KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 6 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 454 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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454 nicht in ihrer Form, sie liegt in der Fähigkeit und in dem Trieb zu steter Verjüngung ihres Inhalts. Gott als der Gott des Rechts, das scheint heute mehr denn je dem Spott ausgesetzt zu seinist es in der Tat nicht sinnlos, den brutalen geschichtlichen Notwendigkeiten geistige Maste gegenüberzustellen? Wir können vom religiösen Standpunkt aus gar nicht genug warnen vor der Ansicht, datz nur der Sieger Recht hat. Wir haben Respekt vor dem Sieger, weil wir Respekt haben vor jedem starken, zielbewustten Wollen. Aber ein sittliches Recht gestehen wir dem bloßen Erfolg nicht zu. Cesare Borgia und Richard III. haben gewiß viele Erfolgeunser Urteil von Gut und Böse über sie bleibt davon unberührt. Goethe meint, es sei das Unglück, daß die Geschichte von den Siegern geschrieben werde. Das Urteil nach dem Erfolg ist das gerade Gegenteil von religiösem Urteil, und das Vertrauen bloß bei siegreichem Ausgange ist vielleicht schlimmer als der Zweifel an allem Recht von vornherein: der rechnet gleichweg nur mit den besten Kanonen. Soll das Vertrauen religiös wertvoll sein, so must es stärker sein, als alle möglichen Ereignisse, so stark, daß es auch aus dem Unglück Kraft zieht. „Leih uns in Gnaden starken Sinn und Würde zu tragen, beides, Glück und Unglücksbürde! Auf daß das heilige vergossene Blut uns bleib unwandelbares ewiges Gut." Recht und Erfolg müssen wir aufs schärfste trennen, und das Bewußtsein, "für eine gerechte Sache zu stehen, darf nicht angenagt werden von dem Zweifel, wie und wann sie enden werde. Unser ist die Pflicht, der Entscheid Gottes. Das, meine ich, ist das rechte, religiöse Vertrauen, welches das starke Erlebnis der Religion wecken soll: Der unbedingte Glauben an das Recht, die Pflicht, dafür einzustehen, wie und so weit wir können, unbekümmert um die zeitliche Erscheinungs- und Erfüllungsform. Die Wirklichkeit des Rechts, itnb wenn es hundertmal zurückgeworfen werden sollte. In engem Zusammenhang mit dem Wiedererobern des religiösen Gefühls wurden auch die ihm verbundenen ethischen Kräfte geweckt und gestärkt. Denmt, Ehrfurcht, Stärke, Opserwilligkeit, Gemeinschaftsgefühl. Wir scheuen uns, von Demut und Ehrfurcht viel zu reden, es ist das Allerheiligste in uns; wir leben es ganz nur in seltenen, gesegneten Stundenseien wir Priester in diesem Ällerheiligsten, entzünden wir ein stilles, warmes, ewiges Leuchten und hüten es in Treue. — Opferwilligkeiti Gewiß könnte mancher noch viel mehr leisten, vielleicht gerade die Reichen. Aber das darf nicht vergessen werden, was tatsächlich geleistet worden ist an Gut und Geld. Viel, unendlich viel wurde und wird gegeben und wird gegeben werden müssen an Blut und Leben. Ein großes, furchtbar erschütterndes Sterben geht iiber die Erde, ausgelöschte Hoffnungen, die nun ewig schlafen, hingemähte Söhne und Brüder und Gattenbei vielen der staatliche Zwang, aber auch hier nicht ohne das Bewußtsein der Pflicht und der Größe deffen, was auf dem Spiele stehtbei unendlich vielen aber der Tod für das Ideal des Vaterlandes. Das Opfer ist dem religiösen Geiste entsprungen: nehmen wir es in religiösem Geiste auf als heiliges Vermächtnis, als „unwandelbares, ewiges Gut", „daß durch alles, was wir tun und sind, heimlich, heilig ihre Seele rinnt." Das Gemeinschaftsgefühl: Wohl fängt der Parteihader offen und versteckt da und dort schon wieder recht kräftig an. Wohl wird sich auch in Zukunft nicht alles brüderlich um den Hals fallen, wohl wird es nicht immer so bleiben wie in den ersten Tagen des August, da nur noch der Mensch, der Charakter, Wert hatte, da Raffe und Klasse, Partei und Konfession getragen von dem großen Strom einheitlichen Wollens, geläutert in harter, gemeinsamer Not alle Kräfte nur auf ein Ziel gespannt, des langen Haders vergaßen und sich über alle wirtschaftlichen, religiösen und Begriffsgrenzpfähle hinweg die Bruderhand reichten, — aber es war dies alles doch einmal, es wurde einmal als wirklichste Wirklichkeit erlebt und es liegt an den führenden Männern aller Richtungen, aller Parteien und Konfessionen, ob es das Fundament zu einem neuen schöneren, gefestigteren nationalen Dasein werden soll, oder ob es wie ein Traum zerfließen wird. Mit vielleicht mehr Recht als Schiller den Kiinstlern, möchte man heute diesen Führern zurufen: „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben, bewahret sie", und es treffen die Worte eines Berliner Redners in unser Herz (Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Zwei Reden, S. 26): ..Das Blut unserer Fürstensöhne, das Blut eines edlen Führers der sozialdemokratischen Partei har sie ldie Einheit) festgekittet: Fluch jedem, der an ihr riitteln will". Bei den maßgebenden staatlichen, besonders militärischen Instanzen zeigt sich eine soziale Gesinnung, für die wir eine Analogie wohl nur in den von starkem idealistischem und religiösem Geiste getragenen Freiheitskriegen finden, die uns imtzletzten Sinn religiös, weil gemeinschaftsbildend und -fördernd erscheinen, in denen ein Hauch biblischer und prophetischer Art lebt. — Das beste, was der Krieg der Religion und umgekehrt geben konnte — die Wirkungen sind stets wechselseitig — das ist, man hat es oft betont, aber es kann gar nicht oft genug betont werden: die Anerkennung und Schätzung des