KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 6 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 458 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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458 bank führen. Völlig grundlos aber hat England sich zum Helfershelfer des schroffsten und rücksichtslosesten Absolutismus und der brutalsten Unterdrückung gemachtdamit hat es das Recht oerwirkt, als europäische Kulturmacht, für die Hnmanität und Gerechtigkeit zu den höchsten Interessen gehören, genannt 51t werden. Weist der Verfasser so das Lkulturniveau unserer Feinde ins rechte Licht zu setzen, so widerlegt er auf der anderen Seite schlagend die hauptsächlichsten der zahllosen Borwürfe, die man wider uns erhoben hat. Barbarei und Grausamkeit sind dem Deutschen durchaus fremd. Der berüchtigte „Militarismus", unter dessen Joch nur diejenigen seufzen, die nie in Deutschland gelebt haben, ist nichts weiter als Disziplin und Organisationsstthigkeit. „In Deutschland gehorcht man sicher mehr und strammer als anderswo, aber man gehorcht willig und stolz, ohne Murren und ohne Unterwürfigkeit, weil der Gehorchende weist, das; auch der Befehlende nur gehorcht, nämlich dem geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetz der inneren Disziplin, dem hier, alle ohne Ausnahme unterliegen. Disziplin und Ordnung sind die luichtigsten Faktoren in der Oekonomie der menschlichen Kräfte, sie organisieren und beschleunigen den Fortgang der Kultur. Das ist das Wesen des deutschen Militarismus, und die anderen Nationen hätten vielleicht besser getan, sich ihn anzueignen, anstatt ihn zu bekritteln." Als ein Beweis für die Rückständigkeit Deutschlands wurde die Behauptung aufgestellt, die zugleich eirn Köder für die Neutralen sein sollte, daß in Deutschland der moderne Antisemitismus seinen Ursprung genommen und von hier über ganz Europa sich verbreitet habe. Französische und englische Zeitungen nahmen diese Behauptungen mit Emphase auf und auch von deutsch-feindlichen Blättern Amerikas wurde sie verbreitet. Dazu führt Segel treffend aus: „Wäre die Sache nicht so unendlich traurig, man müßte sie unendlich komisch finden. Die Russen marschieren auf Berlin, um den Antisemitismus niederzuschlagen und die deutschen Juden von seinem Druck zu befreien. Der moderne Antisemitismus ist freilich in Deutschland entstanden, aber als eine Schattenseite der deutschen Kultur, ein Fleck auf ihr, im Widerspruch zum Kulturbewußtsein des deutschen Volkes und von den besten deutschen Männern unablässig bekämpft. Von Deutschland ist er ausgegangen, aber in Rußland hat er die schlimmsten Früchte gezeitigt. In Deutschland ist er eine trübselige Erscheinung, der tausend erfreuliche gegenüberstehen. In Rußland ist er zur alleinherrschenden Macht emporgewachsen, das Leitmotiv der Gesetzgebung, der Exekutive und der Verwaltung geworden, zu einem wohldurchdachten, gegliederten und dauernden Verfolgungsstistem ausgcartet. In Deutschland mußte er entstehen, in Rußland war er von jeher da." Wenn Segel nun hinzusügt, „daß in Rußland ein Jude nicht einmal Stnatsminister, nicht einmal Herrenhausmitglied, nicht einmal Rektor einer Universität, Präsident des Reichstages und des Reichsgerichts werden könne, was in Deutschland oft schon dagewesen sei," so macht er sich einer kleinen Ncbertreibuug schuldig. Die Geschichte weist noch nichts von einem jüdischen Reichstags-und Reichsgerichtspräsidenten in Deutschland zu berichtenwir »vollen aber unserem Verfasser diese unbedeutende Entgleisung nicht übel nehmen, denn über allen Zweifel erhaben ist die Feststellung, daß der Vernichtungsfeldzug der russischen Regierung gegen die Juden in keiner Weise verglichen werden kann mit der judenfeindlichen Strömung, wie sie bei uns herrscht. Der Weltkrieg wird über das Schicksal der Juden der ganzen Erde entscheiden. Siegt Rußland und seine Bundesgenossen, so wird all das, was die Juden erreicht haben, vernichtet werden und eine unheilvolle Leidenszeit hereinbrechen. Segel beschäftigt sich einmal mit der Frage, was mit den russischen Juden werden soll,' wenn Galizien in der Hand der Russen bleiben würde. „Bisher endete die Macht des Zaren an den östlichen Grenzen Oesterreichs und Preußens. Westlich von diesem fanden die Juden vor den Pogromen eine Zuflucht. Fortab wird sie die Knute bis in das Herz von Mitteleuropa verfolgen. Die nächste Folge aber dieser Zustände wird sein, daß die gequälte und ausgesogene Bevölkerung, besonders die jüdische, aus den an Rußland gefallenen Provinzen in großen Massen nach Amerika auswandern wird. Amerika muß mit einer gewaltig anschwellenden Emigration rechnen. Alle Prohibitivmaßregeln und Alien- Bills werden nichts nützen, denn es wird eine elementare Gewalt sein. Wenn die amerikanischen Juden sich vor schweren Angriffen auf ihre bürgerliche Gleichberechtigung und die Vereinigten Staaten von Nordamerika vor einer wirtschaftlichen Katastrophe schützen wollen, so ist es klar, was für einen Ausgang dieses Krieges man in Amerika wünschen muß." Seit jene Befürchtungen vom Verfasser niedergeschrieben wurden, ist Galizien durch die Tapferkeit unserer Truppen von den Ruffen gesäubert worden, und die Bewohner jauchzten den verbündeten Heeren, die sie von den unwillkommenen „Befreiern", von der aufoktroyierten Staatsreligion und derOchrana erlöst hatten, freudig zu. Aber die Juden Amerikas mögen immerhin kennen lernen, welche Gefahr für sie ein Sieg der Kosaken des Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch bedeutet hätte. In Frankreich und England haben sich bereits die Spuren des russischen Einflusses deuttich in