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KC-Blätter · 1915-07-01 · Heft 6 (Juli 1915) · p. Seite 452

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 6 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 452 (sequence 29)
Language
German
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452 vertreten zu sehen, wie auch der Heidelberger Theologe Troeltsch im Januarheft der Neuen Rundschau dringend vor Imperialismus im Sinne reiner Machtgier warnt und Deutschland darauf verweist, seine sittlichen und wirtschaftlichen Kräfte zu vertiefen, statt endlos zu verbreitern, eine starke immer schöpferische Nation zu werden, und nicht Gelüste nach einem Imperium, für das die Zeiten für immer wohl vorbei sind, zu tragen. Das erfordere nicht nur die politische Klugheit — denn was anders werfen wir den Engländern vor, als eben ihre unersättliche Machtgier — es erfordere es auch die christliche Ethik. Ich sage, wir freuen uns, das zu hören, denn es ist nicht blos germanisch und christlich, es ist auch jüdisch. Unter die Rechts- und Sittlichkeitssrage wurde von den Propheten der Staat immer gestellt. Solange er keine sogenannte machiavellistische Politik treibt, und wo er mehr ist als ein Polizei- und Nachtwächterstaat, wo er ein Gefast sittlicher Inhalte, wo er Kulturstaat ist, da ist seine Verteidigung volle religiöse Pflicht. Hören wir, was ein jüdischer Soldat an seine Verwandten schrieb (Deißmann, Deutsche Reden in schwerer Zeit, Nr. 9, S. 31): „Meine Lieben! Wenn dieses hier meine letzten Zeilen sein sollten,, so lebt wohl, so fürchtet Gott und haltet seine Thora! Meine Kinder empfehle ich dem Allmächtigen, er möge sie zu unseren Großen in Israel heranziehen. Ich will Rache nehmen für die vielen Morde und Martern, die an Juden von unseren Feinden begangen wurden. Es haben sich bei uns 18 Juden freiwillig ins Heer einstellen lassen; dabei will ich auch nicht Zurückbleiben und unsere jüdische Pflicht erfüllen! Verflucht sei, wer in dieser Zeit nicht seinen letzten Tropfen Blut fürs Vaterland hergibt. Und sollte es dann sein, daß wir nicht mehr lebend zurückkommen, so finden wir doch ein ewiges Leben bei dem, der über unser Wohl und Wehe beschließt. Wir nehmen Abschied mit Tränen, aber mit Liebe ziehen wir für unsere Frauen und Kinder, um unsere Pflicht zu tun; wie könnte ich auch nachher noch aufrecht unter meinen Mitmenschen herumlaufen oder vor Gott beten, wenn ich zurückstehen wollte? Ich habe mich mit mir und meinen Angehörigen beraten und auf die Stimme meiner Mutter, die auch unserem lieben Emil das gleiche geraten hat, bin ich gegangen. Wenn ich aber lebend meine Lieben Wiedersehen darf, so komme ich ohne Sünden, ohne Makel zurück. Ich habe die fünf Bücher Moses durchgegangen, ich habe Abraham Mosche und Jehoschua, ich habe Debora, die Richter und die Makkabäer zwei Nächte lang rezitiert und kam auf den Schluß, daß wir unter allen Umständen zuerst unser Vaterland, dann unsere Familie, dann unseren Glauben schützen müssen." So haben die Propheten die Auseinandersetzungen der Assyrer, Babyloner, Perser, Aegpter betrachtet. Nicht Macht und Wirtschaft, sondern Recht und Gerechtigkeit warfen sie in die Schale des Völkergerichts. Auch für den Antagonismus der Friedensidee und des Universalismus mit der Macht wird sich die Andeutung eines Ausgleiches finden lassen. Das Friedensideal ist — bei der Propheten wenigstens —, so fest der Glaube an die endgültige Verwirklichung besteht, nie unbedingt; stets wird es abhängig gemacht von der Erfüllung des Rechts auf Erden. Und den Universalismus werden wir heute doch als den Frieden der in Eigenkulturen sich sondernden und in Kulturarbeit wetteifernden Völkern verstehen. Die Menschlichkeit, die durch die Tat anerkannte Einheit Gottes wird zur Menschheit führen nicht unter Auslöschung der Volksindividualitäten, sondern unter Schonung und Pflege der fruchtbaren Eigenheit. Der Krieg legt der Religion die schwersten Fragen über ihr Sein und Recht vor; er hat ihr aber auch eine Fülle von Kraft neu geschenkt. Nicht als ob alles, wie es hie und da behauptet wird, vor dem Kriege schlecht und klein gewesen wäre; als ob jetzt alles schön und groß sei. Wir wollen uns doppelt hüten vor solcher Behauptung, nachdem ein Kriegsjahr vorüber und der Alltag in so viele Seelen wieder eingekehrt ist. Jndesien, das mag für alles folgende gelten: es ist einmal Feiertag in den Herzen von Millionen gewesen, ein Ungeheueres haben sie erlebt und hat sie mitgerissen, und ein Schein wird noch lange über unsere Zeit in den Besten und Edelsten Nachleuchten. Nicht bloß große Männer, auch große Zeiten sind der höchste Schatz für ein Volk, zu dem es zu Zeiten des Druckes und der Ermattung seineZuflucht nimmt. Und es ist uns not und gut, uns an die ersten Tage des Augusts vorigen Jahres zu erinnern. Welch religiöse Fülle, welch religiöser Gehalt. Nicht offenbart in lautem Geschrei, offenbart in der Begeisterung, in dem Pflichtbewußtsein, in dem Vertrauen, in der heiligen Auffaffung des Krieges, in den natürlichen Strömen zu den Kriegsgottesdiensten, offenbart in dem stillen Beglücktsein, einem Volke von solcher Kraft sich eingegliedert zu wissen. Wenn anfangs noch ein Zittern vor dem Ungeheuern, vor dem Gräßlichen auf uns lag, es schwand vor der ganzen einmütigen Haltung des Volkes. Wir haben erfahren, daß nicht eine unserer Seelenkräfte, Verstand, Wille, Gemüt es ist, die Religion erzeugt, daß der Umsturz des ganzen Lebens sie gebiert. Eine ruhig rückwärts in die Geschichte schauende > Betrachtung bestätigt dies; es ist die klassische Zeit

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