Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · p. Seite 412

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 412 (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268887-2268893--1454-3523068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

412 Kriegsfurie schon über die Erde rast, zur Folge gehabt. Begriffe, die wir als unumstößliche Heiligtümer verehrten, wurden mit einem Schlage vernichtet; Ideen, die die Grundlage unserer politischen und wissenschaftlichen Weltanschauung seit jeher bildeten, konnten der Wucht der Ereignisse nicht standhalten und mutzten anderen Erkenntnissen Platz machen. Das Leben des einzelnen wie das der Gesamtheit befindet sich in einer fortdauernden Gärungjede Stunde kann die revolutionäre Kraft gebären, die geeignet ist, eine altehrwürdige Tradition über den Haufen zu rennen, um an ihre Stelle ein durch den großen Augenblick geschaffenes neues Gebilde zu setzen. Aber noch sind all die wirtschaftlichen und politischen, die wissenschaftlichen und psychologischen Folgen, die der Krieg verursacht, unabsehbar. Doch ahnen und fühlen können wir schon den Flügelschlag einer anderen Zeit. Wird sie alle Hoffnungen, die auf sie gesetzt werden, erfüllen? Wir wissen es nicht. Aber viele, denen die alte Zeit nur Kummer und Leid gebracht hat, harren sehnsüchtig der Morgendämmerung der neuen Geschichtsepoche, die über die blutigen Schlachtfelder Europas heraufzuziehen scheint, entgegen. Niemand aber kann mit größeren Hoffnungen den durch den Friedensschluß bedingten veränderten Verhältnissen entgegenbangen als unsere von der moskowitischen Regierung aufs schmachvollste behandelten Glaubensgenossen Polens. Seit Jahrzehnten werden sie von einer Regierung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre jüdischen Untertanen systematisch zu erdrosseln, aufs entsetzlichste epeinigt. Mit geradezu teuflischer Grausamkeit aben die russischen Machthaber es verstanden, die Juden geistig und körperlich auf einen Zustünd herabzuwürdigen, der sie unfähig macht, den Anforderungen, die unsere Zeit an den Kulturmenschen stellt, Genüge zu leisten. Wie der deutsche Jude in der dunkelsten Zeit des Mittelalters, so muß der ruffische Jude des zwanzigsten Jahrhunderts täglich um sein Leben zittern: Gefällt es der Laune irgend einer einflußreichen Persönlichkeit, so wird ein Blutbad inszeniert, das an Fürchterlichkeit die ausgesuchtesten Qualen der Folterkammer übertrifft. Und nun scheint diesen Unglücklichen die Erlösung aus ihrer langen Leidensnacht zu winken. Weite Gebiete Polens haben die Deutschen und ihre Bundesgenossen in siegreichen Kämpfen besetzt. Auf Deutschland, das jetzt den fürchterlichsten Kampf, den die Welt je gesehen hat, bestehen muß um der gleichen Jdeirle willen, um die wir Juden seit Jahrhunderten ringen, richten sich hilfeflehend die Blicke unserer polnischen Glaubensgenossen. In den Deutschen haben sie von dem Augenblick an, da ihnen der Despotismus der russischen Regierung die Möglichkeit zu einer Entfaltung ihrer geistigen Anlagen raubte, die Bannerträger aller Kultur gesehen. Was ihnen Kultur ist, das verkörpert sich im Deutschtum. Anderseits aber wissen nur vereinzelte der Deutschen, und auch nur sehr wenige der deutschen Juden, daß die jüdische Bevölkerung Polens ein Bollwerk des Deutschtums gegen die slavische Barbarei darstellt. Wir kannten nur ein verzerrtes Charakterbild, das uns lediglich zeigte, auf welch niedriger Kulturstufe der Jude des Ostens heute steht. Rein oberflächlich urteilten wir vielfach aus Grund des äußeren, in die Augen fallenden Eindrucks; wir bemühten uns aber nicht, zu ergründen, warum die Verhältnisse sich so gestaltet haben, und wir forschten nicht ob nicht die häßliche Hülle doch noch einen guten Kern barg. Infolgedessen sah man auch die Schwierigkeiten, die für den Fall, daß Deutschland sich polnische Gebiete aneignen wird, sich der Ausbreitung der deutschen Kultur in den Weg stellen würden, als ungeheuer groß an. Man dachte nicht daran, daß gerade die jüdische Bevölkerung aufs trefflichste geeignet ist, das Deutschtum in jenen Gebietsteilen zu verbreiten; denn man glaubte, daß es überhaupt unmöglich sei, die polnischen Juden zu Kulturmenschen zu erziehen. Fragen wie: „Wie soll die Humanisierung und Germanisierung der polnischen Juden' vor sich gehen? Sollen ihnen sofort alle staatsbürgerlichen Rechte, insbesondere die Freizügigkeit, schrankenlos erteilt werden? Welchen' Einfluß wird die Zuwanderung einer solchen Masse, zum Teil noch unkultivierter polnischer Juden auf die Stellung der alteingesessenen deutschen Juden ausüben?" — werden mit mehr oder minderer Objektivität, mit glühender Menschenliebe und mit kalter Gehässigkeit überall in der jüdischen oder nichtjüdischen Oeffentlichkeit erörtert. Die meisten dieser Betrachtungen verfallen aber in den Fehler, daß sie, weil man die wahre Eigenart der Ostjuden nicht kennt oder nicht kennen will, unsere dortigen Glaubensgenossen als Menschen bezeichnen, die sich hartnäckig vor jeder Berührung mit dem, was wir Kultur nennen, verschließen. Diese Erörterungen müssen sich natiirlich weit von den wahren Tatsachen entfernen. Abgesehen davon sieht man aber auch, daß das ganze Problem auf Voraussetzungen beruht, die noch völlig in der Luft schweben. Es wird erst dann eine reale Form annehmen können, wenn die deutsche Regierung ihre Stellung zu der Frage, ob polnische Gebietsteile von Rußland losgelöst werden sollen, kundtut. Ueber die Zweckmäßigkeit dieses Beginnens darf heute bekanntlich noch nicht diskutiert werden. Und so erscheint es mir zum mindesten übereilt, jetzt schon, wie es vielfach geschieht, die „Polenfrage" in feste Formen zu kleidem und zu ihrer Lösung bestimmte Richtlinien auszustellen. Gewiß! man kann und soll

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.