KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 7 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 497 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2268830-2268895-2268896--1553-3523168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
497 auch der Idealismus des jungen Gemütes vor allem lebendig ist? Ist es nicht vielmehr eben Heidelberg, das in seiner ausschließlichen Eigenschaft als Lima mater besonders geeignet ist, die Jugend, die sich ihm anvertraut, mit dem Geiste reinen Strebend und idealer Lebensauffassung zu erfüllen! Was ist darum auch natürlicher, als daß die Idee, die vor nunmehr einem Menschenalter einen Teil der deutschen Jugend, unsere jüdischen Studenten, zu erfüllen begann und sich aufbäumen ließ gegen Zurücksetzung und Unterdrückung, daß die Idee vom Kampfe der deutschen Juden um ihr Recht im Vaterlande,' vor allem in Heidelberg Wurzeln schlug und in den Gründern unserer Verbindung ihre überzeugtesten Vorkämpfer fand. Mußte nicht gerade angesichts der alles versöhnenden Schönheit Heidelbergs das Gefühl, ausgeschlossen zu sein aus dem Kreise fröhlicher Jugend, doppelt bitter empfunden werden und daher der Wille, dagegen anzukämpfen, doppelt gewaltig und ernst erstehen. Es ist das Gebot Heidelbergs, daß Jugend zu Jugend gehört, daß Freundschaft, nicht Haß, unser Teil ist. Und für die Wahrheit dieses Gedankens haben wir gekämpft, nicht immer siegreich, viel verspottet und bekämpft, aber schließlich haben wir uns doch unser» Platz errungen und eben dadurch die Wahrheit unserer Idee bezeugt. Denn das ist die Rechtfertigung für den jugendlichen Idealismus: ob er sich durchzusetzen vermag im Leben und ob er ungeachtet aller Anfeindungen und Kämpfe seinen Weg ruhig und sicher und im Bewußtsein seiner Wahrheit geht. Unser alter Feind ist nicht verstummt, neue Feinde sind hinzugekommen, aber unbeirrt davon, haben wir immer auch die Freunde gesunden, die willens waren, mit uns für das herrlichste Ziel zu kärnpfen, für ein schönes, großes Vaterland. Aber nicht nur wir Jungen haben uns stets von neuem an diesem Gedanken begeistert. Die, welche vor uns mit dieser Idee ihre Jugend erfüllt, sind hinausgegangen ins Leben und haben draußen die Ideale der Jugend nicht vergessen, sondern sind im Gegenteil nur um so feurigere, begeistertere Kämpfer geworden, in denen die Liebe zu unserer Verbindung, welche ihnen diese Lebensaufgabe vermittelte, geblieben ist. Und in der Tat, Freunde, gibt es für uns Junge etwas Herrlicheres, als im alten, lieben Heidelberg miteinander in Ernst und Frohsinn uns vorzubereiten für den schweren Kampf, der im Leben unser harrt, und zu wissen, daß man später in den Stürmen des Alltags immer die Hand finden wird, die einen auf dem gemeinsamen Wege führt! Und wenn heute die Hunderte von uns, die vor dem Feinde stehen, demselben Schlage ihres Herzens lauschen und von demselben Gedanken beseelt sind, was ist dies anders als ein Zeugnis von der herrlichen Kraft unserer Idee! Und ich reiche den Brüdern in Ost und West die Hand und weiß: Es ist ein Wunsch, den wir hegen, ein Gedanke, der uns leitet, und ein Wille, der uns vorwärts treibt. •i* ¥ * Wohl wird die Idee meist hervorgebracht durch das harte Muß der Wirklichkeit. Allein, einmal bestehend und die Herzen und Gemüter erfüllend, ist sie nur lebensfähig, wenn sie ihre Kraft nicht mehr nur aus diesem Muß schöpft, sondern aus der lodernden Begeisterung, die sie selbst in den Menschen entflammt hat und die selbstlos, wie sie ist, kein anderes Muß kennt, als höchstens das der sittlichen Pflicht. Betrachtet doch einmal diesen Krieg: Freilich war es die rauhe Wirklichkeit, war es die Notwendigkeit des Lebenskampfes, die uns das Schwert in die Hand gedrückt und die in uns die Idee erzeugt hat, daß, wenn irgend ein Krieg heilig ist, so es dieser ist, und daß alles andere für uns verschwinden muß vor der Aufgabe, ihn zu einem guten Ende zu führen. Aber nur dadurch, daß jene Idee in einem Volke lebendig wurde, das noch imstande war, sich zu jener selbstlosen Begeisterung emporzuraffen, die Millionen Freiwillige zu den Fahnen trieb, und die auf den Lippen unserer Sterbenden ein Lächeln hervorzaubert, wurde sie lebensfähig, lebenswert, siegesgewitz. Denn zweifellos ist dieser Krieg auch für unsere Gegner ein Muß. Das wollen wir doch nicht verkennen. Es ist töricht, von frivoler Streitsucht hier zu reden, wo es sich um die Auswirkung einer historischen Notwendigkeit, eines Selektionsprozesses, wenn ihr wollt, handelt. Aber die Idee, die bei unsern Gegnern aus diesem Muß erstand, wird unterliegen, weil sie sich nicht rein auswirken kann, weil sie nicht imstande war, die Fülle aufopfernder Begeisterung zu wecken, wie es bei uns der Fall war. Wir K. C.er wollen aus dieser geschichtlichen Wahrheit unsere Lehren ziehen. Es ist richtig: an der Wiege unserer Idee stand der Pfefferkorn so gut wie Reuchlin, Lavater so gut wie Mendelsohn und Liebermann von Sonnenberg so gut wie Gabriel Riesser. Aber wir kommen nicht weiter und werden nichts erreichen, wenn wir uns nur immer von diesem Muß leiten lassen, wenn wir, in dürren Worten gesprochen, nur deshalb K. C.er sind, weil wir keine D. C.er sein können. Wir müssen einmal ins Reine kommen mit unserer Idee und müssen uns darüber klar werden, daß es wohl der Mühe wert ist, um ihrer selbst willen für sie zu kämpfen. Wer zu uns kommt, muß wissen, daß wir nicht bloß ein Gutgenug sind, sondern daß K.C.er sein heißt: