KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 6 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 455 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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455 Ideals, der Idee gegen das Materielle, vor allem gegen die absolute Wertung des Geldes. Wir haben nicht nötig gegen den Kapitalismus Sturm zu laufen oder' das Wirtschaftsleben besonders zu verteidigen oder eine Abkehr von aller Kultur und eine falsche Rückkehr zur Natur zu predigen. Wir wissen sehr wohl, daß auch zum Kriegführen Geld gehört, Geld und abermals Geld. Wir unterschätzen die materiellen und finanziellen Bedingungen nicht, die jede Lebensführung haben muß,' wenn sie sich über den primitiven Zustand erheben will. Wir wissen, der ganze weltumfassende Handel in seinen verschiedenen Wechselbeziehungen ist auf Geld und Kredit gegründet; wir wissen die gewaltige Energie, die glänzenden Leistungen und organisatorischen Fähigkeiten der Großindustrie, der Banken wohl zu schätzen, wir wissen, welche Summe von Intelligenz, Umsicht, Willenskraft und zähem Ausharren in ihren Führern steckt: daß aber der Wert des Menschen nach seinem Besitze gemessen werde, daß man sich Aemter und Menschen je nach Bedarf kaufen kann, daß der einzelne verloren ist, rettungslos in die Hand des Besitzenden gegeben, daß geistige und ethische Minderwertigkeit kein Hindernis sind für den Zutritt in alle Gesellschaftskreise, kurz, daß das Geld der Zauberschlüssel ist, der so ziemlich alle Türen ausschließt, das ist tief widersittlich, antireligiös, das ist Tod und Verderben des Charakters und der Seeledas macht den Menschen zum Werkzeug, die Person zur Sache. Das ist die Beurteilung nach dem äußerlichsten und zufälligsten Maße, um so gefährlicher, weil das Geld für das wirtschaftliche Leben unentbehrlich ist. Es ist die schlimmste Umwertung aller Werte, llnd es hat des Krieaes bedurft, tim wenigstens für eine Zeit dem allgemeinen Bewußtsein nahe zu bringen, daß es noch etwas Höheres gibt: Die Idee, und daß die beste finanzielle Vorbereitung und die besten und teuersten Kanonen nicht den idealen Geist einer Truppe ersetzen können. Der Dienst für die Idee, Idealismus ohne Phrase, die Fähigkeit, einzutreten für das Gute, Pflichterfüllung im großen wie im kleinen, draußen und drinnen, ist religiös und führt zur Religion, und das hat die Rengion vor allem zu pflegen: Hüterin des Ideals zu sein. Diesem einen großen Ziele hat sie alles unterzuordnen und vor ihm hat jedes Parteigezänk zu verstummen; und fest einzupflanzen hat sie den Glauben an die Verwirklichung dieses Ideals, die Kraft zur Mitarbeit, wie es Hermann Cohen in einem im Verordnungsblatt des badischen Oberrats vom Januar abgedruckten Aufsatz formuliert: „Wie kann die Idee Wirklichkeit werden? Darf man so fragen? Die Idee soll ja von der Wirklichkeit unterschieden bleiben. Es muß uns daher genügen, daß wir sragen, welche Gewähr besteht, daß die Verwirklichung niemals aufhört und niemals abbricht? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwortaber diese Antwort enthält die höchste und innigste Gewißheit des Trostes: Diese Gewähr besteht im Glauben an Gott." Mit diesem Trost sehen wir den Ereignissen entgegen. Die Zukunft ist uns im Dunkel gehüllt. Und so könnten leicht alle Fragen und Erwägungen als sehr unzeitgemäße Betrachtungen gelten. Indessen will die Seele in dieser schweren Zeit sich nicht bald dahin, bald dorthin zerren lassen, will sie fest und sicher in sich sein, und nach ihren eigenen Gesetzen, um ihre Achse schwingend sich formen, dann wird sie auch in diesen Fragen zur Ruhe und Klarheit sich ringen müssen, bis sie auf dem Punkt steht, wo die Ereignisse nicht über sie, wo sie über die Ereignisie Meister wird, auf dem Punkte, den wir Standpunkt, Weltanschauung nennen, den der Psalmist mit den Worten umschreibt: „In deinem Lichte wollen wir Licht sehen". Der Religion wartet eine schwere aber schöne Aufgabe: Bildnerin der Seele, Erzieherin zum Ideal zu sein; den Charakter zu biegen und zu stählen, zum Opfer, zum Vertrauen, zur Demut und zur Ehrfurcht; ihn schaffen und härten zur Gemeinschaft, ihn fähig machen, die Fülle der sittlichen Kulturinhalte bereitwillig aufzunehmen. Zum Staat hat sie in Friedenszeit nicht in dem Sinne einer Partei Stellung zu nehmen. Wehe ihr, wehe ihrem innersten Kern, wenn sie es tut. Daß das Judentum in der Erziehung des Menschengeschlechts keine gleichgültige Episode, daß es in Tiefe und Reinheit gefaßt zu den dauernden Quellen des Kulturlebens gehört, daß ihm gerade in den gegenwärügen religiösen Bewegungen lange vor dem Krieg und über ihn hinaus Wirkung und Abwehr zukommt, das mögen uns die Worte christlicher Theologen sagen: „Es (der prophettsche Geist) ist der Geist der Hingebung an die als Persönlichkeit gedachte Gottheit, die in einem Leben des Vertrauens auf sie und im Dienst an dem Guten wirksam wirkt. Dieser Geist der prophetisch-christlichen Werte und Ideale ist mehr als der Hort des Lebens der Völker, er ist auch der unentbehrliche Halt alles persönlichen und alles geistigen Lebens überhaupt. Er ist die Wahrheit selbst, soweit sie inr Menschengeiste Raum gewissen kann. Ihm steht ein anderer Grundtyp religiösen Fühlens und Denkens gegenüber, nämlich der impersonalisttsche Pantheismus, wie er vor allem im Buddhismus zur Erscheinung kommt. Diese beiden Typen ringen gegenwärtig um die Seele der Menschheit. Wenn die Gefahr droht, daß der zweite Typ, sei es dem Fühlen, sei es dem Denken, zu großen Eindruck macht, und inner-