KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 6 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 449 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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449 ihre Folgewirkungen sind sicherlich von tiefer gehendem Einfluß gewesen. Trotz allem aber kannte die römische Kaiserzeit keine Judenfeindschaft. Regierung und Bevolkerung waren von weitherziger Toleranz, und wenn das Christentum des dritten Jahrhunderts über Bedrückung zu klagen hatte, so war es weniger die religiöse Seite, als die in sozialer und in politischer Beziehung feindselige Haltung gegenüber dem Bestehenden, die den Druck veranlaßte. Als aber das Christentum zur Herrschaft gelangte, wurde der Druck gegen die Nichtchristen ausgeübt, die heidnische Bevölkerung in ihrer religiösen Freiheit, die Juden in ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung beeinträchtigt. Die alten Ausnahmebestimmungen gegen die Juden wurden aufrechterhalten, neue tarnen hinzu, die Stellung der Juden wurde herabgedrückt, gleichzeitig der religiöse Fanatismus angesacht. Ohnehin hatte in der absoluten Monarchie das Volk keinen Raum für politische Betätigung; so wurde es geradezu zur Betätigung religiöser Unduldsamkeit erzogen. Die fortschreitende Entrechtung der Juden in der ausgehenden Kaiserzeit und im Mittelalter, die fast ausnahmslos religiös begründet wurde, drängte allmählich die Juden von ganzen Berufszweigen ab und gab ihnen eine minderwertige Sonderstellung im Staate. Es wäre geradezu ein Wunder — selbst bei höherer Stufe der Volksbildung, als das christliche Mittelalter aufwies —, wenn im Laufe der Jahrhunderte nicht eine Abneigung gegen die Juden eingewurzelt wäre, die durch die erzwungene und später selbstgewählte Abschließung der Juden von der Kultur der Zeit, durch mancherlei darin begründete Eigenart noch vertieft wurde. Der „Antisemitismus" des Mittelalters und der neueren Zeit erfordert aber eine eigene Untersuchung. Der moderne Antisemitismus ist nicht so alt, wie er von manchen ausgegeben wird, aber er kann nicht losgelöst von der gesamten politischen geistigen und sozialen Entwickln»»« Europas betrachtet werden. In dieser Entwicklung bedeutet der Weltkrieg einen Wendepunkt. Daß er mit einem Schlage alle Unkultur bannen wird, ist Utopie, daß der Antisemitismus plötzlich verschwinden wird, würde eine gefährliche Täuschung sein. Wir werden auch weiterhin zu kämpfen haben, und zwar nicht allein mit den Waffen der Wissenschaft. Aber wir dürfen hoffen, daß der Krieg durch die Läuterung der Volksseele den Boden für höhere kulturelle Entwicklung bereiten wird. Wenn wir wie jede Verhetzung der Volkskreise auch den Antisemitismus bekämpfen, dienen wir nicht nur der Sache des Judentums, sondern ebenso sehr der Förderung vaterländischer Kultur. Paul Ehrlich zum Gedächtnis! 14. März 1854 bis 20. August 1914. Auch »vir K. C.er »vollen dieses deutschen Akadenlikers jüdischen Glaubens gedenken. Ohne Uebertreibung ist er der berühmteste dieses Zeichens, de»» es je bisher gegeben. Sein äußerer Lebensgang! Schlesie»» nannte er seine Heimat. Unser — der K. C.er — liebes Breslau hat ihn als Gymnasiasten und Studenten gesehen. Auch die Straßburger Kaiser-Wilhelms- Universitüt ist ihm alma mater gewesen. Nach den» Staatsexamen »vurde er in Berlin Assistent bei Frerichs, der die Begabung seines Schülers früh erkannt hat. Dessen Tod bringt eine Stockung in Ehrlichs äußeres Fortschreiten. Keine deutsche Universität hat sich ihn, der schon bedeutendste wissenschaftliche Leistungen vollbracht hatte, ge- »vonnen. Aus eigenen Mitteln hat er ein Privatlaboratorium unterhalten »nüssen, das »nan die „Geburtsstätte der modernen Jmmunitätsforschung" genannt hat. Robert Koch endlich hat dem Juden Ehrlich eine Stätte der Arbeit in seinem Institut für Infektionskrankheiten geschaffen. Und Althoff, der bekannte Mmisterialdirettor, war weitblickend und weitherzig genug, die Größe Ehrlichs zu würdigen und ihm den rechten Weg zur dauernden Forschertätigkeit zu ebnen. Er hat dem Gelehrten das Institut für Serumprüfung und Serum forschung in Steglitz erstehen lassen und schließlich die Üebersührung desselben nach Frankfurt a. M. bervirkt, »vo es als Königliches Institut für experimentelle Therapie in der nach dem Namen seines großen Leiters benannten Paul Ehrlich-Straße noch sortbesteht. Die preußische Regierung hat ihn seitde»n in jeder Richtung gefördert und ihm auch die höchsten Ehren wissenschaftlicher Anerkennung nicht vorenthalten. Als der deutlichste Ausdruck seines Wellruhms »vurde ihm der Nobelpreis zuerkannt. Nun sein Lebenswerk! In dem Rah»nen dieser Blätter kann es gewiß nicht geschildert werden. Hat sich doch einmal zu dem Zweck eine ganze große Zahl der Mitarbeiter und Schüler Ehrlichs vereinigen müssen. Zum 60. Geburtstag des Meisters ist das geschehen. Ein gar stattlicher Band liegt seitdem vor. Nur ein paar allgemein bekannte, gänzlich laienhafte Schlagrvorte zur Auffrischung des Gedächtnisses seien hierher gesetzt. Ehrlichs Färbungstheorien und -Methoden, die grundlegend für die Untersuchung des Blutes und der Tuberkelbazillen ge»vorden sir»d! Sein rvesentlicher Anteil an der Darstellung und prakttschen Verlvendbarkeit der Heilsera! Das Salvarsan! ZurWürdigung des Menschen und des deutschen Juden Paul Ehrlich bringen »vir einen Auszug