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KC-Blätter · 1915-07-01 · Heft 6 (Juli 1915) · p. Seite 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 6 (Juli 1915)
Date
1915-07-01
Page
Seite 431 (sequence 8)
Language
German
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431 Millionen von Rossen, die von den Steppen Rußlands heraufjagen, um den Segen unserer Heimaterde zu zerstampfen, es hört Tausende fieberndheißer Kehlen die berauschenden Klänge der Marseillaise jauchzen in den heimlichen Zügen, die im Schweigen der Nacht gen Osten eilen und es hört den Hellen Klang des Goldes, das aus den Händen englischer Staatsmänner fließt. Aber noch Gewaltigeres dringt aus dem engen Gehäuse zu mir. Ich lausche dem emsigen Rattern der Maschinen, die in den Werkstätten deutscher Rüstung Tag und Nacht an der Arbeit sind, ich höre schwielige Hände schwere Hämmer schwingen, die uns Waffen und Wehr schmieden, und höre Hunderttausende von Brüdern in gleichen» Schritt und Tritt gehen. Und ich höre das ruhige Atmen eines Volkes. Es ist schuldlos, wenn das letzte entscheidende Klingelzeichen ertönt. Die Straße vor dem Redaktionsgebäude ist voll von Menschen, die der Entscheidung harren. In meinem Arbeitszimmer ist es drückend heiß. Ich reiße die Fenster auf und lange mit zitternden Händen irgend einen neuen Roman vom Bücherbrett herab. Vergebens, meine Gedanken laffen sich nicht bannen. Seit heute früh schon sind drüben in der Setzerei die Lettern vorbereitet, welche das Furchtbare künden sollen. Aber noch hat die Presse nicht ihren schwarzen, plumpen Leib über sie hinweggewälzt und noch können sie wieder vernichtet werden. Die Minuten schleichen dahin wie Tage. Durch die offenen Fenster dringt das Murmeln der Leute von der Straße herein. Ich höre Frauenstimmen, aus denen ein verhaltenes Weinen klagt, und einfache, ernste Worte grauer Männer, den Wohlklang aus einem Kindermunde, der von der fröhlichneugierigen Unwissenheit des Herzens kündet, und über allem den hellen, fast jubelnden Gruß, den die Jugend der Stunde entbeut. Und dann endlich eröffnen die fiebernden Hände das letzte Telegramm. Im Maschinensaal der Druckerei beginnen die Maschinen die schwarzen, feuchten Blätter aus ihren Rachen zu speien. Ich eile ans Fenster und brülle die Kunde hinaus. Ein paar Sekunden verstummt das Murmeln. Dann zieht ein Mann mit schlohweißen Haaren den Hut vom Kopfe, und über den gesenkten Häuptern schwingt sich das schlichte „Großer Gott, wir loben dich" empor. Der Ausmarsch. Unsere Wagen sind voll Blumen und unsere Uniformen und Helme sind von lieber Hand geschmückt. Auf den Straßen, an denen wir vorüberfahren, stehen alte Männer und entblößen vor unserer Jugend das graue Haupt, kleine Kinderpatschhändchen strecken sich jauchzend nach uns aus, und Mädchen grüßen uns, die wir nicht kennen. Und irgendwo weint eine Mutter. Am Nachmittag schaue ich zum letzten Male das Heidelberger Schloß, und während der Zug an mir so lieb gewordenen Stätten vorbeirattert, sauge ich mit der ganzen Inbrunst meiner grenzenlosen Liebe zu jener Stadt, die meine Jugend bedeutet, all die Bilder in mir auf, die ich von ihr noch erhaschen kann. Mit dem Gedanken an Heidelberg fährt sich's gut ins Feld. Während der Nacht eilen wir den Rhein entlang. Ich hätte meinen Bayern den Strom gerne gezeigt, wenn die Strahlen der milden Herbstsonne einen Schleier reifer Pracht über das Tal weben, wenn von den Hügeln die Reben voll innersten Lebens strotzen und alte Burgen den jungen Tag grüßen. So aber sitzen wir im unruhigen Licht unseres Abteils zusammen und ich erzähle den Kameraden von den alten Sagen des Rheins, von den trutzigen Geschichten seiner Burgen und von altem und neuem welschen Begehren. Die fragen nicht viel und antworten nicht viel. Aber ich kenne sie und weiß, daß sie in dieser Nacht in ihren harten, treuen Herzen einen - Schwur getan haben, den keiner lebend brechen wird. Am nächsten Tag erreichen wir die Grenze. Ein letzter Abschied von der Heimat und dann ein brausendes Hurra und „Deutschland, Deutschland über alles". Bon ferne her dringt leise das Dröhnen der Kanonen. In uns erwacht das Blut der deutschen Jugend. Auf den harten Pflastern des Liller Bahnhofsplatzes haben wir unsere Gewehre zusammengesetzt und warten auf unsere Quartiermacher. Noch dringt feiner Rauch aus den Trümmern der erst vor einigen Tagen beim Sturm zusammengeschossenen Häuser. Nur wenige Personen eilen scheu an uns vorbei und wilder Haß glüht aus ihren Augen. Es krampst sich etwas Kaltes um unser Herz. Im Feindesland! Aber plötzlich öffnet sich in einem der gegenüberliegenden Häuser ein Fenster und neugierig lugt ein dunkler seiner Mädchenkopf auf uns herab. Gar nicht feindselig, sondern aus den schönen Augen strahlt so recht offen die Freude der Jugend an der Jugend. Will uns jemand darob schellen, daß auch unsere Augen zu sprechen anfingen und daß wir stumme, neckische Zwiesprache mit der kleinen Feindin hielten, bis die entsetzte Mutter die Gefahr erkannte und das Mädchen vorn Fenster holte. Arme, kleine Lilloise, daß du auch so ganz vergessen konntest, daß wir Barbaren sind! Wir haben einen anstrengenden Marsch hinter uns. In kurzer Entfernung tobt der Kampf und rvir errvarten jeden Augenblick den Befehl,

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