KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 6 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 451 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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451 furchtbarer Spannung entladen. Das ist indessen nicht Sache der Erkenntnis, es ist Geschichtsmetaphysik, ist Glauben. Und tatsächlich, nicht der Verstand, der Wille, der ganze Mensch und der ganze Charakter gibt oder ist schon die Lösung: wenn wir dem Wissen alle Grenzen ziehen, alle Tatsachen, die in solchen Zeitläufen gegen die Religion angeführt werden können, ruhig zugeben, so bleibt hier wie überall die letzte Entscheidung, die Deutung und Wertung der Tatsachen, unser eigenstes Werk. Es ist freilich Glaube, aber ein Glaube, der seinerseits ebenso mit Tatsachen belegt werden kann, wie sein Gegenteil, und gerade Zeiten der Not bieten Beispiele genug,' daß ein Ewiges auch in den zeitlichen Geschehnissen walte, daß hinter dem Horizont unseres Erkennens dem, was unserer Wissenschaft als Weltgeschichte — übrigens ein religiöser Begriff — erforscht, ein anderes gegenübersteht, unerkennbar und unersorschbar: Weltgericht. Nur selten, nur an der Wende der Zeiten bricht es durch die Wolken und entzündet dem Religiösen ein reinigendes Feuer; und er ahnt das Maß über den Völkern. Indessen, abgesehen von solchen unserem Wissen ewig verschlossenen Fragen, erheben sich doch auch religiöse Bedenken ethischer Art, die dem Gebiet des reinen Glaubens entzogen, im hellen Lichte sittlichen Urteils verhandelt und mit einem klaren Ja oder Nein beantwortet sein »vollen.. Vor allem tritt die Moralität, die Universalität und das Friedensideal in schärfftem Gegensatz zum Tun und Denken des Staates. Man soll die doch wirklich bestehende Kluft nicht verkleinern und nicht gewaltsam überbrücken,' hat doch die Denkarbeit der Besten sich je und je um eine Lösung bemühtes sind hier ewige Kräfte im Geschehen, die nur langsam sich nähern. Wir müssen uns bescheiden: die letzten Moüve und treibenden Faktoren der Geschichte werden stets ein Unerkennbares, Irrationales bleiben. Geschichte ist keine mathematische Aufgabe, in der alle Unbekannten sich schließlich mein and ersüg en; Freiheit und Notwendigkeit, Staat und Menschheit, Individuum und Gesamtheit, Macht und Sittlichkeit — lebendige Kräfte und Gegenkräfte, in deren: Auf und Ab der Lebensrythmus der Völker besteht. „Eine genugtuende Antwort dieser Frage fd. h. der Verbindung von Moral mit der Politik) geht über meinen Horizont. Je mefjicl ich mich mit derselben^ beschäftige, desto mehr'Schwierigkeiten sehe ich von allen Seiten. Ans der einen ist es Pflicht des Philosophen der Gerechtigkeit und der strengen Tugend, wenigstens irr der Theorie nichts zu vergeben, da die Leidenschaften der Menschen sich ohne das>so leicht erlauben, in der Ausübung Ausnahmen davon zu machen. Auf der andern ist es Vorschrift seiner Vernunft, nichts Unmögliches zu fordern, weil sonst auch seine der Anwendung fähigsten Lehren von den Personen, welche den Geschäften vorstehen, verachtet werden." (Heinrich Scholz „Politik und Moral", Perthes Schriften zum Weltkrieg Je schärfer und entschiedener der Charakter und je energischer das Denken, um so entschiedener der Zwiespalt. Hat der Staat nun nicht einmal andere ethische Gesetze als die Religion und muß er sie nicht haben, wenn er lebensfähig bleiben will? Ist ihm nicht Macht um jeden Preis geradezu Gebot, ist ihm nicht Pflicht, was wir beim einzelnen verurteilen, den Gegner gerade dann, wenn er schwach ist, anzugreifen? Denken wir an Rußland, Japan, Deutschland. Wäre es nicht besser gewesen, Rußland in den Rücken zn fallen, als es von Japan geschwächt war? Es kann hier nicht der Ort sein, alle Momente für und wider aufzuräumen. Ob es möglich ist — natürlich immer rein theoretisch gedacht — denn wie die Welt nun einmal ist, muß der Staatsmann so handeln, daß der Staat existiert und das ist sein oberstes Gebot — ob es möglich ist, eine andere Sittlichkeit siir den einzelnen anzunehmen, eine andere für den Staat als eine qualitativ und quanütativ anders geartete Erscheinung, wie es Scholz in der erwähnten Schrift will, bleibe dahingestelltdie Bedenken dagegen sind nicht gering. Keinesfalls aber darf übersehen werden, daß uns der Staat heute etwas anderes ist als ein von zufälligen Grenzen umzogenes Land, daß er uns eine sittliche Kraft höchster Potenz bedeutet und daß daher seine Erhaltung nicht geschieht, um eine willkürliche Form oder Machtgruppierung zu konservieren, daß mit ihm, wenigstens unter den Kulturstaaten, stets auch eine Idee, Geist und Sittlichkeit, verteidigt wird. Wie die Dinge nun einmal liegen, wird er für eine unvermeidlich gewordene Auseinandersetzung die günstigsten Bedingungen suchen müssen, wobei freilich die Frage, wann eine Auseinandersetzung unvermeidlich geworden ist, immer sehr schwer bleiben wird. Aber wo er das Leben von Millionen aufs Spiel fetzt, um einen Machtkitzel zu befriedigen, wo ihn nur Expansionslust ohne äußerste Notwendigkeit treibt, da wird eine wahrhafte Religion nicht mehr mit können. Macht an sich ist nicht böse, wie man gemeint hat. Es kommt auf den Gebrauch an. In einer konservativen Zeitung ist Maximilian Harden zurückgewiesen worden, weil er der krassen brutalen Macht ohne jede Frage nach Recht und Sittlichkeit das Wort rede. Es sei germanische Art, Recht vor Macht zu stellen: untersuchen wir nicht, ob nicht gerade von konservativer Seite früher oft sehr ähnliche Töne wie die Hardens geblasen wurden. Es freut uns jedenfalls, den Rechtsgedanken hier so energisch