KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1914-1915
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 409 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268887-2268893--1451-3523065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
409 von der Arbeit -es Zeldrabbiners. Aufgaben und Hoffnungen. Von vr. L Baerwald, Feldrabbiner 6. Armee (Gouvernement Lille). Daß der Krieg die Religiosität gefördert hat, obwohl er selbst' allen Lehren der Religiosität widerstreitet, ist mehr als einmal bemerkt und ausgesprochen worden. Es ist einer von den vielen, scheinbaren Widerspriichen, die der Krieg geboren; der alle Schrecknisse entfesselt, ließ alles Große und Erhabene ans Licht treten, der die Völker getrennt, band mit unauflöslichen Banden das Volk, der den Haß erzeugte, den Neid erweckte, rief ungeahnte Kräfte der Liebe und des Vertrauens ins Dasein. So hat der Krieg die Seelen bewegt, das Gemüt erwärmt, den Willen zur Hingabe bereit gemachtmit einem Wort, die sittlichen Kräfte im Menschen gestärktvollends aber hat er den Boden zur Aufnahme religiöser Gefühle gelockert durch das gewaltige Erleben unserer Zeit. Ob das Erleben von innen oder außen kommen muß, um Gedanken- und Gefühlsinhalt des Menschen vom Grunde auszurühren, ganz gleichhier verband sich äußerliches und innerliches und erfaßte mit doppelter Gewalt jeden, der nicht mit Blindheit geschlagen ist. Es erfüllte ihn mit dem „Gefühl der Abhängigkeit", das, wenn auch nicht der Hauptinhalt der Religion, doch eine ihrer Grundstimmungen ist. Wer hätte sich dem Gefühl entziehen können? Ob er selbst zum Schwerte griff, ob Angehörige hinauszogen, oder ob auch nur alle Bedingungen seines Lebens durch das kommende Ungewisse in Frage gezogen wurden. Zum Glück tat der Krieg no<h mehr. Indem er die sittlichen Kräfte weckte, den Geist des Widerstandes gegen das Schlechte stärkte, tätige Mitarbeit zu freudig erkannter Pflicht machte, hat er uns an das Gute in der Welt glauben gelehrt, an den Weltwillen, den wir trotz aller Dunkelheit doch immer wieder zu erkennen meinen. So entstand in unserm Geschlecht aus Not und Leid Gottvertrauen und Zuversicht. Zuversicht freilich nicht in dem Sinne, daß wir unser eigenes Leben dadurch geschützt wähnen; — wir wissen, die Kugel trifft auch den gläubigsten und frömmsten. — sondern als Vertrauen darauf, daß unser Dasein, sollte es geopfert werden, der Gesamtheit dient und,dem Fortschritt, der nach dieser Erschütterung der Menschheit beschieden sein mpß. Ist dieser Glaube durch Zweifel getrübt, wer wollte .es nicht verstehen? Vielmehr, wer sollte es nicht wünschen? Ist doch keine Religiosität stärker gefestet als die durch Zweifel hindürchgegangene Immerhin können wir nicht blind sein gegenüber der Erscheinung, daß das Gottvertrauen sehr oft nicht über den Wunsch der Erhaltung der eigenen Person hinaus gediehen ist. Man kann sehr wohl wissen, daß das Geschehen sich nicht nach unfern Gebeten und Wünschen richtet, und doch sein Stoßgebet emporsenden - man wird sich dadurch nicht untreuman zeigt keine Schwäche, wenn man sich stärkt. Und darin liegt das Geheimnis von der Macht des Gebetes. „Des Menschen Herz ist wunderbar, wer will es ergründen?" Zu den Unergründlichkeiten, die sich einer Enthüllung widersetzen, gehört aber auch dies. Immer wieder tritt es auf, und wie vor Jahrtausenden dieselben Stimmen aus dem Innern der Menschen tönten, so werden sie nicht verstummt sein, wenn unser Krieg längst grauer Vergangenheit angehören wird. Zweifellos sind das die Grundzüge der religiösen Verfassung unserer Zeit; in aller Welt sind die Gotteshäuser stärker besucht; die Kirchen haben sich ebenso gefüllt, wie Synagogen und Moscheen. Diesen Zustand haben wir vorgefunden, als wir hinauszogen ins Feld, und die Erfahrungen der Feldgeistlichen aller Konfessionen zeigen hierin Uebereinstimmung. Ihre Aufgabe ist es nun, diese Stimmung nutzbar zu machen, sie zu vertiefen und sie womöglich zu einem unverlierbaren Besitztum zu gestalten. Auch hierin gilt es, das Durchhalten und Ausharren zu fordern, damit der jetzt vorhandene religiöse Besitz gepflegt, gemehrt und möglichst viel davon in die Zeit des Friedens mitgenommen wird. Steht uns bei dieser Arbeit nur ein schwaches Mittel, das gesprochene Wort, zur Seite, so kommt vieles uns entgegen und fördert uns in dieser Aufgabe, die unter gleich günstigen Bedingungen nur in seltenen Fällen an den Geistlichen herantritt. Der Boden ist schon gelockert, das Gemüt empfänglichdie einen kommen aus dem Gefecht, die andern gehen dorthin zurückdiese treffen wir aus dem Krankenlager, jene in seelischer Vereinsamung; dem einen ist der Gottesdienst im Felde die Fortsetzung seiner Gewohnheit, dem andern eine liebe Erinnerungwem er etwas neues ist, dem wird er ein unverlierbares Andenken, vielleicht ein Anfang sein. In allem aber: so leicht wie jetzt öffnen sich nur selten die Menschenherzen. Mehr als in der Heimat und im Frieden gilt unsere Sorge jetzt der Einzelseele, der wir nahetreten, wie sonst nur in seltenen Fällen des Lebens. Nie hat man mit gleicher Eindringlichkeit die Schönheit des Seelsorgerberufes empfinden können, daß man Freund sein darf einem jeden, der unsere Freundschaft annehmen will. Wahrhaft herzerfreuend ist es auch, mit welcher Dankbarkeit von den Angehörigen daheim der geringe Liebesdienst einiger Zeilen über das Befinden der Ihrigen entgegengenommen wird. Jedes Wort schlingt hier ein neues Band um die kleine Gemeinde und den Feldrabbiner.