KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 6 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 447 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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447 ärgsten Ketzerrichterich verweise nur auf den Prozeß des Sokrates. Das war Gottlosigkeit. Die Juden hatten nicht nur ihre eigenen religiösen Anschauungen, sondern sie leugneten die Existenz der Staatsgötter und hatten selbst keinen Gottdenn für die absolut bildlose Verehrung Gottes, der nicht einmal mit dem Himmel oder irgendeinem Gestirn identisch ist, fehlte jedes Verständnis. Das mußte in den fest in griechischer Kultur Wurzelnden eine Abneigung gegen das Judentum Hervorrufen. Dazu kam die Absonderung von gemeinschaftlicher Tafel infolge der jüdischen Speisegesetze, der engere Zusammenschluß der Juden untereinander aus dem gleichen Grunde und, so geringfügig das Moment scheinen mag, der Abscheu der Juden gegen das Schwein, das bei Griechen und Römern gerade bei besonders feierlichen Gelegenheiten das Opfertier war. Politisch war es ja eine eigenartige Stellung, daß die Juden der ganzen Welt die Tempelsteuer an das Heiligtum in Jerusalem zahlten, wie der Peterspfennig heute und besonders »vährend des Bestandes des Kirchenstaates das Zeichen einer politischen Einheit aller Katholiken war oder doch leicht als solches gedeutet werden konnte. Gewann das Judentum in allen Kreisen der griechisch-römischen Bevölkerung zahlreiche Proselyten, so ist es wiederum verständlich, daß die Gegnerschaft sich regte. Aber durchaus kennzeichnend ist, daß die Gegnerschaft nicht im Volke, sondern lediglich in literarischen Kreisen zu finden ist. Der erste, der eine Schrift gegen die Juden geschrieben hat, ist der rhodische Rhetor Apollonias Molo, der Lehrer Ciceros und Cäsars. Reben richtigen Darstellungen sinden sich die Borwürfe der Gottlosigkeit, der Menschenfeindschaft usw., die von jetzt ab immer wiederkehren. Auf Cäsar hat Appolonius Abneigung gegen die Juden nicht eingewirkt, der erste Monarch Roms hat vielmehr die Juden offenkundig begünstigt. Ob Ciceros antijüdische Aeußerungen auf Appolonius Einfluß zurückzusühren sind, ist mehr als zweifelhaft; aus seinen feindseligen Aeußerungen in einer Prozeßrede ist auf seine Gesinnung kein Schluß zu ziehen. Ganz ähnlich sind die Ausführungen seines etwa gleichzeitigen Landsmanns Poseidonios, der über den Auszug aus Aegypten Aehnliches berichtet wie Manetho, aber eine interessante Notiz hinzufügt, deren spätere Weiterentwicklung ebenfalls kennzeichnend lst. Im Tempel zu Jerusalem habe Antiochos Epiphanes die steinerne Statue Moses, auf einem Esel reitend und ein Buch in der Hand haltend, gefunden. Die Wirkung dieser und ähnlicher literarischen Gegnerschaft gegen das Judentum dürfen wir nicht überschätzen. Sie bekam erst Bedeutung, als der Alexandriner Apion, diese „Allerweltsschelle" sie ins Volk warf. Apion war ein belesener, aber kein gelehrter Mann, ein wissenschaftlicher Charlatane, der die Maffe auch der Gebildeten zu blenden wußte. Was ihn züm ingrimmigen Feind der Juden gemacht hat, wissen wir nicht. In Alexandria, das damals ein buntes Völkergemisch beherbergte wie heute etwa Odessa, und nächst Rom die größte Stadt der Welt war, wo ganz naturgemäß bei dem lebhaften Handelsverkehr zu Wasser und zu Lande auch der Auswurf aus aller Welt sich sammelte, haben verschiedene Momente eine Spannung zwischen der sehr zahlreichen jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung hervorgerufen. Die Frage des vollen Bürgerrechts der Juden war akut geworden. Die Juden beriefen sich auf alte Privilegien der Ptolemäer, während von griechischer Seite ihnen, die ja nicht die Staatsgötter anerkannten, der Anspruch bestritten wurde. Unter den Gegnern steht in Wort und Schrift Apion voran. Seine ägyptische Geschichte bringt die alten Fabeln über die Juden, erweitert sie aber. Hatte Poseidonios. von einer Mosesstatue im Tempel gesprochen, die den Gesetzgeber auf dem Esel reitend darstellt, so grub Apion eine Fabel aus, die Mnaseas berichtet hatte, oder deutete diese für ihn wie für Poseidonios gemeinsame Quelle gehässig um und wußte zu erzählen, daß im Tempel zu Jerusalem ein Eselskopf verehrt wurde. Das zweite neue Moment ist bei Apion die Fabel von dem jüdischen Ritualmord. Antiochos Ephiphanes habe im Tempel zu Jerusalem einen Griechen gefunden, der gemästet wurde, um dann geopfert zu werden. Bekannt ist, daß die Ritualmordfabel auch gegen das junge Christentum verwendet wurde. Bei den Mysterienkulten kamen grauenhafte Dinge genug vor, daß das Volk solchen Anschuldigungen Glauben schenkte, ist nicht verwunderlich. Kamen nun noch wie in Alexandria wirtschaftliche Gründe, wie z.B. die Monopolisierung einiger Handelszweige in jüdischen Händen, hinzu, so mußten Apions Fabeln ihre aufreizende Wirkung üben. Zu allem Unglück kam gerade damals der jüdische König Agrippa auf der Reise von Rom nach Jerusalem durch Alexandria. Nach einem Menschenalter römischer Prokuratorenwirtschaft hatten die Juden wieder Selbständigkeit und einen eigenen Fürsten, dessen Persönlichkeit bisher nur als Wüstling und Schuldenmacher bekannt war. Der Besuch gab Anlaß zu einer wüsten Agitation. Der Pöbel wurde aufgewiegelt, ingrimmige Verhöhnung Agrippas und eine regelrechte Judenverfolgung war das Resultat. Der römische Statthalter versagte den Juden seinen Schutz und sprach ihnen das Bürgerrecht ab, die Gesandtschaft an