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KC-Blätter · 1915-07-01 · Heft 6 (Juli 1915) · p. Seite 453

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 6 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 453 (sequence 30)
Language
German
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453 der Propheten, als die Assyrer, die Babylonier nach Syrien stießen, um ans Meer zu gelangen, als um Israel und Juda der Kampf zwischen diesen Neichen ausgefochten und die kleinen Reiche aus ihrem ruhigen, nationalgeschlossenem Dasein in den Strudel hineingezogen, aus Grund und Boden gerissen und nach sremden Ländern verpflanzt und deren national ganz bedingter Glaube im Nerv getroffen wurde. Es war die Zeit des Hellenismus, als Alexander des Großen Reich zerfiel, als in den ewigen Kriegen die Seelen mürb und matt und doch voller Erwartung waren, da aus dem Judentum eine neue Religion sich loslöste — es war die Zeit der Renaissance, da wieder die Welt in Gärung versetzt wurde durch Entdeckung, Erfindung, da der geographische, künstlerische, soziale, menschliche Horizont sich weitete und ein neues Lebensgefühl Europa durchdrang, da war in Deutschland die Geburtsstunde des Protestantismus. Religiöse Ergriffenheiten haften nicht an dem oder jenem Mtoment, es sind Ergriffenheiten des ganzen Lebens. Gewiß,' wir haben auch früher religiös erlebt, wir fühlten Andacht und Ergriffenheit im Weben und Klingen und Wachsen der Natur und stille Sicherheit und Vertrauen in den Werken der großen Künstler in dem Gehorsam gegen die strenge Forderung wissenschaftlicher und sittlichreligiöser Pflichten, der großen und der kleinen alltäglichen) und das soll auch noch weiter so bleiben. Aber es war das Empfinden vereinzelt abgeschlossen und für sich. Es lag die Gefahr eines gewissen religiösen Hochmuts darin. Es fehlte ein gesunder, volkstümlicher, alle ergreifender Untergrund. Der Gott des Arbeiters war nicht der des Fabrikanten. Da wühlte der Krieg eine Bewegung auf, ein Chaos von Freude und Bangen, von Hoffnung und Angst schlug alle künstliche Abkapselung und Vornehmtuerei entzwei, riß alle in den Strom eines Empfindens. Ein Schicksal, eine Not. Unser religiöses Leben, das allzuoft und allzusehr, gestehen wir es, so träg und gleichgültig beinahe nur noch vegetierte, das sich allzuoft um Nichtigkeiten stritt, bekam Einheit und Ziel, Zweck und Inhalt. Das wenigstens dürfen wir von dem größten Teil des Volkes behaupten. Es ist kein Zufall, wenn unsere Bibel wieder zu Ehren gekommen ist. Es entspricht der Zeit: das sittliche Pathos und Vertrauen, die soziale Gesinnung und das Gemeinschaftsgefühl, die Ethik des Armen und Volksganzen. „Im jüdischen alten Testament, meint Nietzsche, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schristentum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Ueberbleibseln deffen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselschen Europa, das durchaus gegen Asien „den Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben . . . ." „Der Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf groß und klein." Wir haben für solche Wucht und Tragik heute die rechte Seelenlage, unser Fühlen ist dafür gestimmt. Aber der Zorn, die Glut und Empfindungsgröße der Propheten geht nicht auf ein Wahlloses, Unbestimmtes und Nebelhaftes) bei aller Ursprünglichkeit und Irrationalität des Fühlens — ihr Ziel ist fest und bestimmt herausgemeißelt: Rettung des Volkes) und ihre Mittel sind in ihrer klassischen Klarheit und Einfachheit über die Jahrhunderte hinweg ein ewiger Jungbrunn geblieben. Die Kriegsliteratur gibt davon ein beredtes Zeugnis. Und diefe Mittel sind, wie sie Micha in die kurzen schlagenden Worte znsammengefaßt hat: Recht tun, Liebe üben und ehrfürchtig vor Gott wandeln. So sind wir zu den elementarsten und ewigen Forderungen und Grundlagen der Religion'zurückgekehrt. Zuerst zum Glauben an Gott, den Richter und Lenker. Er lebte in Millionen auf. Je nach Bildungsgrad, Charakter, Temperament anders geformt, in Dichter und Denker, im Soldat, in Eltern, im schlichtesten Arbeiter und nicht zuletzt bis zum Kaiser. Ansprachen, Feldbriefe, Gedichte bezeugen es in Fülle. Wir denken dabei besonders noch an die ergreifenden Berichte Hindenburgs, der, wie alle Großen, sein Werk nicht als sein eigenes empfand, sondern sich nur als Werkzeug Gottes sühlte. Religion ist wieder lebendiges Wasser geworden. Und wie sie heroischere, härtere Züge trägt, wie ihr mehr Stahl und Eisen beigemischt ist, so finden wir auch in Ordnung und Folge, wenn an Stelle weicher Regungen und ästhetischer Sümmungen Gesetze und Pflichten treten, wir halten es geradezu fiir religiöse Pflicht des Staates, mit starker Hand die für die Existenz des Volkes nötigen Maßnahmen zu ergreifen, wie auch die religiösen Organe aller Konfessionen auf Durchführung dieser Maßnahmen dringen; die Religion greift wie immer in lebendigen starken Zeiten in das soziale und wirtschaftliche Leben ein als das Gewiffen der Gesamtheit, und sie sollte es noch viel mehr tun. Nebenbei gesagt, mußte im Judentum den Propheten das oft geschmähte Gesetz folgen. Denn mag man über den Inhalt des Gesetzes streiten, das soll heute auf sich beruhen, der Form nach verlangt eine Religion der Sittlichkeit, Gesetze, Pflichten. Stimmung wendet sich an den einzelnen, Pflichten an alle. Beide können nichtssagend maschinenmäßig werden, die Gewähr steten Lebens liegt

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