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KC-Blätter · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · p. Seite 411

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 411 (sequence 29)
Language
German
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411 Herrn dient um Lohn, sondern erfüllt selbstlos die Pflicht." Wir deutschen Juden brauchen, was Fragen der Weltanschauung betrifft, keine Zwiespältigkeit zu empfinden. Wir wissen, daß alles, was Zwiespältigkeit in uns hervorgerufen hat, von außen gekommen ist. Wir leben in zwei Kreisen, die sich schneiden, und die Fläche, die beiden gemeinsam ist, auf der wir stehen, ist groß genug,' daß wir uns ungezwungen auf ihr chewegen und nach beiden Richtungen hin wirren können. Wir wissen aber auch, daß diese beiden Kreise zu fest miteinander verbunden sind, als daß sie ohne Schaden gelöst werden könnten. Erziehung und Geschichte, Veranlagung und Wunsch, Liebe und Pflicht haben uns nach beiden Seiten Hirt so fest verankert, daß eine Losreißung von der einen zugleich unfern Lebensnerv treffen würde. Judentum und Deutschtum haben sich in uns nicht nur getroffen, sondern vermählt. In religiösem und deutsch-vaterländischemSinn zu wirken, damit' wären denn wohl die Aufgaben des Feldgeistlichen erschöpft, und ich könnte füglich schließen. Und doch kann ich die Feder noch nicht weglegen, ganz besonders nicht, da sie für die K. C.-Blätter eingetaucht worden ist, ohne auch noch die Frage zu streifen, die heute jeden Juden in Deutschland beschäftigt, die ganz besonders immer wieder erörtert wird, wenn ich mit Angehörigen des K. C. im Felde zusammenkomme (was zu meiner Freude recht oft geschieht), die Frage, wie die staatsbürgerliche Stellung der Juden in Deutschland nach dem Kriege sich gestalten wird. Ich wiederhole: zum Kreise meiner Aufgaben gehört diese Frage nicht; denn wer als Geistlicher auf den Kriegsschauplatz gegangen ist, hat kein Recht, dieser politischen Frage näher zu treten, oder doch nur insoweit, als es ihm als Einzelperson nicht verwehrt sein kann, politische Fragen zu erörtern. Immer wieder gelangt in Gesprächen und Briefen die enannte Frage an mich, und ich weiß, daß auch ie andern Kollegen die gleiche Erfahrung gemacht haben. Man meint, daß wir Feldrabbiner hier draußen mehr sehen, größere Zusammenhänge überblicken, Meinungen und Stimmungen maßgebender Persönlichkeiten kennen lernen, und demnach in der Lage seien, Urteile abzugeben. Jede Berechtigung läßt sich dem nicht absprechen. Wir haben des öfteren Gelegenheit, mit Herren zu sprechen, die über jüdische Fragen aufgeklärt sein wollen, beobachten mit Freude das Wohlwollen, das von so mancher Kommandostelle der Seelsorge für die jüdischen Soldaten entgegengebracht wird. Wir sehen, wie Kompagnie- und Bataillonsführer jüdische Soldaten aus dem Schützengraben weg zur seltenen Gelegenheit des Gottesdienstes beurlauben. Andere Tatsachen, die auf eine Besserung schließen lassen, sind der Oeffentlichkeit ohnehin bekannt. Wer wollte anderseits seine Augen davor verschließen, daß es außer günstigen auch ungünstige Zeichen gibt; daß sich neben beförderten Offizieren auch Kameraden finden, die glauben, aus antisemitischen Gründen nicht befördert oder ausgezeichnet worden zu sein. Naturgemäß sind hier die Erfahrungen verschieden, die Berichte gefärbt,' teils nach dem Wesen des Erstatters, teils nach den Truppenteilen und den Vorgesetzten. So muß ich mich denn bescheiden und sagen: Ich bin kein Prophet. Nicht aus Bequemlichkeit, um der Schwierigkeit der Beurteilung auszuweichen, sondern weil ich meine, daß zuviel der Möglichkeiten im Schoß der Zeiten schlummern. Wie mißlich es ist, Voraussagen zu wollen, hat das vergangene Jahr gezeigt. Wer hätte noch vor Jahresfrist für möglich gehalten, was heute Wirklichkeit geworden ist. So sehen wir der Entwicklung der Dinge mit Ruhe und Zuversicht entgegen. Wir sind nicht Optimisten genug, um zu meinen, daß das herrliche Kaiserwort, das die Parteien bannte, Wunderkraft genug behalten wird, um Jahrhunderte alte Vorurteile, Jahrzehnte alten Haß mit einem Male zu überwinden; wir werden bereit sein müssen, auch im Frieden weiter zu kämpfen. Aber wir können auch das Vertrauen auf den Sieg unserer guten Sache nicht preisgeben und denken mit hoffender Zuversicht: Das deutsche Volk, dessen gesunde Kraft als Anwalt nicht nur für die eigene gute Sache aufgetreten ist, dessen Blick durch eigene bittere Erfahrungen geschärft worden ist für ungerechtfertigte Beschuldigungen und grundlosen Haß, dieses unser deutsches Volk wird in seinem eigenen Hause schließlich auch jeden Rest von Ungerechtigkeit beiseite räumen, es wird uns beistehen im Kampf, den wir, wenn's not tut, wieder aufnehmen und führen wollen mit den Gedanken Dehmels im „Lied an alle": Gläubig greifen wir zur Wehre Für den Geist in unserm Blut- Volk, tritt ein für deine Ehre, Mensch, dein Glück heißt Opfermut! — Dann kommt der Sieg. Der herrliche Sieg. Zwei Schriften zur polenfrage?» Von vr. Kurt Alexander, Crefeld (Badeniae-Bavariae, Rheno-Silesiae). Ungeheure Umwälzungen hat das große Völkerringen in den zehn Monaten, in denen die . *) Felix Perles: Der Krieg und die polnischen Juden in ihrem Verhältnis zu Deutschland. Königsberg, Verlag von Gräfe und Unzer, 1914. Wlad. W. Kaplun-Kogan: Der Krieg. Eine Schicksalsstunde des jüdischen Volkes. A. Marcus & E. Webers Verlag, Bonn, 1915.

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