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KC-Blätter · 1915-07-01 · Heft 6 (Juli 1915) · p. Seite 444

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 6 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 444 (sequence 21)
Language
German
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444 sich lohnt, den Ursprüngen geschichtlich nachzugehen und zu fragen, ob es wirklich wahr ist, daß der Antisemitismus so alt ist wie das Judentum. Bei Besatzung dieser Frage würde der Schluß zwar keineswegs zwingend, aber durchaus zulässig sein, daß der Antisemitismus nicht eher aufhören wird, als das Judentum selbst. Zum Beweise dieser Behauptung weist man auf antisemitische Literatur und antisemitische Bolksströmungen hin, nennt die Schriftsteller Manetho, Apollonius Molon, Poseidonios, Apion, Tacitus, Juvenal u. a., eine Liste, die mit Leichtigkeit ergänzt werden könnte. Ja, man könnte noch weiter zurückgreifen und tut es gelegentlich auch. Aber wie grundverschieden von dem, was wir Antisemitismus nennen, ist im Altertum jenes Gefühl der Feindseligkeit. Wer nur die Symptome ins Auge faßt, der sieht freilich leicht Gleiches. Da- Altertum hat für seine Feindseligkeit und feinen Haß nicht den Rasieninstinkt und dessen überwindliche Abneigung gegen die Angehörigen anderer Raffe als Borwand gebraucht. Urwüchsiger und weniger unehrlich als die modernen Apostel des Menschenhasses hat es den ganz neuerdings wieder zu Ehren gekommenen „heiligen Egoismus" mit fast italienischer Offenheit als die Triebfeder des Haffes offen bekannt. Nirgend konnte der Hatz stärker sein — selbst nicht gegen den philistäischen Erbfeind — als zwischen Israel auf der einen und Edom, Moab und Ammon auf der anderen Seite. Dabei war man sich der nahen Verwandtschaft der Völker durchaus bewußt. Das freilich hat auch das Altertum verstanden, den gegenwärtigen Haß in seiner Begründung in die Vergangenheit zu projizieren und dem Stammesheros des gehaßten Nachbarvolkes in Abstammung oder Lebensführung schweren Makel anzuheften. So sind Ammon und Moab in Blutschande erzeugt,Kanaan zum Sohne des den eigenen Vater verunehrenoen Ham gemacht, und der Stammvater Edoms ist der den Bruder grundlos hassende Barbar Esau. Wo der Haß bestand, da bot die üppig wuchernde Sagenwelt der alten Völker mühelos das Material. Wie jedes Volk den Stolz und das Selbstbewußtsein naturgemäß zum Ahnenstolz wandelt und die Urzeit seines Geschlechts von einem Göttersohn herleitet, so mutzte der Haß und Widerwille zur Verunglimpfung der Urzeit des gehaßten Volkes führen. Den Juden gegenüber haben Mantho, Apion und Tacitus onse Methode befolgt. Was war nun aber der Judenhaß des Altertums'? Für die älteste Zeit ist die Antwort einfach. Der Boden Kanaans, dieser schmalen Länderbrücke, die durch Meer und Wüste begrenzt, die Verbindung zwischen Aegypten und Arabien im Süden und Kleinafien, Armenien und dem Euphratlande im Norden bildet, ist von jeher wegen seiner politischen und militärischen Bedeutung für Angriff wie Verteidigung das Ziel der Eroberungspolitik der alten Großmächte gewesen. Aber zwischen ihnen liegend und oft das Herrenvolk wechselnd, deffen dünne Oberschicht sich mit der unterworfenen Bevölkerung mischte, wenn die Herrenkraft zu erlahmen begann, bot es einer Fülle kleiner Völkerschaften Raum, die in ununterbrochenen Fehden die eigene Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten und die Hegemonie zu erringen suchten. Nur vorübergehend hat es größere Staaten auf eigenem Boden erstehen, immer wieder Eindringlinge aus der unerschöpflichen Völkerkammer der Wüste einbrechen sehen. So waren aus der Wüste hebräische Stämme eingedrungen, die, sich loslösend von dem stammverwandten Ammon und Moab, trotz aller Rivalitäten und Fehden untereinander einen festeren Zusammenhalt hatten und in langwierigen Kämpfen das Land zum Lande Israels machten. Langsam verschmolz die unterworfene Urbevölkerung mit den Eroberern, nur gelegentlich brach der Haß durch. Aber die Nachbarn haßten dies neue Herrenvolk. Frellich dieser Haß ist rein politischer Natur. Die religiöse Verschiedenheit spielte nicht hinein. Das alte Israel hatte die große Idee des Monotheismus in sich noch nicht durchgekämpft. Sein Gott war ihm nur der Nationalgott, wie andere Völker die ihrigen verehrten, und neben dem Nanonalgott duldete und pflegte das Volk den Dienst alter Landgötter ober von den Nachbarn eingeführter Gottheiten. Wo Haß zu finden war, war es Nationalhaß, aus dauernder Reibung oder aus politischen Konstellationen hervorgegangen. Da brach nach langen Kämpfen das Reich zusammen, die Juden «änderten inS ExU. Das gleiche Schicksal, das 137 Jahre früher das mächtigere, kulturell vorgeschrittenere Israel getroffen hatte, blieb ohne tiefere Einwirkung. Die Ueberreste Israels im Exil gingen restlos in den umgebenden Völkern auf, wie die Ueberreste Israels im Heimatlande sich mit den neuen Kolonisten vermischten. Bon Rassenabneigung, von religiösem oder politischem Haß ist keine Spur zu finden. Die jüdischen Exulanten bewahrten ihre Eigenart, und nach wenigen Jahrzehnten konnte ein Teil in die Heimat zurückkehren. Diese Rückkehr in die Heimat, mehr noch die grundlegende religiöse Veränderung, hielt auch die Zurückgebliebenen in ihrer Sonderstellung. Es ist das erste Mal in der Geschichte, daß ein Volksteil, fern von der Heimat inmitten eines fremden Volkes, ohne gewaltsam gezwungen zu sein, sein Sonderdasein sestgehalten hat. Das ähnliche Blld der griechischen Kolonien darf über die Verschiedenheit nicht täuschen. Die griechischen

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