KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 6 (Juli 1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 445 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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445 Kolonisten waren die städtegründenden Ansiedler, das Herrenvolk, das die Kultur in kulturlose Gegenden trug und sich von den eingeborenen Barbaren fern hielt, wie später die Balten von der lettischen usw. Urbevölkerung. Ganz anders die Juden, die ein Volkssplitter in einem Lande mit hochentwickelter Kultur waren, diese Kultur und ihre Sitten annahmen, aber den Zusammenbang mit der wiedergewonnenen Heimat und die religiös bedingten Sitten und Bräuche festhielten. Es beginnt eben mit der Rückkehr aus dem Exil jene grundlegende Veränderung in der Struktur des Judentums, das, wie Julius Gurtmann in einer vorzüglichen Abhandlung in diesen Blättern jJahrg. 4, S. 69 ff.) gezeigt hat, nicht auf die einfache Formel: Nation oder Religion gebracht werden kann. Diese eigenartige Stellung, die Konsolidierung des Monotheismus, der den Juden nicht einmal die Verehrung der Reichsgottheit gestattete — ein für das ganze Altertum geradezu unfaßbares Verhalten — hätte den Boden bereiten können für einen Widerwillen der anderen gegen den kleinen Volkssplitter. Trotzdem weiß die Geschichte nichts Derartiges zu berichtendenn die Formulierung der Anklage Hamans, ein Volk, verstreut, das nach eigenen Gesetzen lebt und die Staatsgesetze nicht beachtet, gehört spätererZeit an. Mit dem Alexanderzug beginnt die Zersetzung der Antike, eine neue Welt entsteht. Wohl ist, um ein Wort Mommsens zu gebrauchen, viel Verwesung in dieser Verjüngung, aber es ist eine Verwesung, der frische, zum Teil noch heute grünende Saaten entkeimten. Die Staatenbilduug des Altertums kennt nicht das, was wir heute den nationalen Staat nennen, sie bleibt entweder weit dahinter zurück, oder sie greift weit darüber hinaus und wird zum Weltreich. Die alten Weltreiche waren auf die Herrschaft eines Erobereroolkes gegründet, das Alexanderreich brachte die Verschmelzung der Völker und Kulturen, schuf eine Weltkultur und ein Weltbürgertum, bis dann die unter der Oberfläche fortdauernden nationalen und national-religiösen Strömungen an den Rändern dieses Kulturgebietes zu nationalen Reaktionen führten. Ueberraschend schnell war dieser Verschmelzungsprozeß zu hellenistischer Wellkultur in der Bildergeschichte Aegyptens vor sich gegangen und hatte dort auch die Juden erfaßt, freilich ohne sie im innersten Kern ihres Wesens, in ihrer Religion zu berühren. Hier tritt zuerst literarische Gegnerschaft gegen Juden und Judentum in die Erscheinung, aber es ist durchaus charakteristisch, von welcher Stelle und in welcher Art diese Gegnerschaft sich zuerst äußert. Der ägyptische Priester M anetho schreibt eine Geschichte seines Volkes für die hellenistische Welt. Er selbst ist bodenständiger Aegypter, dabei durchaus hellenisiert. Daß er die Geschichte seines Volkes im hellsten Licht sieht und darstellt, ist nur zu natürlich. Der Auszug der Israeliten aus Aegypten, der griechischen Welt schon durch Hekataios von Abdera bekannt, konnte und durfte nicht fehlen. Geschichtliche Vorgänge der Vergangenheit Aegyptens, besonders die Geschichte des Ketzerkönigs Amenophis IV., und sagenhafte Ueberlieferungen vereinigten sich zu einem Zerrbild der Entstehung Israels. Auf den Rat eines weisen Priesters läßt der König alle 80000 Aussätzigen und Unreinen in die Steinbrüche östlich des Nils zusammentreiben. Nach langen Jahren schwerer Fronarbeit weist der König ihnen auf ihre Bitte die Stadt Anaris an. Sie wählen den Priester Osarsiph aus Heliopolis zu ihrem Oberhaupt. Er verordnet, daß sie die Götter nicht verehren, die heiligen Tiere der Aegypter nicht schonen, nur mit denen verkehren, die nach gleichem Gesetz leben. Dann ruft er aus Jerusalem die Hirtenvölker zu Hilfe. Der König zieht den Aufrührern mit großem Heere entgegen, wagt aber keinen Kampf, sondern wandert mit dem größten Teile seines Volkes zu den befreundeten Aethiopiern aus. Nach dreizehn Jahren, während deren die Empörer furchtbar im Lande Hausen, besiegt der König sie vollständig und treibt sie zum Lande hinaus. Ihr Gesetzgeber bleibt an der Spitze und leitet unter dem Namen Moqses fortan das Volk. Es ist ein unglaubliches Märchen, das Manetho oder seine Quellen aus ägyptischen Fabeln und Ueberlieferungen und jüdischer Tradition zusammengebraut hat. Es ist aber verständlich, daß die ägyptischen Priester das Bild einer Zeit, das nach jüdischer Ueberlieferung für die Aegypter wenig schmeichelhaft sein mußte, so zu gestalten suchten, daß alles Häßliche und Schimpfliche auf die Juden fiel. Was nationale Gefchichtsklitterung in dieser Beziehung zu leisten vermag, erleben wir trotz aller Fortschritte der Geschichtswifsenschaft noch heute. Und das Altertum kennt Geschichtsschreibung ohne Tendenz überhaupt kaum. Interessant ist, wie im Laufe eines Menschenalters die ägyptische Priesterüberlieferung gehässigere Färbung angenommen hat. Denn Hekataios wußte nur zu erzählen, daß eine Pest die Aegypter veranlaßt habe, zur Versöhnung der beleidigten Götter alle Fremden zu vertreiben. Ein Teil von ihnen wandte sich nach Griechenland, ein anderer Teil unter Moses nach Jerusalem. Diesem Volke gab. Moses Gesetze. Er verwarf die Götterbilder und die Götter, und erkannte nur den Himmel als alleinige Gottheit an. Die Gesetze wichen von denen aller anderen Völker ab, die ganze Lebensweise wurde eine den Menschen abgewandte, fremdenseindliche. Im übrigen wird Hekataios der israelitischen Gesetzgebung nach Kräften gerecht und erkennt ihre