Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 515

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 515 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268895-2268897--1574-3523190
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

515 Staatbürgern gleichstellte. Zum ersten Male hatten sie dann in den Freiheitskriegen Gelegenheit, zu beweisen, datz sie des neuerworbenen Rechts würdig sind. Eine überaus große Zahl jüdischer Jünglinge meldete sich freiwillig zu den Fahnen, ein Verhalten, das um so rühmenswerter ist, als ihnen der Begriff „Vaterland" doch eben erst erschloffen war. Während im siebenjährigen Kriege die Juden im großen und ganzen — wenn wir von einigen Aeußerungen Moses Mendelssohns und Moses Ephraim Kuhs absehen — erklärlicherweise noch als teilnahmslose Zuschauer beiseite standen, finden wir jetzt auch unter unseren Glaubensgenoffen solche, die durch ihre Dichtungen Zeugnis ablegten von dem echt vaterländischen Geiste, der sie beseelte. Geiger weist nach — und das ist sehr beachtenswert —, daß u. a. auch Börne und Heine, die so gerne als Fremdlinge bezeichnet wurden, für die deutsche Sache das Wort ergriffen haben. Die nach Beendigung der Freiheitskriege einsetzende Reaktion, die den Juden so vieles von ihrer mühsam errungenen Stellung raubte, drohte ihnen auch die Militärpflicht zu nehmen. Doch die vielfach angedrohten Maßregeln wurden nicht ausgeführt, und das Gesetz von 1847, das seine Ergänzung in dem des Jahres 1869 fand, beendete den Kampf, indem es die unbedingte Gleichstellung der Juden aussprach. Es bedarf keiner besondern Erwähnung, daß auch im Kriege von 1870 die deutschen Juden, deren Kriegsteilnehmerzahl auf etwa 7000 beziffert werden kann, in jeder Weise ihre Pflicht taten. Unter den Sängern dieses Krieges finden sich allerdings wenig oder gar keine Juden. Vielleicht sind hier nur zu nennen Julius Stettenheim, der Dichter des Kladderadatsch, Julius Rodenberg und Berthold Auerbach, der in tiefster Er. regung den Kriegsereigniffen folgte und gar manches prächtige Wort in jenen Tagen schrieb. Auch die lange Friedenszeit, die nun folgte, bedeutete nicht das Ende des Kanlpfes um unser Recht. Gar vieles hatten wir auch jetzt noch zu erduldenhier werden besonders die Zurücksetzungen erwähnt, die den Juden bei der militärischen Beförderung widerfuhren. Als aber dann im Sommer 1914 der Kriegsruf an das deutsche Volk erging, da scharten sich die deutschen Juden mit derselben heiligen Begeisterung wie alle anderen zu den Waffen. Ueber das, was sie alle geleistet haben, wird erst in einer späteren Zeit gesprochen werden können. Unter den deutschen Schriftstellern, Dichtern und Erzählern dieser Zeit finden sich ebenfalls viele jüdischen Glaubens. Bon zweien der besten, die bereits auf dem Felde der Ehre gefallen sind, bringt Geiger Proben ihrer Dichtkunst: Das Reiterlied des Oesterreichers Hugo Zuckermann: „Drüben am Wiesenrand hocken zwei Dohlen —" und sein Lied: „Makkabäer 555," sowie die ivundersamen Verse des Ostpreußen Walter Heydemann: „Mutter, es kommt nicht nach Haus, den Du geboren" und sein Lied „Heimrast". — Trotz der überaus großen Zahl der jüdischen Kriegsteilnehmer, trotz all ihrer Heldentaten, trotz all der Arbeit, die auch von den Zurückgebliebenen für das Vaterland getan wird, ist das antisemitische Gefühl noch nicht erstorben, und gar manche'harte Zurücksetzung der Juden hat es erzeugt. Wir können die schlichte, allgemeinverständliche Arbeit unseres verdienten Verfassers aufs wärmste empfehlen und wünschen, daß sie in weiten Kreisen Eingang findet. Sie bringt uns viel Wiffenswertes und wird gewiß auch manche Vorurteile, die leider heute noch rege sind, zerstreuen. K. A. Leutnant Sender, Blätter der Erinnerung für seine Freunde. Aus seinen Feldpostbriefen zusammengestellt E von l)r. M. Spanier. Verlag von M. Glogau jr. ~ Hamburg. Preis Mk. 1,—. „Judenangst" ein widerliches Wort! Ob es jemals aus dem Gebrauch unsrer deutschen Bolksbrüder verschwinden wird? Das ist eine Hoffnung, die wir heute hegen. Das schlichte Heldentum des deutschen Lehrers jüdischen Glaubens, Gottfried Sender, der geschmückt mit dem Eisernen Kreuz erster Klaffe beim Sturmangriff als Kompagnieführer den Heldentod gestorben ist, sollte jedem, der heute noch von „jüdischer Feigheit" zu reden wagt, die Schamröte der Lüge auf die Stirne bannen. Sender ist nur einer unter vielen. In unsren eigenen Reihen findet sich manch einer, den wir ihm voll Stolzes an die Seite stellen können. Dank erfüllt unsre Seele für dieser Helden glorreiches Tun. Ihr Beispiel wirke nach außen wie nach innen. Ihm aber, dem Helden dieses Büchleins, danken wirs, datz über sein Grab hinaus sein Wort noch wirkt. Freundeshand hat es den Freunden zu bleibender Erinnerung gestaltet. Aber wer hören will, der wöge hären. Wer lesen will, der möge lesen. Wir K. C.er wollen dies Büchlein ehren als ein klares Zeugnis tapferen Heldentums, getätigt durch eines Juden Leben und Sterben. K. C.er, verbreitet das Büchlein. A.L. Rankes Meisterwerke, erschienen im Verlage von Duncker 6c Humblot, München und Leipzig, bislang acht Bände. Band I—V Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, Band VI—VIII Die römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten. Preis des Bandes (durchschnittlich 500 Seiten) gebunden 3 Mark. Auf die aut ausgestattete, wohlfeile Ausgabe seien die Verbandsbrüder aufmerksam gemacht. In der „deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation" behandelt Ranke in kurzer Uebersicht die deutsche Geschichte seit Anbeginn, besonders in ihrer Beziehung zum Papsttum, ausführlicher die Zustände unter Maximilian I. und dann eingehend die Geschichte Deutschlands in der Zeit Karls V. Er zeigt diesen Monarchen als Verfechter der mittelalterlichen Idee politisch-religiöser Einheit, der trotz seiner beherrschenden Stellung, trotz äußerer Erfolge im Streit mit den neuen Ideen scheiterte. Den Ideen, deren Hauptrepräsentanten Luther, der religiöse Reformator, und Franz I. von Frankreich waren, welch letzterer als erster christlicher Monarch sich mit den Osmanen verband und damit im Gegensatz zu der mittelalterlichen Auffaffung der Einheit der Christenheit die nationalen Interessen den kirchlichen überordnete — Ranke nennt das militärischpolitischen Protestantismus. — Die Geschichte der römischen Päpste gilt als das Meisterwerk Rankes. Er behandelt besonders ausführlich die katholische Gegenreformation, die nach den ersten überraschenden Erfolgen der Reformation einsetzte, die Zeit der großen Päpste Paul IV., Pius V. und Sixtus V. Er zeigt die neuen Erfolge der katholischen Sache bis zu ihrem Höhepunkt, der gebietenden Stellung des Hauses Habsburg im Jahre 1629. Und nun ist es reizvoll zu lesen, wie Ranke schildert, datz diese im Verfolg religiöser Interessen gewonnene Vorherrschaft Oesterreichs auf Gegnerschaft bei andern Mächten stoßen mußte und es gerade katholische Mächte waren, die Oesterreich um die Früchte dieses Sieges brachten und zu der Gleichstellung des Protestantismus führten, nämlich Frankreich unter Richelieu, der ebenso wie 100 Jahre vor ihm Franz I. nationale Rücksichten über religiöse stellte, und — der Papst Urban VIII. selbst als Gegner Habsburgs und in seiner Vorliebe für Frankreich. Ich glaube, in diesen wenigen Zeilen angedeutet zu haben, worin die großen Vorzüge der Geschichtsschreibung Rankes liegen: bei der eingehenden Schilderung der Ereignisse sind die großen Gesichtspunkte und Zusammenhänge stets erkennbar. Besonders fesselnd ist die lebendige Charakterisierung der Personen. Die große Zeit, in der wir leben, dürste unfern Blick geschärft und unser Interesse für Geschichte gesteigert haben. Wie rnerkwürdig ist der Zusammenhang der L

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.