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KC-Blätter · 1915-07-01 · Heft 6 (Juli 1915) · p. Seite 456

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 6 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 456 (sequence 33)
Language
German
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456 halb der christlichen Welt an Boden gewinnt, dann steht warnend der andere Typ gegen ihn auf, wie er den Propheten aufgegangen ist. Wer sie gründlich verstanden hat, der ist, wenn auch nicht gegen einen Einfluß des andern Typs, aber gegen die Selbsttäuschung gefeit, als ob sich der zweite Typ mit dem ersten vertragen oder gar an feine Stelle setzen dürfe." (Niebergall.) „Wie das evangelische Christentum den Zusammenhang mit dem alten Testament verliert, so wird es sich dessen schwer erwehren können, daß die Religion in dem Naturrausch der Mystik gesucht wird." (Wilhelm Herrmann, angeführt bei Cohen in „Deutschtum und Judentum".) Und schließlich Hermann Cohen selbst in der erwähnten Schrift „Die Zukunft der deutschen Gesittung beruht auf der Kraft des Volksgeistes, allen Zaubern der Mystik zu widerstehen, nicht minder aber auch den pantheistischen Illusionen des Monismus: Natur und Sittlichkeit, „den bestirnten Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir," in ihrem Erkenntnisunterschiede zu begreifen und ihre Vereinigung nur anzustreben in dem Gedanken des einzigen Gottes." Und so soll jetzt und immerdar die Religion wirkendem einzelnen Halt und Vertrauen geben, jetzt mehr denn je, wo unsere ganze Kultur in ein Chaos zu versinken droht. Sie wird aber den einzelnen gerade den in sich festen und auf sich stehenden hinüberleiten zu. den großen Aufgaben des Volkes, zu den ethischen Zielen des modernen Staates und ihn diese Ziele und Aufgaben betrachten lehren: 8ub specie aeternitatis, im Lichte der Ewigkeit. Sie wird über den Staaten bei aller Anerkennung des Eigenrechts und der Eigenkultur ihr letztes und hehrstes Ziel nicht vergessen, den Frieden der Menschheit. Der Weltkrieg und das Schicksal der Juden?) Sonst lehnte sich die Kulturrvelt in gerechtem Zorn aus, wenn zu ihr die Kunde drang, daß im Reiche des Zaren blutgierige Horden unter dem Schutze, der Obrigkeit wehrlose Juden zahllos und mit unbeschreiblicher Grausamkeit hingemordet hatten. Besonders in England und in Amerika fanden die Unglücklichen wärmste Sympathie, und die Regierungen beider Länder machten verschiedentlich Versuche, eine Besserung in der Lage der Juden zu erwirken. Mit einem Schlage änderte sich die Sachlage, als das britische Königreich sich mit dem moskowitischen Kaisertum verbündete. Der dritte im Bunde, *1 Der Weltkrieg und das Schicksal der Juden. Bon Binjamin Segel. Verlag von Georg Stille, Berlin, 1915. Herr Poineare, gab dann die nötige Weihe, indem er darauf hinwies, daß man einen Kamps für Freiheit und Kultur gegen Unkultur und Barbarei zu führen habe. Und seltsam: diese Phrase hat in der Welt Widerhall gefunden. Man sagt sich: „Wenn die Franzosen, deren Devise in der Politik und in der Gesetzgebung Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit heißt, sich den Russen verbunden haben, wenn England den 700. Geburtstag seiner Magna Charta nicht besser feiern konnte, als indem es mtf Seiten des Zarismus trat, dann war Rußland entweder nie das Land der Knechtschaft und der Finsternis, als welches vornehmlich Franzosen und Engländer es immer geschildert haben, oder aber, es hat im letzten Augenblick ausgehört es zu sein, es ist in eine neue Haut geschlüpft und muß von nun ab als Sitz der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Fortschrittes angesehen werden." So machte die Phrase die Neutralen, vor allem die Amerikaner, glauben, daß die Sache der Entente die einzig wahre und gerechte ist. Vergessen ist, was der Vorkämpfer dieser höchsten Güter, Rußland, an schändlichem geleistet l)öt; übertönt wird das Jammergeschrei jener Unglücklichen, die unter den Marterfäusten der Kosaken, der Verbündeten Englands und Frankreichs, in namenloser Qual ihr Leben aushauchen. Und so haben englische und gar amerikanische Juden das Wort zur Verteidigung Rußlands ergriffen, desselben Rußlands, das die Juden systematisch durch Ansiedlungsrayons, Prozentnorm und Progrome zu vernichten sich bestrebt. Mr. Zangwill, dem Sir Ed. Grey in einer stillen unbewachten Stunde die Zusage ins Ohr geraunt hat, er werde einmal nach dem Siege bei seinen russischen Kollegen für eine beffere Behandlung der Juden eintreten, hat uns verheißen, daß England Rußland und die Russen zivilisieren werde- und Professor Richard Gottheil verkündet, daß Rußland aus dem Bündnis mit den zwei größten demokratischen Mächten Europas polittsch und moralisch verjüngt hervorgehen werde. Die Früchte dieses zivilisatorischen Emfluffes dürften sich bereits gezeigt haben, als. die Ruffen jüngst aus ihrem Rückzuge aus Polen die jüdische Bevölkerung im plombierten Güterwagen, in denen sie tagelang ohne Speise und Trank und ohne Luft eingepfercht blieben, wegschafften! Binjamin Segel, ein jüdischer Schriftsteller aus Galizien, enthüllt nun in seiner Arbeit die furchtbare Schmach, mit der sich England und Frankreich beladen haben, als sie sich zum Bundesgenossen Rußlands machtener weist an der Hand klassischer Beispiele nach, in welch entsetzlicher Weise auch heute noch Rußland gegen seine Untertanen, insbesondere gegen die jüdischen, vorgeht. Anderseits widerlegt er das Märchen

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