und alles, was von ihnen gefordert wurde, ein für das Vaterland, das uns allen gemeinsam ist. Wir standen in nichts zurück. Doch wollen wir dafür keinen Dank, denn die Erfüllung jedweder Pflicht, mag sie auch noch so groß fein, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber wir verlangen Gerechtigkeit. Sie hat man uns — wir müssen es zu unserm Schmerze bekennen — nicht immer widerfahren lassen. Doch hüten wir uns, uns durch Enttäuschungen in der Erfüllung unserer Pflicht beirren zu lassen. Denn wir wissen es trotz allem, daß hier unser Vaterland, daß hier Kultur und Recht ist. Den Schutz all dieser Güter gilt es. Wir müssen bestrebt sein,