Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1915-07-01 · Heft 6 (Juli 1915) · p. Seite 457

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 6 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 457 (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268887-2268894--1499-3523114
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

457 von der deutschen Barbarei, indem er die Verhältnisse in Deutschland in Parallele setzt mit denen in den Ländern der Entente. An die Inden Amerikas wendet er sich: er malt aus, wie es um ihre Lage beschaffen sein werde, wenn Rußland der Sieg zufallen würde. Ueber Segels Vaterland hat zu der Zeit, als er seine Schrift verfaßte, die russische „Kultur" sich ergossenein blühendes Land wurde unter der Knute seiner Beherrscher zu einem Totenseld. Und aus tiesster Seele tönen die Worte des Versassers; mit glühender Leidenschaft schildert er die entsetzlichen Leiden seiner Landsleute, und mit beißendem Spott findet er die ab, die Seite an Seite mit dem Bluthund Nikolaus Nikolajewitsch für Kultur und Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu kämpfen vorgeben. Den Höhepunkt der Darstellung bildet die wuchtige Anklage, die Segel ob der Greueltaten erhebtz die verübt wurden an den Juden von Nadworna. In diesem Städtchen, im Südosten Galiziens, brachten die Russen 1500 Familien zusammen und trieben sie vor die österreichische Front, während sie selbst hinterdrein vorrückten. „Man male sich das Bild nur etwas deutlicher nus. 1500 Familien, also 7500 bis 8000 Köpfe, lauter Greise, Frauen, Kranke und Kinder, denn die Waffenfähigen standen alle im Felde oder waren vom Feinde längst in die Gefangenschaft verschleppt worden. Seit Monaten ertragen sie alle Schrecknisse des Krieges, leiden Hunger und Külte, die Russen haben ihre Behausungen geplündert und verbrannt oder zerstört, ihre Habe vernichtet, sie haben sie beraubt, geschlagen und gemartert. Und nun haben sie sie zusammengetrieben wie das Vieh, um sie zur Schlachtbank zu treiben. Vorwärts! Pascholl! Es knattern in ihrem Rücken die Revolver und Maschinengewehre, die Knuten zischen durch die Luft, mit Lanzenstichen und Kolbenstößen werden sie in die feuerspeienden Kanonenschlünde und Gewehrläufe der Oesterreicher Hineingetrieben. Die Oesterreicher hören das Jammergeschrei und das herzzerreißende Stöhnen der Opfer, aber sie können nicht helfen, sie müssen unaufhörlich feuern, denn hinter der Schar der Unglücklichen schleicht sich der Feind heranstellen sie das Feuer ein, so werden sie von den Russen überrumpelt, die Schlacht ist verloren. Und 7000 bis 8000 Menschen, wehrlose, unschuldige Greise, Frauen und Kinder müssen, ohne zu kämpfen, ohne sich wehren zu können, auf dem Schlachtfelde verbluten." Und nun, nachdem der Verfasser das grauenerregende Bild von Nadworna, das unsere Seele mit Abscheu und mit Trauer erfüllt, Umrissen hat, da ruft er denen unserer Glaubensgenossen, die es nicht verschmäht haben, eine Lanze für das Kulturvolk der Russen zu brechen, die Worte zu: „Sorgt dafür, Ihr Juden Amerikas, daß Nadworna in Rußland unter den dortigen Juden bekannt werde, unter den 360000 jüdischen Soldaten, die sich in der russischen Armee für den Zaren schlagen, damit sie genau wissen, wofür sie sich schlagen, und unter den Juden, die sich für das englische Heer anwerben lassen, damit sie wissen, wer der Bundesgenoffe Englands ist, und was ihre Brüder auf dem ganzen Erdball erwartet, wenn er Sieger bleibt. Erfahren sollen es die Barone von Rotschild und von Günzburg, die im englischen und im französischen Heere als Offiziere dienen, um dem Zaren zum Siege zu verhelfen, damit der Name Nadworna sich ihnen ins Herz und Hirn brenne und noch in der Todesstunde ins Ohr gelle' und in ihr Totengebet und in ihre letzte Beichte hineinschalle. Und wenn Lord Rotschild in London Euch sagen läßt, er habe tausend Pfund goldene Sterling für die Juden in Polen geschenkt, so antwortet ihm: Nadworna! Und wenn Mr. Zangwill und Professor Gottheil Euch von dem oldnen Zeitalter sprechen, welches über uns ereinbrechen werde, wenn erst der „teutonische Uebermensch" durch die Kosaken vernichtet ist, so antwortet ihnen: Nadworna! Undwenn die Belgier zu Euch kommen und um Euer Mitleid betteln und Euch vorjammern, daß die deutschen Hunnen ihre schönen Kirchen und alten Rathäuser zerschossen haben, so antwortet ihnen: Nadworna! Und fragt sie, ob denn der schönste Kirchturm und das älteste Rathaus mehr sind als ein Haufen von Steinen im Vergleich mit einem einzigen lebenden Menschen, mit 7500 und 8000 lebenden Menschen, die nicht aus dem Hinterhalt geschossen, keine Waffen getragen, nichts verbrochen haben,' als daß sie Juden waren und ihrem alten Kaiser die Treue bewahren wollten." Als die Russen anfangs September 191.4 Lemberg besetzt hatten, telegraphierte Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch an den Zaren, er habe Polen und Ruthenen vom Joche Oesterreichs befreit. Die Befreier hatten nun nichts eiligeres zu tun, als sämtliche Schulen zu schließen, die Selbstverwaltung abzuschaffen und die eroberten Lande mit der griechisch-orthodoxen Staatsreligion und der Ochrana zu beglücken. Bor allem die letztere, die furchtbare russische geheime Polizei, wütete mit teuflischer Grausamkeit, züchtete Heuchelei, Lüge, Verrat, Doppelzüngigkeit und Denunziantentum. Die Prügelstrafe wurde eingeführt und forderte bereits mehrere Todesopfer. Damit Rußland nun seine Knute über halb Mitteleuropa schwingen kann, läßt Frankreich, allerdings weil es seine zwanzig Milliarden nicht verlieren und seinen Revancherausch befriedigen will, Hunderttausende seiner Söhne zur Schlacht-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.