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KC-Blätter · 1915-07-01 · Heft 6 (Juli 1915) · p. Seite 450

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 6 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 450 (sequence 27)
Language
German
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450 aus der Gedenkrede, die unser Kbr. Rabbiner vr. Arnold Lazarus-Frankfurt a. M. bei der Bestattungsfeier gehalten hat. Der Theologe, so ungefähr führte der Redner aus, sucht nicht das Recht und hat nicht die Pflicht, die Arbeitsleistung des großen Mediziners zu skizzieren. Hinter dieser Leistung, unlöslich mit ihr verknüpft, steht das Persönliche, steht der Mensch, steht das Genie. Welche wunderbare Vereinigung geistiger Kräfte ist in ihm! Der Meister erfaßt die Idee mit der Macht der Intuition. Er formt sie mit dem unerbittlichen Zwang der Logik. Er füllt die festen Umrisse mit dem überguellenden Reichtum seiner scharfen Beobachtungen. Er rastet nicht, bis die Wahrheit plastisch gestaltet dem Beschauer sich darstellt, bis sie die Handhabe bietet, daß sie in der Wirklichkeit des Lebens den Menschen zum Segen gewandelt werde. Ein Grundgedanke, der ihm einst als jungen Menschen erfaßt, begleitet den Forscher bis auf die Höhen seines Wirkens. Im Festhalten an dieser Lebensidee, wie in der hingebungsvollen Ausdauer seiner Arbeit tritt hell der sittliche Grundzug seines Wesens zutage: die Treue. Dieser Adel seines Charakters offenbart sich in allen Beziehungen des Lebens. Das deutsche Vaterland sieht voll Stolz auf diesen Mann, der den Ruhm des deutschen Namens draußen in der Welt verbreitet hat. Aber über der Leistung und dem Erfolg des Mannes steht die deutscheste Kraft in ihm: die Treue. In ihr vor allem begegnet sich der Deutsche mit dem Juden. 'Paul Ehrlich war treu, weil er ein Deutscher war. Paul Ehrlich war treu, weil er ein Jude war und blieb. Darum verehren die deutschen Juden ihn als einen, der ihnen vieltausendjährige Judentreue durch- Wirkung und Wesen, durch Leistung und Leben fest im Deutschtum verankern half. Alle, die zu seinen Freunden sich rechnen durften, künden das gleiche Ruhmeslied von seiner Treue. Wer ihm durch Bande der Verwandtschaft nahestand, erfuhr die väterliche Treue seines Waltens. „Ein Mann der Treue, reich an Segen!" rühmt die Schrift. So hat Paul Ehrlich gelebt. Nein, so lebt er in unserer Erinnerung. So wird er fortleben im Gedächtnis der Zeiten und Völker! -p * * Krieg und Religion. Von Rabbiner Dr. Löb-Karlsruhe. Unter den Werten, welchen der Krieg tiefste Erschütterung und höchste Kraft geschenkt hat, steht mit an erster Stelle die Religion. Sie ist in unzähligen Seelen lebendig geworden, sie hat aber auch gerade den ernstesten Gläubigen Zweifel über Zweifel gebracht. Wenn schon die Wiffenschaft und Kunst in plötzlicher Einengung und Eindämmung ratlos hin- und herfluteten, um nur ganz langsam wieder ins Gleichgewicht zu kommen, so mußte die Erregung um so stärker bei der Religion sein, die als Grundlage Recht und Liebe und als Ziel die Einheit der Menschen verkündet und verlangt. So ist denn auch, eine schier unübersehbare Fülle von Schriften über das Thema Krieg und Religion aus dem Boden gewachsenwie es natürlich ist, kehren die wesentlichen Gedanken immer wieder. Merkwürdigerweise ist, soweit ich sehen kann, von jüdischer Seite die Frage nicht oder nicht mit der ihr zukommenden Energie verarbeitet worden.*) Welches auch die Ursachen sein mögen — äußere oder innere —, gerade das Judentum hätte Grund, der Litteratur und den Erörterungen nachzugehen. Erfährt doch die Bibel eine Wiedergeburt, und mit neuen gegenwärtigen Augen und mit gestählter, heroisch gehobener Seele liest man uralte Prophetenworte. Es kann nicht die Absicht sein, in dem zur Verfügung stehenden Raum die Fülle der Probleme und Tatsachen zu umschreibennur einige Linien können gezogen werden. Der Krieg hat die Religion aus der Sicherheit und Selbstverständlichkeit herausgeriffen und sie wieder in die Zweifel der Psalmen und des Buches Hiob gestürmt. Ihre Fundamente Gerechtigkeit Und Hiebe scheinen zu wanken. „Wie konnte Gott einen solchen Krieg zulaffen? Wie darf man sich dabei auf ihn berufen? Und wenn er schon sein mußte, warum trifft er nicht seine Urheber? Warum müssen gerade die Besten und Tapfersten fallen, wenn andere noch nicht einmal fähig sind, die Opfer in der ganzen Größe zu würdigen und darnach ihr Tun einzurichten?" Diese und ähnliche Fragen werden heute tausendfach in Hütten und Palästen, klarer oder unbewußter, sich regen und zu schweren Anklagen gegen die Religion sich verdichten, wo sie nicht am Ende zu völliger Gleichgilltigkeit führen. Welche Antwort können wir geben? Sollen wir vom Strafgericht Gottes sprechen? Ich denke, wir vermeiden das, gerade vom religiösen Standpunkt auses widerstrebt dem wahrhaft Frommen, so genau den Weltenplan zu kennen. Man könnte vielleicht dies sagen, daß die in Politik und Diplomatie als Aschenbrödel behandelten Wahrheit und Sittlichkeit aus die Dauer sich nicht unterdrücken laffen und daß sie sich von Zeit zu Zeit mit immanenter ethischer Logik in *) Soeben ist eine tiefgehende Untersuchung von Hermann Cohen „Deutschtum und Judentum" bei Alfred Töpelmann in Gießen ^schienen. Sie konnte in dem vorliegendem Aufsatz leider nicht mehr genügend berücksichtigt werden.

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