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KC-Blätter · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · p. Seite 410

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Journal
KC-Blätter
Volume
1914-1915
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
Seite 410 (sequence 28)
Language
German
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410 Wird die religiöse Stimmung anhalten? Wird sie so schnell verschwinden wie nach 1871? Oder sind wir, wie es den Anschein auch schon'vor dem Kriege hatte, in einer aussteigenden Linie religiösen Lebens begriffen? Wer möchte so vermessen sein, hier eine Antwort zu wagen? 'Die geringen Erfahrungen, die der Blick' in kleine Ausschnitte gewährt, zu verallgemeinern? All die Einflüsse zu berechnen, die Hm und her ziehen und nach dem Kriege sich vielleicht stärker erweisen werden als die Kraft, die wir jetzt beobachten? So soll es denn keine Meinung, sondern mehr eine Hoffnung sein, daß der Geist der Religiosität erhalten bleibt, daß er sich vor allem erhält in dem Ernst des Lebens, den ein Mensch gewinnen muß, wenn er monatelang den Ernst des Sterbens vor Augen sieht. Wenn es mit unserm Geschlecht nicht schon schlimm steht, dann wird hoffentlich die Generation, die heimkehrt, eine neue Wertung des Lebens gewinnen, dem Geistigen sein Recht lassen und hauptsächlich alles, was von Snobismus — Gott sei Dank, daß es kein deutsches Wort dafür gibt — auch heute noch vorhanden ist, von Grund auf wegsegen. Welche große Rolle bei dieser Aufgabe gerade der Akademiker zu spielen hat, ist zu wichtig, als daß man es verschweigen, ist zu weittragend, als daß man es erschöpfend darlegen könnte. Alles, was von den hier ausgesprochenen Hoffnungen sich erfiillt, wird wie jeder andern religiösen Gemeinschaft auch der unserigen zugute kommen und ihren Kern befruchten. Ihren Kern! Denn von welcher Seite wir auch zum Judentum kommen und wie wir zu ihm Stellung nehmen und uns in ihm betätigen mögen, Anfang und Ende, Quelle und Mündung bleibt doch seine Religion. Der Seele des Einzelmenschen gilt die erste und vornehmste Aufgabe des Geistlichenallein, er darf nicht darauf verzichten, den Blick auf die Gesamtheit zu richten. Die Sittlichkeit des einzelnen ist Stückwerk, wenn nicht die Bolkssittlichkeit ihre Fortsetzung, Versittlichung der Menschheit ihr Ziel ist. Wenn auch der gegenwärtige Krieg nichts anderes als eine rückläufige Bewegung in Hinsicht auf dieses Ziel genannt werden darf, so hat er doch, wie zum Ersatz dafür, im ganzen Volk sittliche Kräfte von ungeahnter Stärke ausgelöst, deren vornehmste Opfermut und Hilfsbereitschaft, Hingabe an das Ganze sind. Diese vaterländischen Tugenden zu fördern, das entflammte Feuer zu schüren, ist die Pflicht, die der Feldgeistliche dem Vaterlande und der Religion gegenüber zu erfüllen hat. Die Mehrung religiöser, sittlicher Kräfte im Einzelmenschen bedeutet zugleich eine Stärkung des sittlichen Bestandes des Volkes, in dem wir leben, dem wir verantwortlich sind nicht nur für Wohl und Wehe, sondern ebensosehr für die Höhe seines geisttgen und sittlichen Besitzes. Darum ist die Pflege vaterländischer Gesinnung eine Aufgabe, die sich gleichberechtigt neben die erste stellt. Nicht willkürliche Arbeitshäusung, nicht zweckmäßige Zusammenstellung, sondern nottvendige Folge der Gedanken lassen aus den religiösen die patriottschen Aufgaben erwachsen. Diese Aufgabe wird ebenso gern übernommen, wie leicht erfüllt. Das deutsche Volk befindet sich in glücklicher Lage: sein Gewissen ist in Uebereinsttmmung mit der vom Staat erkannten Notwendigkeit. Es kennt nicht den tragischen Zwiespalt zwischen Staatswohl und Rechtsbewußtsein. Ist unser Argwohn berechttgt, diesen Zwiespalt auf der Gegenseite anzunehmen? Es ist schwer, in eines andern Seele zu lesen, leicht, ihm den guten Glauben abzusprechenaber daß nicht auf allen Seiten unserer Gegner als Bundesgenosse das Bewußtsein des guten Rechtes kämpft, beweisen denn doch verschiedene Anzeichen innerer Uneinigkeit. Dies Bewußtsein des guten Rechtes ist es aber auch, das jedem davon erwärmte Wort — mag es auf der Tribüne oder dem Katheder, im' Gottesdienst zu Hause oder im Felde gesprochen sein — den Widerhall sichert und die Verbindung von Redner zu Hörer knüpft. So ist denn diese Seite der Tätigkeit des Feldgeistlichen eine leichtere und dankbarere, und die Hoffnungen, die sich daran knüpfen, sind um so berechttgter, je mehr das ganze Volk davon durchdrungen ist, daß es mit seinen Bundesgenossen aus hem rechten Wege geht. Haben wir es nöttg, uns im besonderen als Juden dazu zu äußern? Die Uebereinstimmung unserer Gefühle mit den Forderungen des Vaterlandes zu betonen? Ich glaube nichtzu offen liegt die Einsicht hierin vor; zu laut sprechen die Taten, die dafür zeugen. Wenn aber doch immer wieder aus so vieles hingewiesen wird, was die Uebereinsttmmung zwischen Deutschtum und Judentum beleuchtet, so kommt es wohl daher, daß die Tatsache von gegnerischer Seite zu oft bestritten wird, als daß wir sttllschweigend daran Vorbeigehen könnten, daß wir gezwungen werden, Apologie zu treiben, wo wir lieber in heiliger Selbstlosigkeit aufbauend wirken würden. — Deutsche Sittlichkeit und jüdische Sittlichkeit sind nun einmal zwei Blüten am gleichen Stamm. Deutsche Sitllichkeit, wie sie Luther, Kant, Fichte — Willkür nennt diese Namen, verschweigt andere — gelehrt und gelebt haben, ist ebensosehr der Tiefe deutscher Volksseele entsprungen, wie durch den Geist der Bibel genährt. Deutsche Treue ist groß, nicht kleiner ist die jüdische - deutsche Hingabe ist bewunderungswürdig, aber gleiche Selbstlosigkeit und Aufopferung zeigen Jahrhunderte jüdischer Geschichte, zeigt die Mahnung: „Seid nicht wie der Knecht, der dem

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