KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 413 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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413 sich mit ihr beschäftigen: Man soll vor allem der breiteren Oeffentlichkeit Aufklärung geben über die historischen, kulturellen und politischen Verhältnisse, unter denen sich die polnischen Juden bewegen. Jedes mehr ist akademische Erörterung, die die geringste Realisierung in der Voraussetzung über den Haufen werfen kann. Bei der Ausdehnung, die die Behandlung des Problems genommen hat, erschien es aber zweckmäßig, über den Stand der Frage, allerdings unter dem Gesichtspunkte der eben als notwendig bezeichnten Einschränkung, Bericht zu erstatten und kurz zu ihr Stellung zu nehmen. An der Hand zweier Schriften, die wir aus der Masse dessen, was in diesen Tagen über die polnischen Juden geschrieben ist, herausgreifen, wollen wir Aufschluß geben über die Verhältnisse, wie sie sich uns im Osten darbieten. Während die Abhandlung von Felix Perles vornehmlich die historische Entwicklung der Juden darstellt, befaßt sich Kaplun-Kogan hauptsächlich mit Vorschlägen zur Lösung des Problems. So geben beide Bücher, gemeinsam betrachtet, ein genaues Bild der Frage, die uns beschäftigt. Perles sucht historisch nachzuweifen, daß das polnische Judentum, wenn man auf seinen Ursprung zurückgeht, „eine Enklave deutscher Sprache und deutscher Gesittung im slavischen Osten darstellt". Infolge der immer mehr um sich greifenden Unsicherheit des Lebens setzte im dreizehnten Jahrhundert eine Abwanderung der deutschen Juden nach Polen ein. Sie wurden dort mit offenen Armen ausgenommen und erfreuten sich des Besitzes von 'Rechtsgütern, die das alte Vaterland ihnen verweigert hatte. Trotzdem vergaßen sie nicht ihren deutschen Ursprung und bewahrten im Gegensatz zu den gleichzeitig mit ihnen eingewanderten christlichen Deutschen die Sprache ihrer Heimat bis auf den heutigen Tag. Perles weist darauf hin, daß der sogenannte jüdisch-deutsche Jargon, der die Umgangssprache der polnischen Juden bildet, dem Germanisten eine noch lange nicht ausgeschöpfte Fundgrube bietet. - In gleicher Weise haben sich die nach Sausgewanderten Juden, wie der Verdartut, in sozialer und kultureller Hinsicht l^egs ihrer polnischen Umgebung angepaßt, n „sie wahrten mit der ihnen eigenen keit die Traditionen des Mutterlandes". AGmählich aber versteinerte sich ihre Kultur, da der Zufluß aus Deutschland ausblieb, und sie beschränkte sich lediglich auf das ihnen besonders gelegene Gebiet, das religiöse. So lagen die Verhältnisse, als bei der Teilung Polens der größte Teil der Juden unter russische Herrschaft kam. Trefflich schildert Perles, wie nach der Ermordung Alexanders II. die Vernichtungspolitik einsetzte, die sich kundtut in der erschütternden Tragödie, die das Leben der dortigen Juden seit einem Menschenalter darstellt. Zwei Mittel sind es, die die russische Regierung zur Durchführung ihrer Absichten benutzt: Die Einrichtung der Ansiedlungsrayons, die es den Juden vorschreibt, in ganz bestimmten wenigen Gouvernements, und in diesen auch nur in den Städten, Wohnung zu nehmen, und die Beschränkung ihrer Höchstzahl in allen Schulen durch eine Prozentnorm. Während die Beschränkung der Freizügigkeit die Juden in körperlicher Hinsicht einem bemitleidenswerten Zustand zugeführt hat, läßt die zweite Maßnahme sie geistig verkümmern: sie verbietet ihnen den Aufstieg zu höheren Berufen, und sie erstickt schon im Keime jedes Streben nach einer vollendeteren Bildung. In kurzen Worten gibt Perles weiterhin, nachdem er den Kulturzustand, wie ihn die grausame Entwicklung geschaffen, uns vorgeführt hat, uns Aufklärung über vieles uns Unverständliche im Wesen der polnischen Juden. Er weist nach, wie ihnen die Religion alles, was ihnen das Leben sonst verweigert, gibt, wie sie verhindert hat, daß sie in ihrem entsetzlichen Elend ihre Menschenwürde verloren haben. Die Tatsache aber, daß die dortigen Juden ausschließlich auf die Religion angewiesen sind, um ihrem Gefühlsleben Rechnung zu tragen, macht es begreiflich, daß sich, wie der Verfasser mit Recht anführt, in ihrer religiösen Betätigung Erscheinungen gezeittgt haben, die wir bei oberflächlicher Betrachtung als unverständig, ja wohl auch als unschön verworfen haben. Gegen die Borwürfe, die den polnischen Juden hinsichtlich ihres Verhaltens im geschäftlichen Leben gemacht werden, nimnrt Perles sie in Schutz, indem er auf den Verzweiflungskampf anspielt, den sie um ihre Existenz führen müffen und in dem sie naturgemäß jedes Mittel aufgreifen, um sich wenigstens notdürftig behaupten zu können. Interessant ist ferner die Feststellung, daß unter den in wirtschaftlicher Hinsicht so tiefstehenden Juden Polens im Gegensatz zu ihrer andersgläubigen Umgebung nur selten ein Analphabet zu finden ist: „Nicht nur den jüdisch-deutschen Jargon, sondern auch das Hebräische, die Sprache ihrer Gebete und heiligen Schriften, können sie fast ausnahmslos lesen und schreiben." Dadurch gibt es eigentlich keinen literarisch ganz Ungebildeten unter ihnen. Auch eine ansehnliche schöngeistige Literatur haben sie sich geschaffen. Sie besitzen hebräische Übersetzungen der Hauptwerke der Weltliteraturhervorragende Dichter sind aus ihren Reihen hervorgegangen — der Verfaffer erwähnt als Beispiel Morris Rosenfeld —, die durch ihre Schöpfungen Zeugnis ablegen von der originalen Geisteskraft des scheinbar intellektuell so tief gefunkenen Volkes.