KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 8 (November 1915)
- Date
- 1915-11-01
- Page
- Seite 508 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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508 Ansicht nicht durchdrang, so wich er doch nicht zurück, sondern setzte unbekümmert um die Spötter seine Meinung auseinander. In Anerkennung seines Eisers und seiner Tüchtigkeit wurde er denn auch im Sommersemester 1914 zum Drittchargierten der Sprevia gewählt. Es ward ein fröhliches Semester unter Becherklang und Schlägerklirren, und als der lebenslustige Studio am Semesterende sein liebes Freiburg noch für einige Tage aufsuchte, konnte er dort berichten, daß man auch in der Großstadt Berlin und in seiner den Auswärtigen meist unbekannten wald- und wasserreichen Umgebung ein echtes und rechtes Aktivitätssemester verleben kann. Wenn aber der, der Friedländer weniger genau kannte, annahm, daß er — heiter und unbekümmert, wie er sich stets gab — nur des studentischen Frohsinns und der bunten Mütze wegen aktiv geworden sei, dann täuschte er sich sehr. Der stets zu Scherzen aufgelegte Drittchärgierte geyörte zu denen, die aus freien Stücken aus der Tendenzsuchsenstunde erschienen und nach Schluß des Fuchsenunterrichts sich mit dem Fuchsma;or über wissenschaftliche Fragen unterhielten. Gern denke ich noch heute an meine Gespräche mit ihm zurück. Da kam Anfang August uns allen unerwartet der Weltkrieg. Am zweiten August schon war Erich Friedländer Kriegsfreiwilliger. Anfang Oktober wurde er — wie alle kriegssreiwilligen Mediziner — zum Sanitätsgefreiten ernannt — und am Reservelazarett Tempelhof ausgebildet. Um Gelegenheit zu bekommen, schneller ins Feld zu gelangen, nahm er einen Posten beim Obergeneralarzt der Sanitätsinspektion Berlin an, mit dem er noch die Tätigkeit als freiwilliger Helfer im Lazarett Buch zu verbinden wußte. Am 2. Dezember wurde er auf sein Drängen nach Frankreich in ein im Süden der Westfront gelegenes Feldlazarett geschickt. Auf dem Wege dahin — er fuhr über Belgien und durch einen großen Teil der besetzten Gebiete Frankreichs — konnte er noch verschiedene Bundesbrüder besuchen. Aber im Feldlazarett, in dem er übrigens mehrfach von französischer Artillerie beschössen wurde, fand er doch keine seine Kraft ausfüüende und befriedigende Tätigkeit. Darum suchte er, der für das Vaterland nicht genug leisten konnte, nach anderer Betätigung. Schließlich — Mitte August dieses Jahres — gelang es ihm (er war inzwischen zum San.-Unteroffizier befördert worden), zu einem Reserve-Jnfanterie-Regiment zu kommen. Anfang September rückte er mit seiner Kompagnie in die vordersten Gräben. Hier fand er freilich, als die große französische Offensive einsetzte, reichlich zu tun. Aber ihm, der im feindlichen Artilleriefeuer keine Furcht kannte, dem gar nicht der Gedanke zu kommen schien, daß auch ihn das Geschick ereilen könne, war das gerade recht. „Hier habe ich wenigstens nicht das Gefühl der Ueberflüssigkeit", schrieb er mir noch in den letzten Tagen. Uns allen, die wir es uns gar nicht vorstellen konnten, daß der lebensprühende noch nicht 21jährige Freund dahinqegangen sein sollte, kam sein Heldentod völlig unerwartet. Noch am Versöhnungstage hatte er in gehobener Stimmung den jüdischen Gottesdienst in einer zerschossenen. Kirche in der Champagne mit 300 Kameraden mitgemacht. Als er zur Front zurückkam und seine Kompagnie sich gerade zum Aufbruch rüstete, ereilte ihn am 21. September der tötliche Granatsplitter. Mit seinen Eltern und seinem Bruder trauern seine Bundesbrüder und Freunde, die wissen, was sie an ihm verloren haben. Fritz Goldschmidt. (Thuringiae, Spreviae.) Erich Ginsberg. (Spreviae.) „Auf dem Felde der Ehre gefallen" lasen wir auf dem Umschlag eines an ihn gerichteten und zurückgesandten Briefes, und wollten's nicht glauben, bis wir wenige Tage später durch einen Bundesbruder die traurige Bestätigung erhielten. Am 7. Oktober fiel durch eine serbische Kugel mein lieber Leibfuchs Erich Ginsberg. Vor mir steht sein Bildich lese seine Briese- und die Jahre unserer Freundschaft ziehen an mir vorüber. Wir waren beide noch Schüler, als wir uns kennen lernten und uns aneinander anschlossen; noch näher brachte uns der Tag zusammen, da er sich zum K. C.-Gedanken bekannte. Mir ist's, als wäre es gestern gewesen, als der Mulus sich akttv meldete und stolz die rote Mütze aufsetzteals er nach dem Aufnahmekonvent zu mir herantrat und in seiner kurzen, geraden Art sagte: „Du wirst selbstverständlich mein Leibbursch!" Dieses „Selbstverständlich" charakterisiert unser Verhältnisdieses „Selbstverständlich" der echten Freundschaft, die nicht bittet, sondern voraussetzt und vertraut. Und dieses „Selbstverständlich" charakterisiert auch ihnzielbewußt ging er durchs Leben, ohne zu wanken und zu schwanken. „Selbstverständlich" war jede seiner Handlungen, ohne daß er jedoch eigensinnig war und keine Ansicht eines Erfahreneren hätte gelten lassen. Wie vertrauensvoll konnte er sich im Gegenteil an ältere Freunde anlehnen!