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KC-Blätter · 1915-09-01 · Heft 7 (September 1915) · p. Seite 476

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 7 (September 1915)
Date
1915-09-01
Page
Seite 476 (sequence 14)
Language
German
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476 Sie ist eine antisemitische Schrift gefährlichster Art, die die Ostjüdenfrage zum Vorwand nimmt, um gegen die Westjuden zum Angriff Vorgehen zu können. Um so gefährlicher ist sie aber, da die Forderung nach Grenzschluss bei all denen, in deren Köpfen das Gespenst der Maffeneinwanderung spukt, das aber auch nichts weiter als ein Gespenst ist, Beifall gefunden hat. Wir deutschen Juden haben die Aufgabe, eine Emanzipation unserer östlichen Glaubensgenossen in jeder Weise zu fördern) aber hüten wir uns, einer Massnahme das Wort zu reden, durch die dieses Ziel in keiner Weise erreicht werden kann, die aber anderseits uns in eine entwürdigende Ausnahmestellung bringen und eine antisemitische Bewegung einleiten wird, die sich auf das Gesetz berufen darf. Hier droht Gefahr!*) K. A. „Bibel und Heldentum." Samuel, S., Rabbiner, Vf. Fünf Kriegsvorlesungen, gehalten in den akademischen Kursen zu Essen im Wintersemester 1914/15. Berlin, Louis Lamm, 1915. 8°, 76 S., Preis 1,— Mk., eleg. kart. IM Mk. Es war ein glücklicher Gedanke des Verfassers, seine in Essen in den akademischen Kursen gehaltenen Vor. träge zu sammeln und dem Leser zu gesammelter Erwägung darzubieten. Denn aus der bald unübersehbaren Kriegsliteratur tritt dieses Büchlein weit hervor, und man kann ohne jede Uebertreibung sagen, dass es für uns Juden zu den wertvollsten Gaben dieser grossen Zeit gehört. Fünf Leitsätze schickt Samuel seinen Vorlesungen voraus: „Die Bibel Israels gehört einem heldenhaften Volke an; — Geschichte und Gesetzgebung stellen die Kriege dieses Volkes unter sittliche Ideen; — die Propheten weisen Krieg und Frieden ihren Platz im Weltenplane Gottes an; — Psalmen und neues Testament schmieden der Seele des Frommen eine undurchdringliche Rüstung; —endlich: der kriegerische Geist der Bibel ging seine herrlichste Verbindung ein mit deutschem Heldensinn." In ungemein lebendiger, an manchen Stellen geradezu packender Weise behandelt der Verfasser sein Thema, und wohl kein Leser wird das Buch ohne tiefe Ergriffenheit aus der Hand legen. Ganz besonders gelungen scheint mir das vierte Kapitel zu sein. Bilder von besonderem Farbenreichtum treten uns vor die Augen: „Stellen wir uns einen wackeren deutschen Landwehrmann vor. Ziemlich früh ist auch an ihn des Königs Ruf ergangen; er hat Weib und Kind, vielleicht noch ein altes Mütterlein: er setzt viel Einzelglück auf das Spiel, aber er weih, wieviel mehr Volk und Heimat, König und Vaterland bedeuten In Sorg' und Unruhe ist er ausgezvgen — aber sein Psalmbuch hat er doch nicht vergessen. Der erste Ruhepunkt ist vielleicht nach Aufregung und Anstrengung für sein pochendes Herz, für sein fliegendes Denken — ein Blick in den Psalter. Da macht er zuerst eine Entdeckung: Er liest jede Zeile mit nie gekanntem Verständnis. Die Feinde und Widersacher, die Frevler und Gottlosen, auch die falschen Freunde und täuschenden Brüder waren bisher nur Schemen; jetzt bekommen sie Wesenheit. Die Menschen mit den glatten Zungen, deren Rachen ein Grab ist, die Bogenspanner im Versteck, die Mörder und Diebe, sie stehen wie aus dem Boden gewachsen gegen ihn auf. Die Luft in Feindesland weht ihn wie Todesodem an. . Es ist wahr, wir sind alle zuerst betäubt und bis zum Tode erschreckt, wenn es durchs Land hallt: ,„Krieg!" (Seite 48». Oder: „Da liegt unser Held, ein Schrapnell hat ihn niedergestreckt, vor Blutverlust sinkt er und harrt des Transportes. *) Mit Rücksicht aus den beschrankten Raun,, der uns in dieser Ausgabe zur Berfügnng steht, mutz eine Auseinandersetzung mit den Ausführungen von Pavhuutius .in den „Grenzöoten", von Wolsgang Heinze in den „Preußischen Jahrbüchern" und von Adolf GrabowSky in der Zeitschrift „Das neue Deutschland", die sich alle mit derselbe» Materie befasse», für die nächste Nummer Vorbehalten bleiben. Minuten werden zu Stunden, er scheint vergessen. Da wird furchtbare Wahrheit, was er gelesen Pf. 88: Ich werde gezählt mit den ins Grab Sinkenden, bin geworden wie der Mann ohne Kraft." (Seite 50.) Obwohl der Verfasser, wie er ausdrücklich im Vorwort hervorhebt, auf jeden wissenschaftlichen Apparat verzichtet, baut sich doch seine Schrift, wie man fast auf jeder Seite merken kann, auf solidester historischer Forschung auf, zeugt sie von ungemein grosser Belesenheit. Besonders ins Auge fällt die jeden Leser geradezu fesselnde Charakteristik der Helden Israels, Mose, Josua usw. (S. 10 ff.). — Heisse Liebe zum angestammten Glauben und zunr deutschen Baterlande, das ist der Geist, der aus dem Buche spricht: „Der Gott, der sich der Väter Abraham, Jsaac und Jakob nicht geschämt hat, ist noch der alte Gott, der Erlöser aus unwürdiger Knechtschaft und jeder bitteren Not. Mag iHn jeder aus dem Volke in seiner Weise anrufen, er wird das Volk als Ganzes trotz aller Prüfungen und Opfer nicht zu Schanden werden lassen. Deutschland hat sich unter seinen Schutz gestellt — und stellen dürfen; darum, o Deutschland, wirst du siegen!" (S.73.) Der Mahnung, die neulich in den K. C.-Blättern ausgesprochen war, den Liebesgaben möglichst oft eine geeignete Schrift jüdischen Inhalts beizufügen, kann nicht besser Folge geleistet werden, als wenn wir das vorliegende fein ausgestattete Büchlein (nur der Druck könnte ein wenig besser sein!) unfern jüdischen Kämpfern draußen zusenden. Es wird den Helden an der Front wie auch uns Daheimgebliebenen, — Schüler und Schülerinnen der obersten Klassen höherer Lehranstalten ganz besonders eingeschlossen — deren Gedanken bei den Lieben im Felde weilen, zu gehobener Stimmung verhelfen und uns mit neuem Mut beseelen. vr. Paul Lazarus-Essen. Morija und Golgatha von Binjamin Segel. Berlin 1915 Poppelauer. 24 S. Die kleine Schrift ist ein verbesserter und vielfach erweiterter Abdruck einer in der Zeitschrift „Ost und West" Mai 1915, unter demselben Titel erschienenen Studie des durch sein ausgezeichnetes Buch „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes", das beste bisher von einem Juden über den Krieg erschienene, rühmlich bekannt gewordenen Verfassers. Hierbei war noch besonders erfreulich, dass jene echt-jüdische, kluge und beredteStimme aus dem verschrieenen jüdischen Galizien kam. Die vorliegende Schrift wendet sich gegen eine Aeusserung des christlichen Theologen Artur Brausewetter, der in einem „hübschen Essay" allerlei gegen die Opferung (besser: Bindung) Isaaks auf dem Berge Morija eingewandt und ihnen den Opfertod Jesus auf Golgatha entgegengestellt hatte. Hiergegen polemisiert Segel, indem er über Opfer und Askese und über den für jüdisches Denken und Empfinden ebenso unfaßlichen wie abstoßenden Opfertod eines Gottessohnes und über den ganz anders gearteten Tod Moses auf dem Berge Nebo manche gute Gedanken in einer Form vorbringt, die journalistisch und homiletisch gewiss nicht unwirksam sein wird. Aber an und für sich hätte der Abdruck in der Zeitschrift genügt. Weder Anlass noch Inhalt rechtfertigen eine Ausgabe als Buch, die einen strengeren Matzstab herausfordert. Artur Brausewetter wird den meisten Lesern eine unbekannte Größe sein, ähnlichen Urteilen christlicher Theologen und Apologeten über Altes Testament kann man jeden Tag begegnen, und in einem Journalartikel oder einer Predigt wird man sie nicht widerlegen. Die Sprache steht nicht immer auf der Höhe des Gegenstandes, sie hat noch vieles vom Jargon der Zeitung und des Feuilletons (ich erwähne nur das zwar beliebte aber greuliche „ausschalten", als wenn das Leben des Geistes und der Seele ein elektrischer Mechanismus wäre) und streift, was dein Ernst der ' Sache nicht entspricht, bisweilen bedenklich die Grenze

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