Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1915-11-01 · Heft 8 (November 1915) · p. Seite 509

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 8 (November 1915)
Date
1915-11-01
Page
Seite 509 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268895-2268897--1568-3523184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

509 Ich hatte es nicht schwer mit diesem Leibsuchsen; war er doch gern und freudig K. C.er geworden und wußte, was man von ihm verlangte. Seine geistigen und körperlichen Gaben machten es ihm auch wahrlich leicht, seine Pflichten als K.C.er zu erfüllen. War er ein scharfer und geistreicher Diskussionsredner, der vermöge seines Wissens und seiner Dialektik nicht so leicht widerlegt werden konnte, so war er doch ein ebenso guter Fechter, der auf der Mensur wohl seinen Mann zu stehen wußte. Er berechtigte als Fuchs zu den besten Hoffnungendaß er sie nicht erfüllen konnte, ist nicht seine Schuld. Voll Begeisterung meldete er sich bei Kriegsausbruch zu den Fahnenbegeistert zog er bald daraus ins Feld- und wir, seine Freunde, sind sämtlich überzeugt davon, daß er nicht minder begeistert und mutig den Tod sür sein geliebtes Vaterland und sür unsere gute Sache gestorben ist. Vor mir liegt Ginsbergs letzter Grußdarin, bezugnehmend aus eine Nachricht meinerseits über einen Bundesbruder, finden sich die Worte: „Ich habe mir fest vorgenommen, ebensalls Vizeseldwebel mit dem Eisernen Kreuz zu werden!" Wer ihn kannte, weiß, daß es ihm ernst war mit diesem Vorsatze. Leider war es ihm nicht vergönnt, ihn auszuführen; das Geschick wollte es anders.- Jetzt deckt Dich, mein lieber Freund, fremde Erde. Nie mehr werde ich Dein frohes Lachen hören und in Deine sonnigen Augen blicken! Aber das magst Du uns glauben: Wenn Du auch nicht mehr unter uns weilst, Du bleibst uns unvergessen! Erich Weltmann (Spreviae). Narl Neumann. (Bavariae.) Ansang 1914 lernte ich in meinem Heimatstädtchen an der Bergstraße einen Mulus der HeppenheimerOberrealschule kennen, einen jungen, frischen, lebensfrohen Menschen. An kleinstädtischen Schulen, zumal in Hessen, weiß meist jeder Primaner schon, wo er aktiv wird. Auch Karl Neumann, der mir zum ersten Mal im Leben begegnete, wußte es bereits. Für ihn, der auch in' der Schule den Gegensatz bereits ahnen elernt hatte, unter dem nun einmal das Leben es jüdischen Studenten zu stehen pflegt, verstand es sich von selbst, daß er, wenn er demnächst die Heidelberger Universität beziehen würde, der Bavaria beitrete. Als er während der Osterferien nach Frankfurt, dem Wohnort der Eltern, zurückkam, trat er mir persönlich in häufigem Zusammensein näher. Bald darauf wurde er als einer der ersten unter den mehr als 25 krassen Füchsen des Sommersemesters 1914 Bavare. Durch sein offenes Wesen, seinen Frohsinn und den ausgesprochenen kameradschaftlichen Sinn, der ihm eigen war, gewann er sich auch alle jungen Bundesbrüder zu Freunden. Er gehörte zu denen, die durch ihre ganze Veranlagung die Aufrechterhaltung der Disziplin und des Korpsgeistes in einer studentischen Verbindung erleichtern, weil sie durchdrungen sind von der Notwendigkeit einer straffen Organisation. Mehr als einmal hat er mir erklärt, wie wohl er sich in dem Kreise der jungen Bavaren fühlte und wie stolz er darauf war, die Farben seiner Verbindung tragen zu dürfen. Das Semester ging seinem Ende entgegen, und wie alle Jahre versammelten sich zum Stiftungsfest zahlreiche Bundesbrüder. Aber in das frohe Treiben herein, das die große Heidelberger Corona und die von auswärts Erschienenen bewegte, klang bereits der Donner des nahenden Gewitters, das seitdem mit unerhörter Gewalt die ganze Welt erschüttert. Eine Ahnung durchzog die zur frohen Feier Versammelten von dem Ernst der Zeit, die anbrach, und als ich mit einem Wort auf die Kämpfe hinwies, deren unser Vaterland vielleicht entgegenging, riesen die jungen Bundesbrüder wie aus einem Munde: „Wir melden uns alle als Freiwillige." Sie haben das Wort wahr gemacht, und als einer der Ersten trat Karl Neumann gleich nach Bekanntmachung der Mobilmachung als Kriegsfreiwilliger in ein Feldartillerie-Regiment einer seiner Vaterstadt benachbarten Garnison ein. Voll Begeisterung rückte er nach kurzer Ausbildungszeit ins Feld, und in dem ersten Brief, den er mir aus Frankreich schrieb, kam das Gelöbnis zum Ausdruck, durch sein Verhalten zeigen zu helfen, wie haltlos das Vorurteil ist, das man uns Juden vielfach entgegenbringt. Sein glücklicher Optimismus verließ ihn in Not und Gefahr keinen Augenblickauch wenn er persönlich einmal von jenem Vorurteil berührt wurde, verlor er nicht die immer fröhlich-heitere Stimmung. Wenn ihm aber, wie er mir mehr als einmal in seinen zahlreichen Briefen Mitteilen konnte, die Anerkennung seiner Vorgesetzten zuteil wurde, war ihm das Entschädigung für jede Entbehrung und Bestärkung in dem Entschluß, im Dienste des Vaterlandes sein Bestes herzugeben. Als er, der junge Mediziner, ausgefordert wurde, sich in der üblichen Weise zum Sanitätsdienste überleiten zu lassen, lehnte er es ab. „Mir gefällt es besser vorne im Schützengraben", schrieb er mir damals. In ausführlichen Briefen hat mir Neumann bescheiden seine persönlichen Erlebnisse, mit um so größerer Ausführlichkeit aber seine allgemeinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.