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KC-Blätter · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · p. Seite 415

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 415 (sequence 33)
Language
German
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415 werden; denn nicht ein einheitliches nationales Gebiet soll dem russischen Reich entrissen werden, sondern ein möglichst national-gemischtes — die Juden sind natürlich nach Ansicht des Verfassers auch eine Nation —, damit nicht ein Volk die Oberhand gewinnt und dadurch in den Stand gesetzt wird,'das deutsche Bollwerk niederzureißen. Ich gebe gerne zu, daß diese Vorschläge Kaplun-Kogans auf den ersten Blick etwas Bestechendes an sich haben. Aber bei näherer Prüfung scheinen mir seine Ideen zu einer praktischen Verwertung durchaus ungeeignet zu sein. Ich weiß, daß ich durch ein solches Urteil den Vorwurf auf mich ziehen kann, der in einem Worte Goethes liegt, das hier gegen mich gebraucht werden könnte: „Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung, und wie sie sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie und Phantasterei zu unterscheiden." Bei der Entwicklung seiner Ideen hat Kaplun- Kogan aber doch wohl allzusehr seine Phantasie spielen lassen und in Verfolgung einer bestimmten Tendenz etwas als bewiesen betrachtet, was nach Ansicht sehr vieler überhaupt nicht Tatsache ist. Er sieht die Juden Polens als eine festumschlossene Nation an, deren nationale Eigenheiten erhalten werden müssen. Es ist hier nicht der Ort, darauf einzugehen, ob die Juden eine Nation sind. Darum kann es sich bei der Lösung unseres Problems auch gar nicht handeln. Der Verfasser spricht eingangs selbst von einer Germanisierung der polnischen Gebiete; infolgedessen beabsichtigt das Reich auch gar nicht, eine polnische oder eine jüdische Nation großzuziehen, sondern es hat ein lebhaftes Interesse daran, die Bewohner der etwa zu erwerbenden Landesteile zu Deutschen zu machen. Und weiter: Werden die polnischen Juden, deren Kulturniveau augenblicklich dank der Barbarei ihrer Umgebung doch noch sehr gering ist, überhaupt imstande sein, aus sich selbst heraus, ohne jeden äußeren Einfluß, nur auf Grund einer gehobeneren Wirtschaftslage eine eigene lebenswerte Kultur zu schaffen? Wird nicht gerade deshalb schon der Staat die größten Bedenken tragen, eine Unabhängigkeit gerade auf den vorgeschlagenen Gebieten zu gewähren? Ein Hineintragen der kulturellen Güter des übrigen Deutschtums in das Ostjudentum scheint mir viel eher den erstrebten Erfolg zuversprechen. Was der Verfasser weiter in seiner Schrift erörtert, liegt außerhalb des Rahmens unseres Problems. Es werden noch eine Reihe sicherlich interessanter Betrachtungen angestellt, denen wir allerdings teilweise wiederum nicht zu folgen vermögen) eine vornehmlich können wir nicht unwidersprochen lassen. Kaplun-Kogan macht, wie schon einmal angedeutet wurde, einen grundlegenden Unterschied zwischen der Emanzipation des einzelnen — Beispiel: der kulturelle Aufschwung der Westjuden zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts — und der völkischen Emanzipation — so: der Umschwung in der Lage der Ostjuden, der jetzt ersehnt wird. Dieses Spielen mit dem Begriff „völkisch" kann uns heute nicht mehr Wunder nehmen. Die Emanzipation der Ostjuden wird ganz zweifellos einheitlicher vor sich gehen, als die der Westjuden es war. Aber ich glaube, man kann diesen Entwicklungsprozeß richtiger und besser aus oölkerpsycholögischen Erwägungen erklären: Wenn eine auf einem engen Gebiet zusammenwohnende Gesamtheit gleichzeitig große innere Veränderungen durchmacht, so ist es doch auch hier nur der einzelne, der zunächst sich wandeln kann. Lediglich das konzentrierte Zusammenleben, wie es im Osten der Fall ist, ist dann weiter die Ursache, daß sich die Umwälzungen gleichzeitiger, regelmäßiger und demgemäß auch einheitlicher vollziehen. An Herzlsche Ideen klingen die Zukunftsträume an, die der Verfasser am Schluß fiir die Westjuden ausspinnt, wenn einmal im Osten ein solch innerlich gefestigtes jüdisches Volk sich gesammelt hat. Wir wollen nun nicht gegenüber den Ausstellungen, die wir an der Arbeit Kaplun-Kogans, die nur ein Typ für viele ähnliche ist, zu machen hatten, selbst in den Fehler verfallen, Hypothesen über die Gestaltung der zukünftigen Lage der Ostjuden aufzustellen. Nachdrücklichst weisen wir nur noch einmal darauf hin, daß nur der Werturteile über die polnischen Juden fällen kann, der sich eingehend mit ihnen beschäftigt, der vor allem sich genau unterrichtet über die kulturellen und politischen Faktoren, die ihre Entrvicklung bedingen. Wenn in weite Kreise die Aufklärungsarbeit über unsere dortigen Glaubensgenossen hineingetragen ist, dann können wir auch überzeugt sein, daß die deutsche Regierung, deren Organisationstalent wir jetzt so vielfach bewundern können, das richtige Verständnis und den richtigen Takt haben wird, um den Ostjuden den Eintritt in eine neue glücklichere Periode ihrer Geschichte zu ermöglichen. Man wird natürlich die Entwicklung nicht überstürzen, sondern nur allmählich, unter tunlichster Berücksichtigung aller Eigenheiten, wird man sie in die Wege leiten können. Kant sagt einmal: „Der Krieg, wenn er mit Ordnung und Heiligachtung der bürgerlichen Rechte geführt wird, hat etwas Erhabenes an sich und macht zugleich die Denkungsart des Volkes, welches ihn auf diese Art führt, nur desto erhabener, je mehr Gefahren es ausgesetzt war und sich mutig darunter hat behaupten können." Wenn das deutsche Volk geläutert aus diesem furchtbaren Kamps, den es um seine

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