KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 7 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 495 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268895-2268896--1551-3523166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
495 Trotz allem Schweren ist der frohe Ton in eidelbergs Mauern nicht ganz ausgestorben, unge Gestalten im grünen Rock marschieren durch die Straßen. Sie singen nicht „Oauäeamu8", nicht die „Lindenwirtin" oder das Lied vorn Rodensteiner; Datz sich unsere alte Kraft erprobt, Wenn der Schlachtruf uns entgegentobt tönt es jetzt von jungen Jägerlippen durch die alten Gassen. Sie singen aber auch gerne: „Frohe Stadt zum Unterpfande, Datz dein Glück Dich nicht oerlätzt, Grützt dich hoch von Dachesrande, Ein verwegenes Storchennest. Ei, wie ha'ns die lebensfrischen Weiblein sich so wohl bestellt, Geht der Storch im Neckar fischen, Kommt was Lustiges zur Welt" und dann schauen die Pfälzer Mädels lächelnd zur Seite. Doch nun, Freunde, verzeiht, wenn ich Euch fremde Bilder Eurer geliebten Stadt gezeigt. Eure Ruperto-Carola ist nicht gestorben, sie schlummert nur. Sie schläft an den Ufern des raschen Neckar, hingeschmiegt an die Trümmer der alten Burg, wo jetzt roter Wein die Schande unserer westlichen „Kulturbringer" überwuchert,' sie träumt von den jungen Gesellen, die so oft bei Becherklang ihr Lob gesungen. Unter den frohen Tritten Eurer siegreichen Heimkehr wird sie aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und Euch mit wehenden Fahnen in den alten krrtmmen Gassen begrüßen als jubelnde Braut. Gott schenke Euch den baldigen Sieg und die glückliche Heimkehr. Dr. Weißmann (Bavariae), z Zt. in Emmendingen. lkriegsgedanken zum Gründungstage der vadenia. Wir haben in langer Kriegszeit manchmal nachgedacht über das, was war. In den bangen Stunden, in denen wir in den Schützengräben hockten und der Tod mit emsigen Fingern an die Brustwehr hämmerte, haben wir mit uns selbst Zwiesprache gehalten über uns selbst, und in den fiebernd heißen Augenblicken des Kampfes, in denen der Geist ganz'untergetaucht schien in Blut, erstand in uns ivie ein blitzartiger Widerschein die Erinnerung. All die kleinen Leiden und die großen Freuden unserer jungen Tage traten noch einmal vor uns hin, sahen uns in die Augen und frugen: „War das Leben nicht lebenswert?" O, es ist keineswegs so, als ob draußen auf den Schlachtfeldern das Leben, das mau bereit ist, jeden Augenblick hinzugeben, für uns ein wertloses Ding geworden wäre und als ob die freudige Schönheit des Lebens einem im Ernste des Kampfes als etwas verächtlich Kleines erscheine. Nein, erst jetzt, da wir wissen, was es heißt, das Leben zu verlieren, wiffen wir auch, was es heißt, es zu besitzen, und wißen wir, daß der letzten Endes eine falsche Rechnung aufgemacht hat, der als Griesgram durchs Leben geht und die edlen Freuden mißachtet, die es uns beut. Denn der frohe Gedanke an sie ist uns ein steter Jungbrunnen, wenn wir zu erlahmen drohen, und in den schwersten Stunden haben sie uns noch die Hand gereicht und uns einen fröhlichen Gruß aus der Fülle des Lebens gebracht. Und da waren es für mich immer zwei Erinnerungen, die sich strahlend aus der Menge der andern emporhoben: Heidelberg und die Verbindung. Nicht getrennt, Heidelberg für sich und die Verbindung für sich, sondern beide wie ein Gedanke, wie etwas ursprünglich Zusammengehöriges, wie ein einziger Ausdruck für die Schönheit einer Jugend. Ich entsinne mich noch gut des Tages, an dem ich zum ersten Male droben beim alten Schloß neben dem Denkural dessen stand, in dessen Gesängen, wie bei keinem zweiten, der unsagbare Reiz Heidelbergs lebendigen Ausdruck gesunden hat. Es war einer jener Herbstmorgen, an denen alles so ruhig und heiter ist, als ob eine milde Frauenhand die Natur liebkose. Ich war heraufgekommen mit jenen überlegenen Gedanken eines modernen Mulus, der glaubt, schon eine Eigenpersönlichkeit zu sein und verächtlich über diejenigen die Lippen kräuselt, welche noch so schwach sind, im Kreise einer Korporation Anschluß suchen zu müssen, da sie glauben, erst dort die wahren Grundlagen zu einer Persönlichkeit erwerben zu können. Unten lag das Städtchen, traulich hingegossen an die Berglehnen, wie eine ewige Jugend, an der die Unrast der Zeit vorübergegangen und nur ihr Schönes geblieben ist, und der Neckar kam so recht gemütlich einherspaziert, wie wenn er sich die altbekannten Stätten noch einmal gründlich betrachten und ihnen allen ein freundliches „Grüß Gott" zurufen müsse. Und weiter draußen erschloß sich die weite Ebene endlosen Blicken. Da fiel auf einmal das vermeintliche Einsiedlergewand, und der Wunsch wurde riesengroß, Freunde zu haben, mit denen man all' diese Schönheit im gegenseitigen Sich-verstehen genießen könne. Das Schöne ist nicht da, um einsam erlebt zu werden, und das Auge des Freundes, der an deiner Seite durch deine Jugend schreitet, strahlt dir in doppelter Schönheit die Natur zurück. Und je näher ich dann Heidelberg kennen lernte und